Eine theologische Sicht auf das Glück Dusel oder göttliche Fügung?

12.06.2018

Ein echtes Geschenk, dass glücklich macht: Beziehungen zu Menschen und zu Gott.

Beziehungen zu Menschen machen uns glücklich.
Beziehungen zu Menschen machen uns glücklich. © luckybusiness

Es hat etwas Zweischneidiges, wenn Lehrer unter eine Aufgabenstellung schreiben: „Viel Glück!“ Es ist sicherlich gut gemeint, aber man kann darunter auch verstehen: Das zuverlässige Wissen und Können der Schützlinge reicht vermutlich nicht hin. Um die Aufgabe zu lösen, sind sie auf Glück („Dusel“) angewiesen. Oder geht es um das beglückende Gefühl, diese oder jene Prüfung erfolgreich hinter sich gebracht zu haben?

Es klingt schon an: Das deutsche Wort „Glück“ ist mehrdeutig. Einmal (im Sinne des englischen Wortes „luck“) bezeichnet es einen Erfolg, der uns ungeplant, ohne unser Zutun zugefallen ist. Zum anderen (im Sinne des englischen Wortes „happiness“) bezeichnet es hingegen einen inneren Idealzustand, vielleicht die Summe und den Inbegriff positiver Gefühle.

Bleiben wir zunächst beim „luck“. „Glück gehabt!“ Oft genug sagen wir das, oft genug hören wir das. Religiöse Menschen mögen es mit Recht oberflächlich finden: Viel passender wäre es doch, „Gott sei Dank“ zu sagen. Immerhin ist dieses „Glück“ nur die positive Form des Zufalls – man denke an das drastische „O Fortuna“ aus den „Carmina Burana“ von Carl Orff. Diesem „Glück“ ausgeliefert zu sein, wäre eine ziemlich unerfreuliche Perspektive. Wer dagegen „Gott sei Dank“ sagen kann, hat doch eine etwas andere Sicht vom eigenen Dasein in der Welt.

Durch die Brille des Glaubens

Gewiss, es bleibt dabei, dass uns vieles widerfährt, das wir nicht selbst in der Hand haben; wir machen unser Leben nicht selbst. Dass und von wem wir gezeugt und geboren wurden, haben wir uns nicht ausgesucht. Wenn uns der richtige Partner fürs Leben begegnet sein sollte und es am Ende gar „gefunkt“ hat, ist das nicht unser eigenes Verdienst (und kann es auch gar nicht sein, denn sonst wäre der Partner nur das Objekt unserer Wünsche). Auch dass unser Leben früher oder später endet, haben wir nicht bestimmt.

Wenn jemandem im Leben alles gut ausgegangen ist, kann er oder sie im Rückblick sagen: „Ich habe eben Glück gehabt.“ Wer das über sein Leben sagen kann, hat sich zumeist schon reiflich Gedanken gemacht und ist nicht bereit, das Gute, das ihm widerfahren ist, für selbstverständlich zu nehmen: Es musste nicht notwendig so kommen, dass ich jetzt relativ zufrieden auf mein Leben schaue; es hätte alles auch anders kommen können. Und: All das ist nicht meine eigene Leistung.

Aber ist es einfach nur „Glück“? Günstiger Zufall? Und was ist, wenn ich in meinem Leben offenkundig „Pech“ hatte und habe? Wer so weit reflektiert, ist häufig bereit, die eigene Lebensgeschichte in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Wir sprechen dann gern von „Schicksal“ oder „Fügung“. Es wäre allerdings ein Kurzschluss, zu erwarten, dass von hier aus ein direkter und notwendiger Weg zum Glauben an Gott, gar im christlichen Sinn, führen sollte. Umgekehrt: Wer an Gott glaubt, wird eher bereit sein, auch die eigene Lebensgeschichte durch die Brille dieses Glaubens zu betrachten und nicht nur zu sagen: „Ich habe Glück gehabt“, sondern „Gott sei Dank, es kam so“.

Stephan Witetschek
Stephan Witetschek © Krammer

Der Glaube bietet einen Mehrwert

Und wie ist es mit dem, was wir gern als „Pech“ bezeichnen? Man wird nicht gut behaupten können, dass im Lichte des christlichen Glaubens alles Leid, alles Scheitern, alles Misslingen unserer Lebensentwürfe einen schlüssigen Sinn bekäme; solche theologische Großmäuligkeit wäre schlechterdings zynisch. Wer im Leben „Pech“ hat, muss dazu nicht auch noch „Gott sei Dank“ sagen. Aber auf einer anderen Ebene bietet die Brille des Glaubens doch einen Mehrwert: Ich muss mein „Pech“ nicht einfach hinnehmen. Ich kann mich an jemanden wenden, mich bei jemandem beklagen.

Zurück zum Glück: Ob wir von „Dusel“ oder von göttlicher Fügung sprechen, ist eine Frage der Perspektive. In der Perspektive des Glaubens ist es hilfreich, das eigene Leben von etwas Größerem (beziehungsweise jemand Größerem) gehalten zu wissen. Diese Perspektive kann man niemandem theoretisch andemonstrieren. Man kann aber vorleben, dass diese Sicht auf das eigene Leben (mehr wäre vermessen) es erlaubt, Gutes und Schlechtes, „Glück“ und „Pech“ einzuordnen und zumindest ansatzweise zu deuten, vielleicht sogar ein bisschen zu verstehen. Mit anderen Worten: Das schlichte „Gott sei Dank“ erlaubt es, das eigene Leben als prinzipiell sinnvoll zu sehen (es muss nicht die einzig mögliche Deutung sein).

Leben, Freiheit und Streben nach Glück

Damit nähern wir uns schon dem an, was wir auch oft als „Glück“ bezeichnen – jetzt aber im Sinne von „happiness“. Über dieses „Glück“ – gelingendes, stimmiges, froh machendes, harmonisches Leben – haben sich schon antike Philosophen unter dem griechischen Stichwort eudaimonía Gedanken gemacht. Meistens verstand man darunter ein Leben, das nicht von Emotionen und Begierden geleitet war, sondern von Tugend und Nüchternheit, und das sich maßvoll in der Mitte zwischen den Extremen und im Einklang mit den Gegebenheiten (eventuell auch den Göttern) bewegte. Während man in der Antike glauben konnte, dass dieses „Glück“ objektiv zu definieren sei, wurde es in der Neuzeit zusehends zu einer individuellen Angelegenheit, um die sich nun jeder Mensch selbst zu kümmern hatte.

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Nicht ohne Grund nennt die amerikanische Unabhängigkeitserklärung als unveräußerliche Grundrechte jedes Menschen: Leben, Freiheit und Streben nach Glück (pursuit of happiness). Aus religiöser Sicht mag man auch hier ein Ungenügen empfinden: Glück/happiness bedeutet doch zunächst nur, sich innerhalb dieser Welt gut eingerichtet zu haben. Damit steht dieses Glück unter dem Vorbehalt der Vergänglichkeit. Pointiert gesagt: Es ist schon ganz nett, hier und jetzt, vielleicht auch länger, ein bisschen glücklich zu sein. Aber es genügt nicht. Daran ändert auch der oft zitierte Befund nichts, dass religiöse Menschen „glücklicher“ seien als andere.

Religion als Methode, um das eigene Glücklichsein in dieser Welt noch zu steigern, oder um das erfahrene Unglück etwas abzupolstern? Im Alten und Neuen Testament begegnet uns ein anderer Zugang: Das griechische Wort eudaimonía kommt hier gar nicht vor, wohl aber Seligpreisungen. Wir treffen sie ganz prominent am Anfang der Bergpredigt (Mt 5,3-12), aber beispielsweise auch im Alten Testament ganz am Anfang der Psalmen (Ps 1,1).

Für gute Beziehungen Sorge tragen

Glücklich/selig heißt hier, wessen Beziehungen zu Gott und den Mitmenschen in Ordnung sind, wer mit der Bergpredigt gesprochen, etwa keine Gewalt anwendet, Frieden stiftet, barmherzig ist. Auf den Punkt gebracht: Glücklich/selig bin ich nicht dadurch, dass andere mir Wohltaten erweisen, sondern dadurch, dass ich für gute Beziehungen Sorge trage. Ohne Gott mag das eine gewisse Plausibilität besitzen, aber eben nur bedingt. Aus der Sicht des Glaubens gründet dieses Glück nicht zuletzt in einer Perspektive auf die Zukunft – ganz deutlich in den Seligpreisungen der Bergpredigt.

Religiöse Menschen mögen glücklicher sein. Aus der Insider-Perspektive stellt sich der Befund aber gerade umgekehrt dar: Glücklich werden wir durch Beziehungen zu Menschen und zu Gott. Diese gewinnen wir aber nicht einfach nur durch „Glück“ (luck). Wir dürfen sie als Geschenk sehen, aber wir dürfen auch selbst etwas dafür tun. Was für ein Glück! (Stephan Witetschek)

Über den Autor

Der Autor, Stephan Witetschek, ist Privatdozent für Neutestamentliche Exegese an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München-


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