Portrait Ehrenamtliche Richterin

10.01.2020

Hanne Möller musste bis heute viele Schicksalsschläge erleben. Dennoch hat sie den Mut nie aufgegeben: Seit kurzem setzt sie sich am Sozialgericht München für Gerechtigkeit ein.

Hanne Möller musste schon viele Schicksalsschläge verkraften.
Hanne Möller musste schon viele Schicksalsschläge verkraften. © Riffert

Besuch bei Hanne Möller in Olching. Es war gar nicht so einfach, einen Termin zu finden, denn sie ist viel unterwegs. Dann öffnet eine energiegeladene und strahlende 73-Jährige die Tür. „Nein, eine Robe trage ich beim Sozialgericht nicht“, schmunzelt sie und nippt an der Kaffeetasse. „Ich sehe meine Aufgabe bei Verhandlungen am Sozialgericht so, dass ich die Verfahren aufmerksam begleite und mich dann einbringe, wenn meine Lebenserfahrung und Fachkompetenz gefragt sind.“ Hanne Möller ist seit 2012 ehrenamtliche Richterin am Sozialgericht München. Seit kurzem ist sie auch ehrenamtliche Richterin am Bayerischen Landes- und Sozialgericht. Für beide Ehrenämter war sie von der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) vorgeschlagen worden.

Unermüdlicher Einsatz

„Es ist gut, dass wir bei Verhandlungen der Sozialgerichte dabei sind“, betont sie und erklärt das am Beispiel eines konkreten Falles: Eine volljährige junge Frau, die Halbwaise war, klagte, weil sie für die Monate zwischen dem Ende ihrer Schulzeit und dem Beginn ihrer Ausbildung an der Fachakademie für Sozialpädagogik keine Waisenrente erhalten sollte. „Aber sie konnte ja nichts dafür, dass die Ausbildung erst im Herbst beginnt und nicht gleich nach dem Schulabschluss. Als Halbwaise hat sie auch das Geld dringend gebraucht“, schildert Hanne Möller die Situation. Der hauptamtliche Richter und die beklagte Rentenversicherung standen der Klage ablehnend gegenüber. „Erst als ich immer wieder nachgefragt habe, was das für die junge Frau bedeutet, dass sie ihre Halbwaisenrente nicht hat, ist man umgeschwenkt und sie hat das Geld auch für die Zwischenzeit zugesprochen bekommen.“ Erfolge wie dieser machen deutlich, dass Hanne Möller hier ein Tätigkeitsfeld gefunden hat, das sie mit Freude, Leidenschaft und Sachkompetenz ausfüllt.

Ein bewegtes Leben

Als immer noch aktives KAB-Diözesanvorstandsmitglied bezieht sie Position für Menschen, die Hilfe und Unterstützung nötig haben. Dazu trägt ihr eigener Lebenslauf wesentlich bei. „Ich habe zwölf Geschwister“, beschreibt Hanne Möller ihre Herkunftsfamilie. Sie stammt ursprünglich aus Külsheim im Main-Tauber-Kreis, im badischen Frankenland. Die Eltern sind auf traditionelle Weise fromm und zugleich großherzig. Als Hanne ein Freiwilliges Soziales Jahr im Kinderheim eines Ordens absolviert, nimmt sie einmal pro Monat mehrere Kinder am Wochenende zu sich mit nach Hause. Für ihre Eltern ist das völlig in Ordnung. Danach erlernt Hanne Möller den Beruf der Herrenschneiderin. Nach der Gesellenprüfung arbeitet sie einige Zeit Akkord in einer Fabrik. „Das will ich nicht mein ganzes Leben lang machen“, weiß sie schnell und heuert stattdessen als „Stewardess zur See“ an. „Das war eine tolle Zeit“, schwärmt Hanne Möller. „Ich habe unter anderem auf der Linie nach Südamerika gearbeitet und später auf der Linie nach Schweden und Finnland.“ Peinlich ist ihr damals, dass die Mutter dem Reeder schreibt, dass ihre Tochter noch nicht volljährig ist – was damals erst mit 21 der Fall war – und er nun die erzieherische Verantwortung für sie trage. Mittlerweile kann sie über diese Anekdote herzlich lachen. Mit 21 Jahren, gerade volljährig geworden, heiratet sie den Tierarzt ihres Heimatortes. Kurz darauf werden ihre Tochter und ihr Sohn geboren. Hanne Möller hat da bereits ihren zweiten Beruf: Als Tierarzthelferin mit Abschlussprüfung unterstützt sie ihren Mann tatkräftig. „Ferkel konnte ich allein mit einer Zange auf die Welt holen und Katzen habe ich auch sterilisiert“, erinnert sie sich an eine anstrengende, aber zugleich gute Zeit, in der sie zusätzlich abends für den Realschulabschluss büffelt.

Schicksalsschläge

Doch ihr Mann bekommt ein malignes Melanom, Hautkrebs, an dem er schließlich stirbt. Hanne Möller ist da erst 30 Jahre alt. „Ich hatte meinen Mann gepflegt, die Praxis mit Vertretungen weitergeführt, meine Kinder versorgt und für meine Prüfungen gelernt. Ich wog nur noch 46 Kilo und wusste: So kannst du nicht weitermachen.“ Sie sucht sich also einen Ausbildungsplatz zur Erzieherin und kann sich so weiter um ihre Kinder kümmern. Schließlich wird sie Jugendreferentin des Dekanats Tauberbischofsheim, wo sie zehn Jahre lang wirkt. Weil sie immer weiterlernt, hat sie es mittlerweile über das Begabtenabitur zum Fachhochschulabschluss in Betriebs- und Führungspädagogik gebracht. Als die Kinder im Studium und aus dem Haus sind, geht sie drei Jahre als pädagogische Mitarbeiterin an die Heimvolkshochschule. Dann wechselt sie als Hauptamtliche zur KAB im Erzbistum Freiburg, wo sie als Frauenbildungsreferentin tätig ist. Auch hier lernt sie weiter und kann schließlich ihr Pädagogikstudium mit dem Diplom abschließen. Hanne Möller lernt einen Mann kennen, dem sie nach Olching bei München folgt. Sie tritt eine Stelle als Einrichtungsleiterin eines Heilpädagogischen Zentrums beim Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband an. Natürlich bleibt sie auch ehrenamtlich engagiert, unter anderem bei der KAB auf mehreren Ebenen bis hinauf zur Bundesebene, aber auch im Landesfrauenrat.

Wer Hanne Möller persönlich mit ihrer ansteckenden Motivation erlebt, ahnt nicht, dass sie seit einigen Jahren schon wieder mit schweren Schicksalsschlägen umgehen muss. Ihr Lebensgefährte leidet an Parkinson und Demenz, sie selbst kämpft seit Jahren gegen den Krebs. Seit kurzem ist ihr Partner in einem Pflegeheim untergebracht, wo sie ihn täglich besucht. „Manchmal frage ich Gott schon, was er sich nun schon wieder gedacht hat. Dann hadere ich mit ihm. Aber er hat mir auch viel Positives mitgegeben, so dass ich mich immer weiterentwickeln und mit allem umgehen konnte“, erklärt sie. (Gabriele Riffert)


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