Eugen-Biser-Preis Ehrung für Charlotte Knobloch

13.09.2016

Für ihr Engagement für die jüdisch-christliche Verständigung hat Charlotte Knobloch den Eugen-Biser-Preis erhalten. Die Laudatoren bei der Preisverleihung schlugen nachdenkliche Töne an.

Preisträgerin Charlotte Knobloch © Eugen-Biser-Stiftung/Stefan Obermeier

München – Charlotte Knobloch (83), ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat den mit 5.000 Euro dotierten Eugen-Biser-Preis erhalten. Damit wurde ihr Wirken für die jüdisch-christliche Verständigung und die Erneuerung jüdischen Lebens in Deutschland nach dem Holocaust geehrt, hieß es bei der Preisverleihung am Montagabend in München. Die Auszeichnung erinnert an den katholischen Theologen und Religionsphilosophen Eugen Biser (1918-2014).

 

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, riefen bei der Feierstunde in der Allerheiligen-Hofkirche dazu auf, Rassismus und Antisemitismus zu bekämpfen. Die Bundesrepublik habe es "in einer unerträglichen Weise" mit offener oder verdeckten Judenfeindschaft zu tun, sagte Lammert, der 2012 ebenfalls den Biser-Preis erhalten hatte. Er warnte zugleich vor Antisemitismus unter Flüchtlingen. Menschen, die Hass gegen Juden und jüdisches Leben mitbrächten, "werden in Deutschland keine Heimat haben können".

 

Kein Platz für Rassismus

Bedford-Strohm bezeichnete es als "besonders schmerzlich", dass Vorbehalte gegen Juden bis in die Gegenwart hinein auch in den Kirchengemeinden verbreitet seien. "Antisemitismus und Rassismus haben in den Kirchen keinen Platz", so der bayerische Landesbischof. Dafür träten die Kirchen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln ein. Bedford-Strohm würdigte zugleich den jüdisch-christlichen Dialog nach dem Zweiten Weltkrieg. Beide Religionen sollten heute ihre geschwisterlichen Ursprünge öffentlich deutlich machen.

 

In ihrer Dankesrede rief Knobloch dazu auf, antidemokratischen, antiliberalen und antimodernen Ideologien keine Chance zu geben. Die Wahlerfolge rechtspopulistischer und extremer Parteien seien ein "Alarmsignal, das kein aufrechter Demokrat überhören kann und darf", so die 83-Jährige. Deutschland steht nach ihrer Ansicht vor historischen Herausforderungen. Nur wenn es parteiübergreifend und gesamtgesellschaftlich gelinge, wegweisende Entscheidungen zu treffen, "werden wir unser Land in Zukunft wiedererkennen".

Preisgeld für LMU

Charlotte Knobloch stand von 2006 bis 2010 an der Spitze des Zentralrats; sie ist bis heute Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. 2005 bis 2013 war sie zudem Vizechefin des World Jewish Congress. Die gebürtige Münchnerin, Tochter des bekannten Rechtsanwalts Siegfried Neuland (1889-1969), war als Kind von einer katholischen Bauernfamilie in Franken vor den Nazis versteckt worden. Das Preisgeld will Knobloch für den geplanten Aufbaustudiengang "Interreligiöse Theologie" an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität zur Verfügung stellen. (KNA)

Der Eugen-Biser-Preis wird seit 2003 in unregelmäßigen Abständen verliehen. Geehrt werden Persönlichkeiten, die sich mit ihrem Wirken für die Freiheit des Individuums, die Achtung der Menschenwürde und die friedensfördernde Bedeutung der Religionen einsetzen. Bisherige Preisträger waren neben Lammert der Mainzer Kardinal Karl Lehmann, der evangelische Münchner Neutestamentler Ferdinand Hahn und die muslimischen Initiatoren einer interreligiösen Dialoggruppe um den jordanischen Prinzen und Philosophieprofessor Ghazi bin Muhammad.


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