Bauwesen im Erzbistum Eigenverantwortung der Pfarreien stärken

18.06.2017

Anfang Februar wurde das Bauwesen im Erzbistum München und Freising grundlegend neu strukturiert. Im Interview erläutert Generalvikar Prälat Peter Beer die Aufgaben und Ziele.

Bauen im Erzbistum bedeutet mehr als bloßes technisches Können – hier geht es um die Pastoral der Zukunft. © imago

MK: Der 31. Mai war Stichtag für insgesamt 400 BauBescheide im Erzbistum. Was ist hier genau passiert?

BEER: Die Erzdiö- zese ist damit ein großes Stück vorangekommen bei ihrem Vorhaben, das kirchliche Bauwesen neu zu organisieren und positiv weiterzuentwickeln. In den vergangenen Jahren haben sich rund 400 Anträge von Kirchenstiftungen angestaut, die zum Beispiel eine Kirche sanieren oder ein Pfarrheim neu bauen wollen. In den vergangenen Monaten haben sich die Mitarbeiter aus dem Bauwesen die betreffenden Gebäude alle noch einmal angeschaut und eine einheitliche Bewertung der Dringlichkeit vorgenommen. So konnten wir in der jüngsten Sitzung der entsprechenden Gremien entscheiden, wo das Geld, das wir zur Verfügung haben, am meisten gebraucht wird. 62 Projekte werden nun angegangen, darunter 21 Kirchen, 20 Kindertagesstätten, 16 Pfarrheime. Rund 250 Anträge haben wir entsprechend ihrer Dringlichkeit auf eine neue Warteliste gesetzt, mit der wir nun weiterarbeiten. 82 Projekte mussten wir ablehnen.

MK: An wen gehen die Baubescheide?

BEER: Sie gehen an die Pfarreien, die ja die Bauherren sind bei Kirchen und Pfarrheimen. Die Kirchenverwaltungen können die Projekte, für die Mittel genehmigt wurden, nun vorantreiben. Bei den Anträgen, die auf der Warteliste bleiben, können sie jederzeit im Intranet nachsehen, wie hoch aktuell die Dringlichkeit eingestuft wurde und auf welcher Stelle der Warteliste sie stehen. Und bei Vorhaben, die abgelehnt wurden, gibt es oft noch die Möglichkeit, einen erneuten, abgeänderten Antrag zu stellen: Zum Beispiel kann es sein, dass die Gesamtsanierung einer Kirche noch nicht wirklich dringlich ist, die Restaurierung der Ausstattung aber schon.

MK: Wie viel finanzielle Mittel werden hier seitens des Erzbistums aufgewendet?

BEER: Wir haben den Bau-Etat für das Jahr 2017 fast verdreifacht: von den 57 Millionen Euro, die der reguläre Etat beträgt, auf 148 Millionen Euro (siehe „Wissenswert“). Dazu haben wir 91 Millionen Euro aus Rücklagen und weiteren Quellen entnommen. Für die 62 nun genehmigten Projekte (siehe Seite 3) stellen wir insgesamt 91,5 Millionen Euro zur Verfügung, die weiteren Mittel werden wir im Laufe des Jahres noch verteilen. Der nächste Schritt ist aktuell die Sichtung und einheitliche Bewertung von rund 200 weiteren Anträgen, die bereits nach den neuen Bauregeln gestellt wurden. Anschließend werden diese mit den alten Anträgen zusammengeführt, so dass es nur noch eine Liste für alle Projekte gibt.

MK: Nur rund 15 Prozent der Anträge können bewilligt werden, wie groß ist die Baulast, die derzeit auf dem Erzbistum liegt?

BEER: Wir können nicht alles bauen, was wir gern bauen möchten. Das ist nicht nur aktuell so, das wird auch so bleiben. Rund 7.000 Bauwerke befinden sich im Besitz der Kirchenstiftungen und der Erzdiözese. Viele davon sind architektonisch und künstlerisch außergewöhnlich, in erster Linie unsere Kirchen, aber auch Klöster oder Schulen. Alle unsere Gebäude sollen Begegnung ermöglichen: Begegnung mit Gott, im Gottesdienst, in Exerzitien, im geistlichen Gespräch, und Begegnung mit den Menschen der Gemeinde, bei gemeinsamen Aktivitäten, beim Lernen und Feiern, bei sozialen Projekten. Wir wollen diese Gebäude erhalten, damit wir sie weiterhin mit Leben füllen können. Aber uns muss auch klar sein, dass ihr Unterhalt und ihre Pflege hohe Kosten verursachen.

Generalvikar Peter Beer © EOM

MK: Wie lautet die Maxime bei der Bewilligung von Baumaßnahmen?

BEER: Wir gehen bei den Pfarreien immer von deren Bedarf aus. Wir fragen also nicht: Was wäre schön? Was hättet ihr gern? Sondern wir fragen: Was braucht ihr? Was macht ihr in den Gebäuden, welche pastorale, diakonische, gemeindliche, pädagogische Arbeit leistet ihr? Und dann bauen wir das, was notwendig ist. Wir werden niemals alle Projekte angehen können, die die Pfarreien beantragen – die schon genannte Warteliste wird sich niemals komplett leeren, es werden ja auch immer wieder neue Projekte hinzukommen. Deshalb müssen wir genau hinsehen und entscheiden: Wo ist der Bedarf am größten? Wo können wir mit den begrenzten Geldern, die wir haben, am meisten tun?

MK: Vor rund einem Jahr wurden die neuen „diözesanen Bauregeln“ in Kraft gesetzt – das sind ja weit mehr als bloße technische Leitlinien …

BEER: Bei den neuen Bauregeln ging es vor allem darum, die Eigenverantwortung und Selbstbestimmung der Pfarreien zu stärken. Sie haben nun ein höheres Budget zur Verfügung, mit dem sie Bauvorhaben bis 100.000 Euro eigenständig planen und durchführen können. Pro Jahr sind das übrigens, auf das ganze Erzbistum gerechnet, noch einmal 16,5 Millionen Euro, die wir für Baumaßnahmen ausgeben. Ab 100.000 Euro wird nun jeweils eine externe Projektsteuerung beauftragt, die die Kirchenstiftungen entlastet, indem sie die Umsetzung des Bauvorhabens vorantreibt und auch auf die Einhaltung des Budgets achtet.

MK: Was für Fehler hat man aus Ihrer Sicht in der Vergangenheit seitens der Kirche auf diesem Gebiet begangen? Wie will man diese in Zukunft vermeiden?

BEER: Es war eine große Leistung der Mitarbeiter in unserem Bauwesen, in den vergangenen Monaten all die beantragten Baumaßnahmen noch einmal zu überprüfen, zu beurteilen und zu priorisieren. Sie sind nach einheitlichen Kriterien vorgegangen. Damit haben wir eine sehr gute Grundlage für die Weiterarbeit gewonnen: Wir haben Überblick, wir wissen, was am dringlichsten ist. Das war früher nicht immer so, da wurden die Anträge in sehr unterschiedlicher Weise gestellt und waren dadurch nicht wirklich vergleichbar. Gleichzeitig haben wir nun eine größere Transparenz für die Kirchenstiftungen: Sie wissen jederzeit, wo sie mit ihrem Bauvorhaben stehen.

MK: Welche Bedeutung hat hierbei das Gespräch mit den Menschen vor Ort in den Kirchenverwaltungen und Pfarreien?

BEER: Wir wollen die Beratung für die Pfarreien weiter verbessern – das ist ein wichtiges Ziel bei der Neuorganisation unseres Bauwesens. Zukünftig arbeiten unsere Mitarbeiter in Teams, die jeweils für eine der drei Seelsorgsregionen zuständig sind. So ist für die Pfarreien jederzeit jemand erreichbar. Innerhalb der Teams gibt es aber auch noch einmal Spezialisten für bestimmte Themen. Wir wollen sicherstellen, dass die Pfarreien für jede Frage zum kirchlichen Bauen bei uns einen kompetenten Ansprechpartner finden, der ihnen mit fundierten Informationen und passender Beratung weiterhelfen kann.

MK: Was verändert sich für die Pfarreien/Kirchenstiftungen?

BEER: Sie haben durch die verbesserte finanzielle Ausstattung mehr Gestaltungsmöglichkeiten und können gleichzeitig verstärkt Beratung durch unsere Fachleute in Anspruch nehmen. Durch die Neuorganisation werden die Prozesse im Ordinariat für die Pfarreien transparenter. Und auch die eigentliche Durchführung der Baumaßnahme wird erleichtert, weil ab einer bestimmten Größe eine externe Projektsteuerung hinzugezogen wird, die sich darum kümmert, dass es auf der Baustelle vorangeht.

MK: Umschreiben Sie zusammenfassend diesen „Mentalitätswandel am Bau“ bitte in einigen Schlagworten.

BEER: Wir bauen nicht um des Bauens willen, sondern um des kirchlichen Lebens beziehungsweise der Menschen willen – so kann man es vielleicht zusammenfassen. Wir gehen immer aus von dem, was in einer Pfarrei passiert, in Bildung und Verkündigung, in der Caritas, in Gottesdienst und Liturgie. Wir fragen zum Beispiel, wie häufig das Pfarrheim genutzt wird und ob es überhaupt geeignet ist für die Aktivitäten der Pfarrei. Von dieser Bewertung hängt dann die Dringlichkeit einer Baumaßnahme ab. Natürlich würden wir gern alle Bauvorhaben genehmigen, die die Pfarreien beantragen. Aber obwohl unser Bauwesen schon mit einem recht hohen Etat ausgestattet ist, reichen die finanziellen Mittel nicht aus. Bei der Bewertung der einzelnen Anträge steht deshalb das Konzept für die Nutzung im Vordergrund: Das muss Hand und Fuß haben, da muss etwas dahinter sein, und dann schauen wir, wie wir die passenden Räumlichkeiten dafür schaffen.

Interview: Florian Ertl, Alois Bierl, Georg Walser

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Bauen im Erzbistum

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