Missbrauchsstudie der deutschen Bistümer Ein Anfang nicht nur in der Kirche

01.10.2018

Die Missbrauchsstudie der katholischen Bistümer ist ein Pionierwerk in Deutschland. Dahinter dürfen sich andere Institutionen nicht verstecken.

Dokumentiert "institutionelles Versagen", wie es Kardinal Marx genannt hat: Die sogenannte MHG-Studie, benannt nach den drei Forschungsorten Mannheim, Heidelberg, Gießen.
Dokumentiert "institutionelles Versagen", wie es Kardinal Marx genannt hat: Die sogenannte MHG-Studie, benannt nach den drei Forschungsorten Mannheim, Heidelberg, Gießen. © KNA

Die deutschen Bischöfe konnten es auf ihrer Herbstvollversammlung nicht sagen. Und sie haben es klugerweise auch nicht gesagt. Es hätte selbstgerecht gewirkt, so als ob die eigene Verantwortung nach der großen Missbrauchsstudie kleingeredet werden sollte. Aber es ist nicht von der Hand zu weisen: Die katholischen Bistümer in Deutschland sind die erste und einzige Institution in Deutschland, die ihr Versagen beim Schutz von Minderjährigen eingestanden hat und aufarbeiten will. Diese Tatsache klang in der vergangenen Woche bei der Vorstellung der großen Studie am Rande an. Die Forscher können keine Vergleichsdaten heranziehen etwa aus Sportvereinen, bei Schulträgern oder auch der evangelischen Kirche in Deutschland. Deren Vorsitzender Heinrich Bedford-Strohm sieht für eine eigene bundesweite Studie keinen Anlass, es sei ja alles schon regional aufgearbeitet worden.

Keine rein katholische Angelegenheit

Dass sexueller Missbrauch sich aber nicht nur auf die katholische Kirche beschränkt, macht ein Blick auf die Kriminalstatistik 2017 deutlich: Über 13.500 Anzeigen hat das Bundeskriminalamt gezählt. Nur ein Bruchteil davon betrifft die deutschen Bistümer. Missbrauch ist offenbar ein Massenphänomen vor allem in Familien, aber auch in jeder anderen Institution. Dass die Öffentlichkeit derzeit nur auf die katholische Kirche starrt, lässt andere Opfer in Vergessenheit geraten. Doch Missbrauch ist überall zu finden, wo Autoritäts- und Machtverhältnisse und Schweigekartelle herrschen. Wenn es keine systematische Vorbeugung gibt, sind sie ein Biotop für Täter. Die müssen nicht einmal unbedingt pädophil sein, sondern wollen vielleicht einfach mal eine pornographische Phantasie ausleben. Solche Abhängigkeiten und Präventionslücken auszunützen, ist ein gesellschaftliches und menschliches Problem. Es lässt sich nicht damit lösen, es bestürzt ausschließlich an Klerikern festzumachen. Abgesehen davon, dass sich Teile der Öffentlichkeit durchaus über den Glaubwürdigkeits- und Ansehensverlust der katholischen Kirche freuen. Denn deren politischen Mahnungen vom Lebensschutz bis zur Flüchtlingsfrage sind ja oft lästig und unbequem.

Kein Grund zum Zurücklehnen

All das bedeutet natürlich nicht, dass sich die Bischöfe nach der aufsehenerregenden Studie zurücklehnen können. Sie reden ja selbst davon, dass die Aufarbeitung nun erst beginnt. Kardinal Reinhard Marx hat von einem institutionellen Versagen gesprochen, von klerikalem Machtgehabe. Und die Studie legt nahe, dass die nach außen verkündete strenge Sexualmoral und der Zölibat Männer ins Priesteramt gezogen haben, die emotional unsicher und unreif sind. Das begünstigt seelische Konflikte, die sich in Missbrauchstaten entladen können. Viele Verantwortliche in den Bistümern haben dabei oft jahrzehntelang Verbrechen vertuscht, weil ihnen das Ansehen der Institution und ihres Priesterstandes wichtiger waren als die Leiden der Opfer. Die bevorstehenden Veränderungen werden also tief gehen müssen. Kleriker können und sollen sich nicht mehr als unantastbare Kaste begreifen.

Weitere energische Schritte

Dazu braucht es auch die Offenheit mit der Wissenschaft und dem Rechtsstaat zusammen zu arbeiten. Die Präventionsarbeit ist zwar schon in einigen Bistümern, unter anderem in München und Freising, weit fortgeschritten und in der Studie hervorgehoben worden. Sie braucht aber dauerhaft Personal und will ständig beobachtet sein. Abgesehen davon, dass andere Bistümer diese Vorbeugung noch nicht so vehement betreiben. Die Bischöfe haben in einer Selbstverpflichtung erklärt, dass sie sich bei ihrer Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs auf die Finger schauen lassen wollen. Jedes Bistum wird darüber Rechenschaft ablegen müssen, was es in dieser Frage tut oder eben nicht tut. Die katholische Kirche verspricht also energische Schritte. Das ist gut so. Und es ist zu hoffen, dass sie auf diesem Wege die gesamte Gesellschaft zwingt, das Thema nicht aus den Augen zu verlieren. Und dass ihr andere Institutionen auf diesem nun Weg folgen.

Audio

Zum Nachhören

Kommentar zur Missbrauchsstudie im Münchner Kirchenradio

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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