Hebammenstudium Ein Bachelor in Hebammenkunde?

24.06.2019

Der Hebammenmangel ist ein Problem. Jetzt soll das Hebammenstudium kommen. Aber bringt das was?

In Bayern müssen sogar Kliniken schließen, weil es nicht genug Hebammen gibt.
In Bayern müssen sogar Kliniken schließen, weil es nicht genug Hebammen gibt. © Shchipkova Elena - stock.adobe.com

München – Christina van de Ven kneift die Augen ein wenig zusammen, die Sonne blendet. Sie lächelt, sie überlegt kurz. „Nein, auch dann würde ich jetzt Psychologie studieren oder etwas anderes machen“, sagt sie. Die 33-Jährige sitzt vor einem Cappuccino in einem Café an der Leopoldstraße in München. Neben ihr liegt eine Tasche mit schweren Büchern, sie hat gerade eine Pause zwischen zwei Vorlesungen. Eigentlich ist sie Hebamme. Auch jetzt während des Studiums arbeitet sie noch 40 Stunden im Monat in einer städtischen Klinik. Für sie hätte es keinen Unterschied gemacht, ob sie wie jetzt eine Ausbildung in der Tasche hat oder einen Bachelor, so wie die jungen Frauen es in Zukunft haben werden.

Ab dem Jahreswechsel soll die Ausbildung für Hebammen durch ein Bachelorstudium ersetzt werden. So sieht es jedenfalls ein Gesetz von Gesundheitsminister Jens Spahn vor. „Es ist eine notwendige Anpassung an europäische Standards“, erklärt Prodekan Professor Bernd Reuschenbach von der Katholischen Stiftungshochschule München (KSH). Dort wird ab dem kommenden Wintersemester „Hebammenkunde“ als Studiengang angeboten. In den Niederlanden zum Beispiel ist das schon länger der Fall. Doch neben der schlicht notwendigen Anpassung an die anderen Länder Europas geht es Reuschenbach vor allem um eine Aufwertung des Berufs. Der Mangel an Hebammen ist groß. Immer wieder müssen Kreißsäle von Krankenhäusern schließen, weil sie nicht genug Personal haben und viele Frauen finden keine Hebammen für die wichtige Nachsorge.

Traumberuf Hebamme

Für van de Ven war Hebamme nämlich immer ein Traumberuf. Mit 16 machte sie ihr erstes Praktikum auf einer Wochenbettstation, nach dem Abitur bewarb sie sich bei über 30 Hebammenschulen, aber es gab nicht genug Plätze und so machte sie erst einmal eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester und im Anschluss dann doch noch die Ausbildung zur Hebamme. Von 2011 bis 2017 war sie in einer Münchner Klinik als Hebamme angestellt. Seit sie ihr Studium angefangen hat, ist es nur noch Teilzeit.

Für Christina van de Ven war Hebamme immer ein Traumberuf.
Für Christina van de Ven war Hebamme immer ein Traumberuf. © Privat

Das Geld war nicht der Grund, warum sie jetzt etwas anderes machen will. Klar, ist das nicht viel, aber wie auch Reuschenbach sagt, sind die Hebammen im Vergleich mit anderen Pflegeberufen noch ganz gut dabei. Allerdings, merkt Van de Ven an, sind die Unterschiede enorm. In Geburtshäusern verdienen die Frauen erheblich schlechter, während andere in privaten Häusern durchaus gutes Geld bekommen würden. Dazu kämen in manchen Einrichtungen noch die horrenden Gebühren für die Haftpflichtversicherung, die die Hebammen zahlen müssen. Daran würde auch ein Studium nichts ändern. Allerdings merkt Reuschenbach an, dass natürlich die Basis für Tarifverhandlungen eine andere wäre, wenn das Personal nun einen akademischen Grad hat.

Praxis soll nicht zu kurz kommen

Ein weiterer wichtiger Punkt für ihn ist, vermehrt neuere „wissenschaftliche Erkenntnisse mit in den Berufsalltag der Hebammen zu integrieren“. Das neue Hebammenstudium sieht vor, dass neben 2.000 Stunden Praxis auch die Theorie nicht zu kurz kommen soll. In der alten Ausbildungsordnung waren es noch tausend Stunden mehr Praxis. „Hebamme ist ein Beruf, der von Erfahrung lebt“, erklärt van de Ven. Jede Geburt sei anders und keine einzige nach Lehrbuch, da müsse man einfach viel Erfahrung haben. Deswegen fange auch keine Hebamme in der freien Geburtshilfe an, sondern immer in einem Krankenhaus. An der KSH soll es genau deswegen auch weiterhin 3.000 Praxisstunden geben. Auf Bundesebene ist das allerdings nicht so.

Durch das Studium würde die Stellung der Hebamme gegenüber dem Arzt gestärkt werden, erklärt Reuschenbach. Es ist ihm anzumerken, dass ihm die Hebammen am Herzen liegen. Der Arzt könne die Hebamme nicht mehr einfach abtun, denn auch sie hätte jetzt einen akademischen Grad. Das findet auch van de Ven gut und wichtig, auch wenn sie selbst nicht die Erfahrung gemacht habe, dass Ärzte zu ihr herunterschauen. Im Gegenteil: Letztendlich sei es ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit gewesen, die jungen Assistenzärzte auch anzuleiten. Schließlich wüssten die zwar unglaublich viel, hätten aber keinerlei Praxiserfahrung. Und auch die älteren Ärzte hätten sich meist auf ihre Expertise verlassen. Aber natürlich kennt sie von Kolleginnen, dass das ganz anders sein kann.

Prekäre Arbeitsbedingungen

Die Hoffnung, dass mit einem Studium mehr junge Menschen Geburtshelfer werden wollen, teilt van de Ven allerdings nicht. Das Problem sei auch weniger der Nachwuchs, sondern mehr die Leute zu halten, weil die Arbeitsbedingungen katastrophal sind: „Es kann gut sein, dass man acht Stunden nichts isst oder trinkt oder aufs Klo geht“, erzählt sie von ihren Schichten. Anstatt zwei Frauen zu betreuen, müssen die Frauen sich oft um vier oder fünf kümmern. Da könne man den werdenden Müttern gar nicht gerecht werden. Man renne von einem Raum mit einer glücklichen Familie mit einem kreischenden Baby in den nächsten, wo vielleicht gerade alles auf der Kippe steht oder sogar das Undenkbare passiert ist. Vielleicht sei man gezwungen eine Geburt einzuleiten, damit das Bett frei wird. Von den 28 Hebammen auf ihrer Station – davon die meisten wie sie selbst nur in Teilzeit – hätten gerade zwei ein Burnout, erklärt sie und gibt freimütig zu, dass sie auch kurz davor gestanden habe. Die Krankenhäuser könnten da auch nichts dran ändern, erklärt sie, denn die hätten ja auch kein Geld.

Christina van de Ven streicht sich die Haare aus dem Gesicht und stellt fest: „Solange sich die Arbeitsbedingungen nicht ändern, wird auch das Studium nichts bringen“. Sie hat jetzt bald ihren Bachelor. Nur in Psychologie statt in Hebammenkunde.

Der Autor
Thomas Stöppler
Volontär
t.stoeppler@st-michaelsbund.de


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