Pater Paolo Dall'Oglio Ein Christ verliebt in den Islam

17.05.2017

2013 wurde der italienische Jesuit im syrischen Raqqa von Islamisten des ISIS verschleppt. Bis heute gibt es kein Lebenszeichen des Mannes, der von sich selbst sagt, er sei Christ und im Herzen auch Muslim.

Pater Paolo Dall'Oglio bezeichnet sich als Christ und im Herzen auch Muslim.
Pater Paolo Dall'Oglio bezeichnet sich als Christ und im Herzen auch Muslim. © wikipedia/Patrick Garety Olivia Crellin

„Das christliche Herz besitzt Argumente, die die menschliche Logik nicht kennt“: Dieser Satz, eingebettet in einen Vortrag von in Rom vor dem Arabischen Frühling im Jahr 2011, beinhaltet alles, was Pater Dall'Oglio gelebt und vorgelebt hat. Der Gründer der Klostergemeinschaft „Mar Musa“ im Gebirges des Antilibanon setzte sich seit 30 Jahren und ohne Unterlass für den Dialog zwischen Christen und Muslimen in Syrien ein. „Mein Ausgangspunkt ist die Botschaft des Evangeliums und nicht die Zugehörigkeit zu einer religiösen Familie“, sagte er Ende 2012.

Die Anfänge

1954 in Rom geboren, trat Dall'Oglio mit 19 Jahren in den Orden der Jesuiten ein. Sein Vorgesetzter sendet ihn zum Koranstudium nach Syrien, wo er zudem arabisch lernte. Anfang der 1980er Jahre verrichtete er seine Exerzitien zwischen den Klostermauern von Mar Musa. Ab 1984 begann er, die Klosteranlage wieder aufzubauen Mit der Aufbauhilfe vieler anderer Christen in der Gegend wird das Kloster rasch zu einem Ort der Begegnung zwischen den Konfessionen und Religionen, das zuletzt etwa 50. 000 Menschen pro Jahr besuchten. Der deutsch- iranischen Autor und Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Navid Kermani besuchte 2012 das Kloster besuchte, war es, als „stünde ich mitten der Bibel, so erhaben und grandios. Tauchte eine Menschengruppe am Horizont auf, ich hielte sie unbesehen für das Volk Israel, das von Gott vorstoßen oder zurückgerufen wurde.“

„In der Liebe zum Islam, im Glauben an Jesus“

Das Kloster, das auf den ersten Blick einer Moschee zum Verwechseln ähnlich sieht, beherbergte zunächst Mönche, später auch Nonnen.

Ab 2011, dem Beginn der Unruhen und Demonstrationen in Syrien, steht der Jesuit auf der Seite der Demonstranten, was ihm den Respekt vieler Muslime, aber Verachtung von Seiten der christlichen Amtskirchen einbringt. Seine Arbeit für Frieden und Versöhnung ist den elf christlichen Konfessionen im Land ein Dorn im Auge, denn er – so lautete die Kritik –agiere übertrieben islamfreundlich.

Nach Dall`Oglios offenem Brief an den damaligen UNO- Generalsekretär Kofi Annan zu den Kriegsverbrechen der syrischen Armee am eigenen Volk muss Dall'Oglio Syrien verlassen – er gehe jedoch nicht freiwillig, was er in einem Fernsehinterview betonte. Er fühlt sich nicht an seiner Ausweisung gebunden und hielt sich weiterhin in Syrien auf. Er befürchtete, das Land werde nach einem Sturz Assads dem konfessionellen Hass anheimfallen.

Die letzten Lebenszeichen

Im Juli 2013 kämpfte er mit Worten gegen die Aufständischen in der Stadt Raqqa. “Sein Leben in Gottes Hand gewusst“, verhandelte er Ende Juli 2013 mit dem so genannten Islamischen Staat (ISIS) über das Schicksal von zwei Geiseln – Verwandte von Familien, die mit Dall'Oglio befreundet sind. Während eines Besuchs rebellenkontrollierter Gebiete im Norden Syrien definierte er die zentrale Aufgabe des Syriens nach dem Krieg: die Reintegration der vom Krieg traumatisierten Männer in die Gesellschaft.

Noch heute sind die Nonnen fest davon überzeugt, dass der Ordensgründer noch am Leben ist. Für Schwester Carol, ebenfalls im Exil, ist es nicht nur ein Gefühl, denn noch fordere der IS weder Lösegeld oder einen Austausch. Die Entführung bleibt nicht ohne Folgen für das Verhältnis von Christen und Muslimen: „Indem sie ihn entführt haben, ausgerechnet ihn, geben diese Muslime den Christen allen Anlass, mehr noch: zwingen sie geradezu, den Islam erst recht zu fürchten“, konstatiert Kermani.

In der Ungewissheit seines Schicksal bleibt sein Streben nach Liebe und Eintracht zwischen den Religionen und den verschiedenen Konfessionen. In dem anfangs angesprochenen Vortrag merkte Pater Dall'Oglio außerdem an, dass es darum gehe „den Islam mit dem Jesus von Nazareth zu vermählen, der in der Kirche lebt, und zwar just inmitten der dramatischen, widersprüchlichen und schmerzerfüllten muslimischen Welt von heute.“ Trotz aller Unterschiede haben beide Abraham als Stammvater, dessen „Segnungen erneuert werden müssen“. Auch wenn Pater Paolo Dall'Oglio für unbestimmte Zeit eine Geisel des ISIS ist – seine Worte und Taten – Liebe ohne Grenzen – sind zeitlos und bleiben das Credo seiner Ordensgemeinschaft. (mc)

Am Samstag (20. Mai) hält Pater Dr. Christian Rutishauser SJ im Rahmen der Tagung „Spiritualität der Zukunft“ einen Vortrag über „Paolo Dall´Oglio SJ“. Beginn 9 Uhr. Zur Tagung anmelden können Sie sich unter info@bildungszentrum-freising.de oder unter 08161/ 1812177. Eine Tageskarte für Samstag kostet 30 Euro. Das vollständige Programm finden Sie hier.


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