Wie trauernde Geschwister sich Trost spenden Ein Gefühl von Gehalten-Werden

18.03.2016

Eine Gruppe für trauernde Geschwister trifft sich monatlich in der Pfarrei St. Wolfgang im Münchner Stadtteil Haidhausen. Dort wird das dritte geistliche Werk der Barmherzigkeit, „Die Trauernden trösten“, ganz konkret.

Mit Menschen zusammen zu sein, die mit denselben Problemen zu kämpfen haben, ist für Trauernde eine Hilfe. (Bild: imago)

„Mein Bruder hat sich im Januar 2015 das Leben genommen.“ Dieser Satz kommt Sandra Schwarz immer noch schwer über die Lippen. Der unerwartete Tod ihres Bruders hat sie aus der Bahn geworfen. Man wisse erst einmal gar nicht, woran man sei und habe jeden Glauben an die normale Welt verloren, erzählt die junge Münchnerin. Und was noch schlimmer ist: Niemand habe sie in ihrer Not gesehen. Familienangehörige und Freunde hätten immer nur gefragt: „Wie geht’s deinen Eltern?“ Dass sie selbst trauere, habe kaum einer registriert.

Die Geschwistertrauer fällt meistens hinten runter, das bestätigt auch Christina Enöckl. Sie leitet eine Gruppe für trauernde Geschwister im Verein „Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister“, die sich einmal im Monat in den Räumen der Pfarrei St. Wolfgang im Münchner Stadtteil Haidhausen trifft. Enöckl ist vor fünf Jahren zu den trauernden Geschwistern gestoßen, nachdem ihre Schwester bei einem Unfall gestorben war. Das Unglück war eine Zäsur in ihrem Leben: Das dritte geistliche Werk der Barmherzigkeit, „Die Trauernden trösten“, ist seitdem nicht mehr aus ihrem Alltag wegzudenken. Auch weil die Trauergruppe in den vergangenen Jahren immer größer geworden ist. Bis zu 15 Erwachsene sind es zurzeit, die an dem zweistündigen Treffen der Trauergruppe teilnehmen. Und die suchen natürlich auch Trost. „Was wir in der Gruppe als Trost anbieten können, ist das Gemeinschaftsgefühl“, betont Enöckl. Allein, dass man mit Menschen zusammensitze, die wissen, wie sich der Schmerz anfühlt, die vielleicht sogar mit denselben Problemen im Alltag zu kämpfen haben, sei eine wichtige Hilfe beim Verarbeiten der eigenen Trauer. Dadurch entwickle sich eine Solidarität untereinander, ein „Gefühl von Gehalten-Werden und Sich-aufgefangen-Fühlen“.

Was sich so einfach anhört, ist gerade für die Neuen in der Gruppe extrem schwierig. Auch Sandra Schwarz hat sich am Anfang gefragt, ob ihre tiefe Trauer normal ist. Sie hatte zum Beispiel plötzlich Angst vor der Dunkelheit und konnte das nicht einordnen. Andere Teilnehmer hatten ähnliche Erfahrungen gemacht und haben ihr Tipps gegeben, wie sie damit umgehen kann, damit es ihr wieder besser geht. Es sind diese tröstenden Erfahrungen, die Sandra Schwarz motivieren, regelmäßig zu den Gruppenabenden zu kommen.

Wie lange sie noch zu den trauernden Geschwistern gehen wird, weiß sie nicht. Nach und nach werde aus der offenen Wunde eine Narbe auf ihrem Herzen. Die aber wird, da ist sich Schwarz sicher, trotz des in der Gruppe erfahrenen Trostes wahrscheinlich ein Leben lang bleiben. (Paul Hasel)

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