Auf geht’s zur Wiesn! Ein Gelage der Freude

14.09.2013

Pfarrer Rainer Schießler hat selbst sieben Jahre lang Maßkrüge geschleppt und Wiesnbesucher bedient. Er vergleicht das 16-tägige Fest mit Schilderungen des Propheten Jesaja. Trotz exzessivem Trinkens und Raufereien überwiegt für ihn der tiefere Sinn des gemeinsamen Feierns der Gäste auf dem Münchner Oktoberfest.

Rainer Schießler hat sieben Jahre lang auf dem Oktoberfest gekellnert. (Bild: privat)

„Herr Pfarrer, ich weiß genau, warum Sie hier draußen sind!“, rief mir ein Gast während meiner zweiten Wiesn als Bedienung im Jahr 2007 zu. „Es ist dieses Austeilen!“ Nicht schlecht. Als Theologe denkt man da sofort an die markanten Worte eines Propheten Jesaja, mit denen er das Volk Gottes aufrüttelt und ermutigt: „Der Herr der Heere wird auf diesem Berg für alle Völker ein Festmahl geben mit den feinsten Speisen, ein Gelage mit erlesenen Weinen…“ 

So also ist Gott! Einer, der mit seiner ganzen Güte und Menschenfreundlichkeit austeilt, sich uns zuwendet, tröstet und alle rettet, die auf ihn ihre Hoffnung setzen! Nein, natürlich ist das nicht der Ursprung unserer Wiesn. Der ist ja bekanntlich eine Hochzeit und die jährliche Erinnerung daran. Trotzdem steckt doch immer mehr dahinter, wenn Menschen miteinander so ein fröhliches Fest feiern, ausgelassen einander begegnen und für diesen einen Moment all ihre Sorgen und Nöte hinter sich lassen. Dazu muss ich jetzt kein gläubiger Mensch sein und doch versteh ich mehr davon, wenn ich vielleicht Jesaja kenne.

Staunende Kinder vorm Riesenrad, lachende Menschen in der Achterbahn, verliebte Pärchen beim Bummeln, ausgelassen singende Sekretärinnen tanzend neben ihrem Abteilungsleiter auf der Bierbank – genauso malt sich Jesaja ein Gelage der Freude aus. Ganz ehrlich: Mir sind solch feiernde Menschen viel, viel lieber als die, die Krieg und Vernichtung in dieser Welt anzetteln.

Klar hat diese Wiesn auch eine andere, hässliche Seite: Vollrausch und Bierleichen, Gewalt und Raufereien, Kriminalität und Gefahren. Immer und überall, vor allem bei Massenveranstaltungen, gibt es Leute, die inmitten der Freude sich und anderen Schaden zufügen. Den Straßenverkehr aber schaffen wir auch nicht ab, trotz Straßenrowdys und schwerer Unfälle. Wieso also über die Wiesn schimpfen? Viel besser wäre es, den tieferen Sinn unseres Feierns zu verstehen. Übrigens: Die Teilnahme an diesem Gelage ist vollkommen freiwillig und keine Pflicht!

Rainer Schießler ist Pfarrer von St. Maximilian und Pfarradministrator von Heilig Geist in München


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