Reformationsgedenken als "ökumenisches Ereignis" Ein gemeinsames Christusfest

16.09.2016

Es ist eine historische Premiere. Seit 500 Jahren begehen die beiden großen Kirchen in Deutschland 2017 zum ersten Mal ein Reformations-Gedenkjahr zusammen. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, und der Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, stellten das gemeinsame Dokument „Erinnerungen heilen – Jesus Christus bezeugen“ am Freitag in München vor.

Kardinal Reinhard Marx (zweiter von links) und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm (rechts daneben) stellen das gemeinsame Dokument vor. © Sankt Michaelsbund

„Ich war bis zu meiner Priesterweihe nie in einem evangelischen Gottesdienst“, gibt Kardinal Reinhard Marx zu, „das war damals undenkbar.“ Der 62-Jährige ist im evangelisch geprägten westfälischen Geseke aufgewachsen. „Dass wir hier zusammen sitzen und gemeinsam das Luther-Jahr begehen, war vor 50 Jahren unvorstellbar“, fügt der Münchner Erzbischof hinzu, „nehmen wir das also nicht so selbstverständlich hin.“ Kardinal Marx verrät bei der Vorstellung des Dokumentes aber auch, dass ihn Martin Luther fasziniere, denn dieser sei eine „bombastische Figur“, er sei beeindruckt von der „tiefen Frömmigkeit“ und der „eifrigen Gottsuche“ des Reformators – aber auch von seiner „maßlosen Kritik an der katholischen Kirche“. Er würde sich diese Leidenschaft für die Heilige Schrift von vielen Pfarrern und Theologieprofessoren heute wünschen, sagt der Kardinal.

Der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm betont, das Jubiläum dürfe keine „Heldenverehrung“ werden und nicht wie früher für nationale Zwecke missbraucht werden. Die bleibenden Unterschiede der Konfessionen sollen nicht unangemessen im Zentrum stehen, erklärt Bedford-Strohm. „Wir können mit bleibenden Unterschieden heute besser umgehen als frühere Generationen.“ Jahrzehntelange, behutsame ökumenische Annäherung machte dies möglich. Trotz noch nicht überwundener theologischer Differenzen „sind wir ein Leib“, betont Kardinal Marx mit Blick auf die gemeinsame Anerkennung der Taufe und die erreichten Fortschritte in der ökumenischen Verständigung über Streitfragen. Mit dem Wort „Kirchenspaltung“ das Verhältnis von katholischer und evangelischer Kirche zu bezeichnen, halte er für problematisch, weil es „zu stark sei“.

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Im Geleitwort des Dokuments „Erinnerungen heilen – Jesus Christus bezeugen“ betonen der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und der EKD-Ratsvorsitzende, dass der "Blick in die Geschichte" offenlege, "was Christen einander an Leid und Verletzungen angetan haben. Das erschüttert und beschämt uns." Und: "Zu unserem Versöhnungsprozess gehört, dass wir die weiterhin offenen Fragen ehrlich benennen und auf deren weitere Klärung drängen." Der Münchner Erzbischof bezeichnet den „starken und wichtigen Text“ als „großes Ereignis“, „deshalb wollen wir ihn gemeinsam öffentlich machen“. Der Text benennt in einem ersten Schritt die Aufgabe einer gemeinsamen „Erinnerungskultur“, in der die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Konflikte und wechselseitigen Verletzungen der Vergangenheit „miteinander verglichen und aufeinander bezogen werden“. Titelgebend ist der in Südafrika nach dem Ende der Apartheid in Gang gesetzte Prozess der „Heilung der Erinnerung“ („Healing of memories“), ein vor allem von Kirchenvertretern geprägter politischer Versöhnungsprozess. Im zweiten Teil wird eine ökumenische Bestandsaufnahme und im dritten Teil werden die Ereignisse im 16. Jahrhundert beschrieben. Offene Fragen wie das Kirchen- und Amtsverständnis sowie die Eucharistie- und Abendmahlsgemeinschaft werden im Dokument thematisiert. Kardinal Marx ist sich mit Bedford-Strohm bei der Vorstellung des Dokumentes in München einig, dass das wichtige Thema gemeinsame Eucharistiefeier vorankommen wird.

Nach dem Willen der Kirchen soll das Jahr 2017 als gemeinsames Christusfest begangen werden. Kardinal Marx zeigt sich dabei zuversichtlich, dass das erstmalige gemeinsame Begehen des Reformationsgedenkjahres 2017 einen Schub auf dem Weg zur Kircheneinheit bewirken werde. Dazu müsse man auch „dem Heiligen Geist jetzt einmal Raum lassen“. (Susanne Hornberger)

Das gemeiname Dokument von katholischer und evangelischer Kirche © Sankt Michaelsbund

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