Michael Plitzner erkennt kaputte Glocken am Klang "Ein Geschenk, in diesem Beruf arbeiten zu dürfen"

02.12.2018

Am Europäischen Kompetenzzentrum für Glocken ECC-ProBell in Kempten versucht der Theologe und Maschinenbauer herauszufinden, was Glocken kaputt macht.

Der Glockendoktor Michael Plitzner hat einige Kabel an der "Patientin" befestigt, um ihren Gesundheitszustand zu überprüfen © SMB

München – Die Diagnose ist eindeutig: „Diese Glocke hat einen Riss. Man hört das sehr deutlich am Klang. Da sind so Schwebungen, so ein Wowowowowowow. Und diese Schwebungen zeugen davon, dass sich da Töne aufspalten. Und diese Tonspaltungen werden durch den Riss verursacht.“ Michael Plitzner ist einer der wenigen Menschen auf der Welt, die solch eine Diagnose stellen können.

Er wird zwar oft Glockendoktor genannt, sein wirklicher Titel ist aber „Geschäftsführer des Europäischen Kompetenzzentrums für Glocken ECC-ProBell an der Hochschule in Kempten“. Sein Arbeitsplatz ist ein zwölf mal neun Meter großer, schalltoter Messraum. Die Wände des mehr als sieben Meter hohen Raums sind mit Schaumstoffelementen gepolstert, die gut einen Meter in den Raum hineinragen und so den Schall reduzieren. Sechs Glocken stehen dort. Ursprünglich waren es einmal 25. Die hatten Glockengießereien für ein europäisches Forschungsprojekt zur Verfügung gestellt. Einige stehen noch im Lager. Andere haben Michael Plitzner und seine Kollegen kaputt geläutet, um herauszufinden, was Glocken zerstört.

In der "Glockenhölle"

Bis zu 1500 Stunden am Stück wurde geläutet, mal mit zu schweren Klöppeln, mit zu langen oder einfach zu heftig. An der Hochschule hieß der Raum damals „Glockenhölle“. „Manchmal hat mir regelrecht das Herz geblutet, wie wir die malträtiert haben. Aber es war hochspannend,“ erzählt Plitzner mit leuchtenden Augen. Normalerweise brauchen Glocken 50 Jahre, bis sie 1500 Stunden geläutet haben. Im Labor konnten die Forscher so Schäden viel schneller feststellen. „Es ist in dieser Zeit alles passiert, was passieren kann. Es gab Klöppelbrüche, Motorschäden, Kettenrisse und eben kaputte Glocken“.

Jetzt berät das Kompetenzzentrum Kirchen, die um ihre Glocken fürchten. Oft ist Plitzner deshalb auf Kirchtürmen unterwegs. „Es ist für mich wirklich ein Geschenk, diese Arbeit ausüben zu dürfen. Denn um in einen Kirchturm reinzukommen, muss man meistens durch die Kirche gehen. Das ist schön, weil man kurz Kontakt zum Herrn aufnehmen und die Arbeit unter den Segen Gottes stellen kann. Und gleichzeitig ist es dann doch der technische Beruf. Ich schaue, ob das Equipment komplett ist und ob die Sicherung passt.“ Dass er diese Kombination so liebt, liegt wohl auch an seinem persönlichen Lebensweg.

Echte Gemeinschaft

Aufgewachsen ist der Familienvater auf der Insel Rügen, als Sohn von Heimatvertriebenen. „Eigentlich kann man sagen, dass alle, die dort oben katholisch waren, eine ähnliche Geschichte hatten,“ erklärt er. Die Gemeinde erlebte er als echte Gemeinschaft, „weil in dem Moment, in dem man in der Minderheit ist, rutscht man auch zusammen.“ Nach dem Abi hat er Mathe und BWL studiert – allerdings nicht sehr lange; das war ihm viel zu theoretisch. Dann ist er zur Theologie gewechselt, eigentlich um Pfarrer zu werden.

Im Allgäu hat er sein Theologiestudium abgeschlossen, obwohl ihm schon damals klar war, dass er doch keinen Beruf in der Kirche ausüben möchte – weil er fühlte, dass es nicht seine Berufung war. Ein Freund hat damals Maschinenbau studiert und das hat ihn so fasziniert, dass er das auch machen wollte. Und er war sich diesmal sicher: Das ist es. Eines schönen Tages stand ein Professor vor seinem Seminar, der das Forschungsprojekt an den Glocken vorgestellt hat und fragte, wer dabei mitmachen wolle. „Mit einem Mal machte es pling in meinem Kopf und ich dachte, ja Wahnsinn, Maschinenbau und Glocke, das ist ja genau mein Ding.“ Manche würden es vielleicht sogar Vorsehung nennen.

Ein ausführliches Interview mit Michael Plitzner hören Sie am Montag im Münchner Kirchenradio in der Sendung Hauptsache Mensch.

Die Autorin
Brigitte Strauß-Richters
Radio-Redaktion
b.strauss-richters@st-michaelsbund.de


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