Studien zu Gewalt bei Domspatzen Ein geschlossenes System

22.07.2019

Kontrollen gab es weder von innen noch von außen - Übergriffe und Gewalt wurden so bei den Regensburger Domspatzen zwischen 1945 und 1992 möglich gemacht. Zu diesem Ergebnis kommen zwei Studien, deren Ergebnisse in Regensburg veröffentlicht wurden.

Die Türme des Regensburger Doms
Die Türme des Regensburger Doms © Holger - stock.adobe.com

Regensburg – Ein in sich geschlossenes System hat die Übergriffe bei den Regensburger Domspatzen erst möglich gemacht. Zu diesem Schluss kommen zwei am Montag in Regensburg vorgestellte wissenschaftliche Studien für die Jahre 1945 bis 1992. Sie waren vom Bistum Regensburg beim Lehrstuhl für Bayerische Landesgeschichte der Universität Regensburg und bei der kriminologischen Zentralstelle (KrimZ) in Wiesbaden in Auftrag gegeben worden.

Die Geschichte der Erziehungspraxis bei den Domspatzen ist nach den Worten des Historikers Bernhard Löffler auch eine des institutionellen Versagens kirchlicher wie staatlicher Instanzen. Weder von innen noch von außen habe es Kontrollen gegeben. Die meisten Verantwortlichen hätten über keine pädagogische Ausbildung verfügt. Schule und Internat seien letztlich nur wichtig gewesen, um "gute Stimmen" zu rekrutieren. Der Einzelne habe dabei nichts gezählt, die Qualität des Chores aber alles.

Sadistische Methoden

Besonders schlimm sei die Gewalt an der Vorschule für Dritt- und Viertklässler gewesen, sagte Löffler. Dessen Direktor habe sadistische Methoden angewandt, die weit über die in Bayern bis 1983 erlaubten körperlichen Züchtigungsrechte hinausgegangen seien. Die körperliche wie auch sexuelle Gewalt bei den Domspatzen hat laut dem Historiker nichts mit den Folgen der 1968-er Pädagogik zu tun, wie es jüngst der emeritierte Papst Benedikt XVI. geäußert habe.

Die Beurteilung von Domkapellmeister Georg Ratzinger ist laut den Untersuchungen ambivalent. Während der Chorproben habe er zu Jähzorn und überzogener Strenge geneigt, die Körperstrafen und psychische Demütigungen zur Folge hatten. Nach der Chorprobe habe er sich aufgeschlossen für die Sorgen der Jungen gezeigt.

Gespräche mit Opfern

Die Vorschule beschreibt die KrimZ-Studie als "totale Institution", die alle Lebensbereiche der Schüler steuerte. Hier seien "eigene moralische Maßstäbe" gesetzt und eine Atmosphäre der Angst erzeugt worden. Strafen seien zu allen Tages- und Nachtzeiten ausgeführt worden. Der Sozialwissenschaftler Martin Rettenberger konstatierte, dass eine Reihe von Maßnahmen zu einer nachhaltigen Aufarbeitung ergriffen worden seien. Doch auch Prävention brauche eine permanente Reflexion. "Sie ist und bleibt ein Dauerauftrag für jede Institution."

Der Regensburger katholische Bischof Rudolf Voderholzer sagte, mit diesen Dingen konfrontiert zu werden, sei immer wieder bedrückend. Dazu komme, dass er aufgrund seiner Gespräche mit Opfern oft auch ein Gesicht und einen Namen vor Augen habe. Die Studien seien aber wichtig gewesen, um Licht in die Sache zu bringen, denn: "Nur die Wahrheit wird uns frei machen." Er sei all jenen dankbar, die sich an der Studie beteiligt hätten.

Für bei den Domspatzen erlittene Gewalt wurden laut Voderholzer bisher Anerkennungszahlungen in Höhe von insgesamt 3,785 Millionen Euro geleistet. Die Einzelsummen bewegten sich in einer Spanne zwischen 2.500 und 25.000 Euro. (kna)


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