Gelebter Glaube Vater und Tochter sprechen über ihren Glauben

23.04.2021

Ein Glaube, zwei Generationen: Jürgen Neubart ist 64, seine Tochter 21 Jahre alt. Im Interview sprechen sie über Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihrers Glaubens.

Jürgen und Rebecca Neubarth
Rebecca und Jürgen Neubarth leben ihren Glauben unterschiedlich aus. © privat

mk online: Herr Neubarth, Sie tragen eine Kette mit einem Kreuz um den Hals. Inwiefern sind Sie gläubig?

Jürgen Neubarth: Für mich ist der Glaube sehr wichtig, er hat mich mein ganzes Leben begleitet. Es gab schon Höhen und Tiefen, aber wenn ich ihn gesucht habe, habe ich ihn auch immer wieder gefunden. Die Kette habe ich zur Firmung bekommen, bei der mein Vater Pate war. Er ist bereits gestorben, sodass dieses Kreuz mich mit ihm und meinen Glauben verbindet. Ich gehe gern und regelmäßig in Gottesdienste und befasse mich beruflich viel mit dem Glauben, ich arbeite im Bayerischen Pilgerbüro.

Anders als Ihr Vater tragen Sie keine Kreuzkette, Frau Neubarth. Einen starken Bezug zur katholischen Kirche haben Sie dennoch. Sie studieren Religionswissenschaften, waren als Kind Ministrantin und sind Lektorin in der Gemeinde. Haben Sie den Glauben von Ihrem Vater gelernt?

Rebecca Neubarth: Für mich hat Glaube viel mit dem Aufwachsen zu tun. Ich bin von klein auf damit in Berührung gekommen, wir sind zusammen in die Kirche gegangen und ich habe gespürt, was es heißt, Teil dieser Gemeinschaft zu sein. Trotzdem leben wir den Glauben in der Familie unterschiedlich aus. Meiner Schwester wurde als Kind nahegelegt, abends zu beten, das tut sie heute noch. Ich bin da ganz anders, für mich kommt der Glaube nicht durch äußere Handlungen, wie etwa lautes Beten, zum Ausdruck.

Warum haben Sie, Herr Neubarth, mit der einen Tochter gebetet und mit Rebecca nicht?

J. Neubarth: Ich habe drei Töchter, die insgesamt neun Jahre auseinander sind. Da werden die Rituale bei den ersten zwei Kindern nochmal intensiver gelebt als beim letzten Kind, jede braucht aber auch andere Dinge. Bei Rebecca war das nicht im Vordergrund gestanden. Ich wollte das auch nie als Zwang.

Beten Sie denn selbst vor dem Schlafengehen, Herr Neubarth?

J. Neubarth: Ja. Meiner Mutter, die den Krieg noch erlebt hat, war das Abendgebet wahnsinnig wichtig. Sie wollte nach einem Tag ein Häkchen setzen und mit versöhnlichen Gedanken einschlafen. Ich habe tatsächlich ein Gebet in der Schubblade, dass ich von meiner Mutter übernommen habe.

Was haben Sie, Frau Neubarth, von Ihrem Vater an religiösen Traditionen übernommen?

R. Neubarth: Dass ich auch regelmäßig in den Gottesdienst gehe. In Zeiten von Corona vermisse ich die Messe im Großen und Ganzen allerdings nicht unbedingt. Weil der Druck auch etwas abfällt, den man sich auch selbst macht, wenn man länger mal nicht mehr war. Aber man muss das mit sich selbst klären: gehe ich in die Kirche, weil das meinem Glauben festigt oder mache ich das, weil es einfach Tradition ist.

Wie wichtig war Ihnen das bei der Erziehung, dass die Kinder mit in den Gottesdienst kommen?

J. Neubarth: Ich hätte es damals nicht akzeptiert, als die Kinder klein waren, wenn Rebecca nicht in den Gottesdienst gegangen wäre, sondern stattdessen Fernsehen geschaut hätte. Es gab schon auch Ausnahmen, dann aber nur für ein Alternativprogramm, wie ein verpflichtendes Sporttraining. Denn der Gottesdienstgang ist für mich eine Familienveranstaltung, meine Jugend habe ich auch immer rund um die Kirche erlebt. Diese Gemeinschaft, die ich heute noch habe, wollte ich den Kindern näherbringen.

Frau Neubarth, möchten Sie das mal mit Ihren Kindern, der nächsten Generation, auch so handhaben?

R. Neubarth: Ich möchte schon an den großen Feiertagen in den Gottesdienst gehen, aber nicht in dem Ausmaß, wie ich es mitgegeben bekommen habe. Es war schon ein fester Bestandteil bei uns, man geht in die Kirche, daran ist nichts rütteln und man hat da zu sein. Als Kind will man sonntagmorgens auch mal was anderes machen, das fand ich oft schwierig. Teils mussten wir vom Osterurlaub so zurück sein, dass wir noch zeitig zur Messe da sind. Da hat sich schon viel darum gedreht. Ich möchte bei meinen Kindern mal einen Weg finden, das in unser Leben besser zu integrieren. Dann verfolgen wir einen Gottesdienst eben mal beim Frühstücken über einen Live-Stream.

J. Neubarth: Irgendwann habe ich aber auch eingesehen, dass die festen Regeln nicht mehr sinnvoll waren. Komischerweise war aber Rebeca trotzdem diejenige, die am längsten Lektorin ist und Traditionen in der Gemeinde heute noch weiterführt. Heute kann ich damit leben, dass ich ohne meine Töchter zur Messe gehe und das für sie nicht relevant ist.

Frau Neubarth, Sie leben Ihre Verbindung zu Gott individueller als Ihr Vater, oder?

R. Neubarth: Das stimmt. Meine Großeltern waren deutlich strikter und fokussiert auf den Glauben, das hat mein Vater so auch vorgelebt bekommen. Ich würde aber auch sagen, dass diese Frömmigkeit von Generation zu Generation etwas verloren gegangen ist, zumindest dieser strikte Gehorsam, weshalb das bei mir auch weniger vorhanden ist. Zudem ist es auch die Zeit, die es einem ermöglicht individuell seinen Weg zu hinterfragen.

J. Neubarth: Das denke ich auch. Mein Bezug zum Glauben ist trotzdem individueller als der meiner Eltern. Das kam aber auch erst später im Erwachsenenalter. Aber wenn ich da zurückblicke, dann haben meine Eltern sich in die Rituale vergraben. Ich bin auch ein Fan von Ritualen und wahrscheinlich sagen meine Kinder das Gleiche über mich, aber ich habe das Gefühl, dass ich im Vergleich zu früheren Generationen schon einen Gegenpol gebildet habe, indem ich einige Punkten anders handhabe.

Wie ist das denn in Ihrem Umfeld? Sind Ihre Bekannte im ähnlichen Alter auch gläubig?

J. Neubarth: Ich habe einen bunten Freundeskreis, in dem habe ich auch Stempel drauf: Das ist der mit der Kirche. Das liegt auch an meinem Beruf. Natürlich sind in meinem Umfeld auch einige aus der katholischen Ecke, aber ich schare nicht das Kirchenvolk um mich …

R. Neubarth: … Ich finde schon, dass dein Freundeskreis viel gläubiger ist als meiner. Wenn ich höre, wie oft ihr in gemeinsamen Urlauben allein schon Kirchen besichtigt (lacht).  Bei mir ist das nochmal anders. Religion und Glaube sind kaum Thema bei meinen Freunden, mein Partner ist zum Beispiel auch nicht stark gläubig.

Wie gehen Sie beide mit Zweifel an Gott um, haben Sie die überhaupt?

J. Neubarth: Ich hatte einmal eine schwierige gesundheitliche Phase, da habe ich allerdings nicht mit Gott gehadert. Vielmehr hatte ich ein Gottvertrauen, ohne dass man es rufen musste. Ich habe Gott auch nie dafür verantwortlich gemacht.

R. Neubarth: Als Kind ist der Glaube etwas, was die Eltern mitgeben, das hat Tradition, man braucht nicht weiter darüber nachdenken. Heute sehe ich das anders, ich zweifle nicht an Gott oder der Schöpfung, sondern vielmehr an der katholischen Kirche. Zum Beispiel an der Haltung, Homosexuelle nicht zu segnen.

J. Neubarth: Ja, da gebe ich dir recht, Rebecca. Die Kirche hat viel verspielt in den letzten Jahren. Da fällt es sogar mir manchmal schwer, ihr die Treue zu halten.

Ist die starke Kritik an der katholischen Kirche eine Generationssache?

J. Neubarth: Für mich ist es eine Sache des Alters. Als junger Mensch waren Kirchenoberen die Älteren mit mehr Wissen und Erfahrung. Heute schaue ich auf Praktizierende und weiß, dass das Gleichaltrige oder meine Kinder sein könnten. Da merke ich, dass ich viel mehr anzweifle. Da nimmt auch meine Kritik an der Kirche zu.

(Das Interview führte Anna Parschan, Redakteurin beim Münchner Kirchenradio)


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