Totenmonat November Ein Grab ist ein Kulturgut

02.11.2017

Ohne Totengedenken werden Friedhöfe zu reinen Entsorgungs-Einrichtungen und die Lebenden schaden sich dadurch. Ein Kommentar von Alois Bierl.

Jeder Friedhofsbesuch ist ein kleines Glaubenszeugnis.
Jeder Friedhofsbesuch ist ein kleines Glaubenszeugnis. © Fotolia.com/udra11

Es ist mir überhaupt nicht unangenehm, nein, ich mache es gerne, auch wenn es eine ernste Angelegenheit ist: Die Gräber der Menschen aufzusuchen, die mir lieb waren und mir lieb geblieben sind. Da stehe ich dann vor grauen und roten Grabmälern aus Granit oder Sandstein, blicke auf geharkte schwarze Erde mit Blumenschmuck oder auf Kerzen. „Es ist wohl keiner noch zu seines Freundes Grab gegangen, ohne die leise Hoffnung, da dem Freunde wirklich zu begegnen“, hat Friedrich Hölderlin einmal geschrieben. Ich halte das für mehr als eine Hoffnung. Die Toten sind für einen Christen ja nicht einfach ausradiert, es bleibt eine Verbindung. Und jeder Grabbesuch ist auch ein kleines Glaubenszeugnis und ein Gebet ohne Worte.

Eine Kultur verschwindet

Gräber sind persönliche Erinnerungsorte und Friedhöfe ein allgemeines Kulturgut. Materiell durch die Grabanlagen und ideell durch die Rituale, die die Besucher dort pflegen. Wenn ich zu Allerheiligen am Familiengrab stehe, fällt mir aber jedes Jahr immer stärker auf, dass hier eine Kultur am Verschwinden ist. Immer weniger Menschen nehmen sich die Zeit, gemeinsam mit anderen der Toten zu gedenken. Vielleicht steht noch eine frische Blumenschale auf dem Grab. Geradezu erschreckend ist es, wie wenig Angehörige und Freunde zu den Urnenwänden kommen und wie wenig sie geschmückt sind. Es ist ja auch wenig Platz davor und damit auch wenig Raum für ein Gedenken. Nihilistisch, also lebensverneinend und freudlos, hat der französische Historiker Philipp Ariés einmal die Feuerbestattung genannt. Wenn ich die Urnenwände deutscher Friedhöfe sehe, kann ich das gut verstehen. Aber das Einäschern ist eben billiger und praktisch, weil es danach keine Arbeit mehr macht. Es ließe sich auch sagen, diese Urnengräber sind ein Ausdruck dafür, dass Tote unter ihrem Wert gehandelt oder besser behandelt werden.

Die Toten gehören dazu

Das sagt auch etwas über unsere Gesellschaft und ihr religiöses Bewusstsein aus: Wer tot ist, hat nichts mehr zu erwarten. Was einst ein lieber Mensch war, ist jetzt weg und braucht nichts mehr, auch keine Grabpflege. Die andere Seite des Lebens, das Jenseits, Gott – Illusionen, die nicht ernst zu nehmen sind. Das alles bekümmert mich, wenn ich die vielen verwaisten Gräber und Urnenwände im November sehe und ich habe Mitleid mit den Toten. Natürlich sollte sich niemand einbilden, dass früher Friedhöfe und Bestattungen immer eine würdige und fromme Gestalt hatten. Wie der schon erwähnte Philipp Ariés in seiner berühmten „Geschichte des Todes“ schreibt, waren mittelalterliche Friedhöfe furchtbar unhygienische und ungeordnete Flächen, auf denen Krämerbuden standen und Prostituierte ihre Dienste anboten. Das drückt aber auch aus, dass die Toten nicht abgeschieden und weggesperrt waren, sondern dass sie weiter dazu gehörten. Ein Denken, das auch in jeder katholischen Messe gegenwärtig ist, wenn im Hochgebet an die Verstorbenen gedacht wird, weil sie ja weiterhin ein bleibender Teil der Glaubensgemeinschaft sind. Eines der letzten Rituale, das diese Zusammengehörigkeit öffentlich ausdrückt.

Keine nachdenklichen Momente mehr

Und dabei merke ich, dass es auch den Lebenden nicht gut tut, die Toten zu verdrängen. Schließlich sind wir nicht aus eigener Machtvollkommenheit auf der Welt – wir haben Vorfahren und Freunde, ohne die wir nicht da oder anders wären. Und es ist ein Anlass zur Demut und Stille, wenn ich mir bewusst werde, dass ich ihnen eines Tages nachfolgen muss. Aber auch ein Anlass zur Freude, dass wir ihnen verwandelt wieder begegnen und überwunden ist, was uns getrennt hat.
Das sind keine Gedanken, die in eine Gesellschaft passen, die im Konsumrausch, in Ereignis-Sucht und ständiger Online-Kommunikation keine nachdenklichen Momente mehr zulässt. Wenigstens einmal im Jahr sollte man sich einen solchen Moment aber gönnen und das innere Gespräch mit den Toten suchen, die all das nicht mehr brauchen. Und von denen Christen glauben, dass sie eine Heimat und eine endlose Liebe bei Gott gefunden haben.

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Totengedenken ist Kulturgut

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Der Autor
Alois Bierl
Radio-Redaktion
a.bierl@st-michaelsbund.de


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