Gesichter der Armut Ein Kampf von Tag zu Tag

09.03.2016

Sie steht stellvertretend für alltägliche Armut vor unserer Haustür: Frau N. ist alleinerziehende Mutter zweier Kinder. Von ihrem Mann im Stich gelassen, musste sie ihr Leben neu organisieren. Freizeit ist zum Fremdwort geworden. Das Geld ist knapp, aufgeben will sie aber nicht.

Alleinerziehende haben es oft nicht leicht: Sie müssen Familie, Beruf und anfallende Kosten ganz alleine stemmen. (Bild: imago)

Vom strömenden Regen durchnässt betritt eine zierliche Frau vorsichtig das Büro der Caritas-Stelle eines Münchner Vorortes. Völlig außer Atem entschuldigt sich Frau N.: „Ich habe nur noch schnell meinen Sohn von einem Arzttermin nach Hause gebracht.“ Stress ist zum Alltag für sie geworden, leicht hatte sie es noch nie. „Wenn ich heute zurückblicke, weiß ich, dass ich mich nicht immer für das Richtige entschieden habe“, gesteht die Alleinerziehende und erinnert sich: „Als Teenager bin ich gegen den Willen meiner Eltern kurzzeitig von der Schule gegangen, weil ich lieber in einer Bäckerei mein eigenes Geld verdienen wollte. Ein Jahr später habe ich dann doch den Schulabbruch bereut und bis tief in die Nacht meine versäumten Schulstunden nachgeholt.“

Nochmal von ganz vorne starten

Die heute 37-Jährige hatte keine Perspektive mehr und wollte schließlich nochmal von ganz vorne starten. „Ich habe mich dann entschieden, in München zu bleiben, weil einfach ein Teil meiner Familie hier lebt.“ Dennoch muss sie alles selbst meistern. Auch von ihrem Mann wurde sie im Stich gelassen – ein weiterer Grund, warum die junge Frau in eine neue, selbstständige, aber ungewisse Zukunft aufgebrochen ist: Sie möchte, dass ihr Sohn (8) und ihre Tochter (15) in ihrem Leben mehr Möglichkeiten geboten bekommen und ihnen viele Wege offen stehen. Plötzlich fangen ihre Augen zu funkeln an, sie kann ihren Stolz nicht mehr zurückhalten: „Meine Tochter lernt so fleißig und ist sehr erfolgreich in der Schule. Ihr Ziel ist es, später einmal Psychologie studieren zu können. Nebenbei greift sie mir auch im Haushalt unter die Arme.“

Zeit für die Kinder fehlt

Eine große Entlastung für die alleinerziehende Mutter, für die der Begriff Freizeit zu einem Fremdwort geworden ist. Während der Woche räumt sie von 6 bis 14 Uhr in einem Discounter Regale ein und am Wochenende spült sie nachts in einem Restaurant die Teller. Die restliche Zeit vereinnahmen Kochen, Putzen, Waschen. Warum sie so viel arbeitet? Sie will es selbst schaffen. Will kein Arbeitslosengeld beantragen, sondern anfallende Kosten aus eigener Kraft begleichen. „Am meisten schmerzt es mich, wenn ich selbst am Wochenende keine Zeit für meine Kinder habe“, flüstert Frau N. betrübt, ermutigt sich aber sofort selbst: „Die beiden verstehen das. Meine Tochter lädt Freundinnen ein und mein Sohn ist bei seinem Vater.

Wieder bei null anfangen

Seit ich auf mich alleine gestellt bin, musste ich wieder bei null anfangen. So, als ob man das Laufen neu lernen würde. Aber ich kämpfe von Tag zu Tag und die nötige Motivation geben mir meine Kinder“, sagt sie mit einer jetzt kräftigen Stimme. Nicht die eigenen Wünsche, sondern ihre Kinder sind es natürlich, weshalb sie rund um die Uhr arbeitet: Sie will nicht, dass sich die beiden ein Zimmer teilen müssen und versucht weiterhin, die Miete der größeren Wohnung zu stemmen. Auch an Klassenfahrten sollen ihre Kinder teilnehmen können. Taschengeld gibt es leider nicht und auch die Mahlzeiten sind meist dürftig. Fast täglich kommen nur belegte Brote auf den Tisch. Dennoch versucht sie alles, damit ihre Kinder möglichst wenig unter der Situation leiden müssen.

Schwieriger Schritt

Den bisher größten und für sie zugleich schwierigsten Schritt machte die 37-Jährige vor drei Jahren, als sie sich dazu entschied, die Caritas um Hilfe zu bitten. „Mir war das so unendlich peinlich, aber ich sehe jetzt, wie viel Unterstützung ich von hier erfahre“, gibt Frau N. zu. Besonders beim Ausfüllen und Stellen von Anträgen braucht sie Hilfe, da sie sich keinen eigenen Internetzugang leisten kann. Oft muss sie ihre eigenen Wünsche zurückstecken, in der Stadt war sie schon lange nicht mehr und an neue Kleidung denkt sie gar nicht. Urlaub kann da schon eine Auszeit in der Badewanne sein. Am Ende des Gesprächs wirkt die anfangs so zerbrechliche Frau plötzlich recht stark und hoffnungsvoll. „Aufgeben kommt nicht in Frage, ?ich will es schaffen – für meine Kinder“, sagt Frau N. tapfer. (Patricia Hofmann)


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