Studie über sexuellen Missbrauch Ein Karfreitag für die Deutsche Bischofskonferenz

25.09.2018

Die Missbrauchsstudie wurde nun offiziell vorgestellt. Kardinal Reinhard Marx war sichtlich mitgenommen.

Studie: 3677 Kinder wurden von Geistlichen sexuell missbraucht.
Studie: 3677 Kinder wurden von Geistlichen sexuell missbraucht. © takasu - stock.adobe.com

Fulda – Bei einem Statement nach der Pressekonferenz zur Missbrauchsstudie bricht Kardinal Reinhard Marx einen Moment lang die Stimme. Der Nachmittag hat ihn sichtlich mitgenommen. Und er wiederholt noch einmal eindringlich, was er zuvor gesagt hat: „Heute war ein wichtiger Tag für die katholische Bischofskonferenz und die katholische Kirche in Deutschland.“ Von einem „Wendepunkt“ spricht der Erzbischof von München und Freising, seiner persönlichen „Trauer und Scham über das Nicht-Hinschauen-Wollen“, von der mangelnde Sorge für die Opfer, von Verantwortlichen die nicht zugehört hätten.

„Die Spitze des Eisbergs“

Der Psychiater und Koordinator der Studie, Professor Harald Dreßing, hatte in der Pressekonferenz vorgestellt, was die Forschergruppen beim Sichten von Strafakten, Personalakten der Diözesen, bei Interviews mit beschuldigten und nicht beschuldigten Klerikern und anonymisierten Befragungen von Betroffenen herausgefunden hatten. Bei der Auswertung von über 38.000 Personal- und Handakten aus den 27 deutschen Diözesen ergaben sich bei 1.670 Klerikern Hinweise auf sexuellen Missbrauch, also bei 4,4 Prozent aller Priester und Diakone. Etwa 3.700 von sexuellen Übergriffen Betroffene haben die Wissenschaftler gezählt. Das sei aber nur „die Spitze des Eisbergs“, denn aus der sogenannten Dunkelfeldforschung wissen die Experten, dass viele Fälle nicht erfasst werden. Hinzu kommt, dass immer wieder Lücken oder Manipulationen in den Akten auftauchen. Auffällig ist, dass beschuldigte Priester deutlich öfter versetzt wurden als nicht beschuldigte und es dadurch immer aufs Neue „Betroffene“ gab, wie sie die Studie durchgehend nennt. Vor allem Kinder unter 13 Jahren, die dadurch oft ein Leben lang gesundheitliche und seelische Schäden erlitten. Dreßing nennt das „verantwortungslos“.

Im Münchner Kirchenradio wird Chefreporter Alois Bierl am 26.September um 12.10 Uhr seine Eindrücke von der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz schildern.

Kardinal Marx und der neben ihn sitzende Missbrauchsbeauftragte Bischof Stefan Ackermann aus Trier schlucken bei diesem Wort, nehmen es widerspruchslos und mit bedrückten Mienen zur Kenntnis. Ebenso, dass es keine Entwarnung gibt und weiterhin zahlreiche Erstfälle gemeldet werden: „Es gibt keinen belastbaren Hinweis darauf, dass es sich um eine in der Vergangenheit abgeschlossene und mittlerweile überwundene Thematik handelt“, sagt Dreßing nüchtern. Auch wenn unter den Beschuldigten der Anteil an Klerikern mit homosexuellen Neigungen ungewöhnlich hoch sei, könnten die Taten nur aus einer komplizierten Gemengelage heraus erklärt werden. Die priesterliche Machtposition spielt nach den Ergebnissen der Studie dabei eine bedeutende Rolle, hinzu kommen mangelnde emotionale Persönlichkeitsentwicklung bei den beschuldigten Klerikern und ein generell problematisches Verhältnis der Kirche zur Sexualität. Hinzu kommt, dass die Beschuldigten oft ein vertrauensvolles Beichtverhältnis ausnutzen konnten.

Missbrauch ist systematisch ermöglicht worden

Dreßing betont, dass die Studie aber noch lange keine Aufarbeitung der Taten bedeutet, sondern lediglich eine erste wissenschaftliche Erfassung, die er sich übrigens auch bei anderen gesellschaftlichen Institutionen wünschenswert wäre. Bei der Prävention seien die Diözesen immerhin auf einem guten Weg und auch bei der Priesterausbildung gebe es Aufbrüche, aber das Gefälle zwischen den Diözesen sei groß, auch bei den Entschädigungszahlen. Die Namen der Bistümer darf der Professor öffentlich nicht nennen, das sei Teil der vertraglichen Vereinbarungen gewesen. „Die Schlüsse aus der Studie muss nun die Bischofskonferenz ziehen“, sagt er gegenüber mk online.

„Der Missbrauch ist aber kein Fehlverhalten von einzelnen, sondern ist systemisch ermöglicht worden und an diesen Strukturen hat sich bis heute relativ wenig geändert.“ Einige Dinge könnte man jedoch schnell umsetzen: „Stärkung der guten kirchlichen Präventionsarbeit, die aber mehr Ressourcen braucht, saubere und transparente Führung von Personalakten, mehr Beteiligung der Betroffenen und eine von der Kirche unabhängige Anlaufstelle.“ Die Bischöfe wollen darüber nun beraten und ihre ersten Antworten bei ihrer Herbstvollversammlung in Fulda finden. Es wird trotzdem ein langer Karfreitag, dem die Kirche nach diesem 25. September entgegen geht. Dabei steht sie beschämt den von sexuellen Missbrauch betroffenen Menschen und den enttäuschten Gläubigen gegenüber.

Ein Beratungstelefon für Betroffene von sexuellem Missbrauch ist von Dienstag, 25. September, 11 Uhr, bis (zunächst) Freitag, 28. September, 20 Uhr, unter (08 00) 0 00 56 40 erreichbar - anonym und innerhalb Deutschlands kostenfrei als Angebot der Deutschen Bischofskonferenz. Beratung via Internet und weitere Informationen gibt es in dieser Zeit auch unter hier sowie im Hilfeportal Sexueller Missbrauch des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de

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Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Kirche und Missbrauch

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