Corona in Ecuador Ein Kreuz der Hoffnung inmitten der Tragödie

03.10.2020

Ecuador, das Partnerland des Erzbistums München und Freising kämpft mit den Folgen der Coronapandemie. Menschen mit Verbindungen zum Erzbistum berichten von ihren Schicksalen.

Mann und Frau mit Maske
Viele Menschen in Ecuador leiden unter den Folgen der Coronakrise. © imago images / Agencia EFE

Eduardo Guillén aus einem Vorort in Guayaquil wollte am 30. März nur Medikamente aus der Apotheke besorgen. Am nächsten Tag kam er mit hohem Fieber und Atembeschwerden zurück und verstarb wenig später. Auch seine Nachbarin, Juanita Zambrano, bekam plötzlich hohes Fieber und Atembeschwerden. Doch es gab keinen Platz im Krankenhaus für die 82jährige und auch keinen Sauerstoff. Am 4. April verstarb sie zu Hause. Eine Röntgenaufnahme ihrer Lunge zeigte die für Covid-19 typischen Veränderungen.

Juanita Zambrano, Filomena Baque, Eduardo Guillén, Ángela Analuisa, Julián Anchaluisa, Rosa Flores: hinter jedem Namen steht ein Schicksal. Nachbarn und Angehörige, haben für sie zwei fünf Meter lange weiße Kreuze auf die Straße gemalt. Nachts, während der Ausgangssperre, haben sie Kerzen angezündet und, in ausreichendem Abstand zueinander gebetet, erzählt Pfarrer Clever Barzallo, Präsident der Pastoral der Caritas, in Guayaquil. So hat er auch für seine Mutter, Juanita Zambrano, das Seelenamt auf der Straße gehalten.

Dunkelziffer und Ausgangsbeschränkungen

Die offizielle Statistik in Ecuador spricht im September von 127.643 an dem neuartigen Virus Erkrankten und 7330 Todesfällen (Stand: 23.09.2020). Die Dunkelziffer dürfte jedoch weitaus höher liegen.  

„Meine Eltern arbeiteten als Lehrer“ erzählt Diana Terán, ehemalige Incoming-Freiwillige des Erzbistum München und Freising. „Im März wurden die Schulen geschlossen. Seitdem haben sie kein Gehalt mehr bekommen. Kurz darauf sind beide an Corona erkrankt, aber ich konnte sie nicht pflegen. Wegen der strengen Ausgangsbeschränkungen war das nicht möglich, ich wohne zwei Stunden entfernt. Außerdem gehöre ich wegen einer Herz-Kreislauferkrankung zur Hochrisikogruppe. Jetzt fahre ich wieder mit dem Bus zur Arbeit“, sagt die 26jährige. „Aber ich habe Angst, mich anzustecken.“ Bei ihrem Arbeitgeber in Quito, arbeitet Diana inzwischen in Kurzarbeit. Da auch ihr Bruder seine Arbeit verloren hat, verkauft er jetzt auf der Straße Chuzo, Brathähnchen mit Reis. Doch das Geld reicht nicht zum Leben. Er hat eine Frau und drei Kinder.

An den Rand der Kräfte

Während der strengen Ausgangsbeschränkungen musste Max Loayza seine drei Restaurants in Guayaquil schließen. Schon im März erkrankten sein Schwiegervater und seine Frau Amira an Covid-19. Da bereits zu diesem Zeitpunkt die Krankenhäuser überfüllt waren, versorgte er sie zu Hause, wusch für sie und kochte das Essen. Sein Sohn half ihm in dieser Zeit, Medikamente und ärztliche Hilfe zu besorgen. Er sei dabei an den Rand seiner Kraft gekommen, denn nachts habe er oft nur zwei Stunden schlafen können, erzählt der gläubige Unternehmer. Mehrere Jahre war er als Präsident des katholischen Laienrats tätig und deswegen auch schon öfter auf Einladung des Diözesanrats in München.

Dass sich durch die Coronapandemie die wirtschaftliche Situation in Ecuador so schnell verschlechtert hat, das betrifft auch ihn. Von seinen drei Restaurants in Guayaquil hat er nur noch eines geöffnet. „Allerdings arbeitet Max Loayza fast ausschließlich auf Bestellung und damit täglich mit Verlust. Er erwirtschaftet damit nur 35 % seines bisherigen Umsatzes. Am meisten sorgt er sich aber um seine 35 Angestellten, die er nicht mehr alle beschäftigen kann. Staatliche Hilfen gibt es keine und ein bereits zugesagter Kredit, den er bei der Bank aufnehmen wollte, um die Löhne und seine Betriebskosten zu zahlen, wurde kurzfristig wieder abgelehnt. „Es sei schwer“, sagt er „die Hoffnung nicht zu verlieren“.

Normalität nicht zurückgekehrt

In Ecuador haben inzwischen hunderttausende Menschen infolge der Coronapandemie ihre Arbeit verloren. Rund ein Drittel der Angestellten im öffentlichen Dienst arbeiten inzwischen in Kurzarbeit. Im August gingen rund 300 Ärzte und Fachkräfte aus dem Gesundheitswesen in Guayaquil auf die Straße, um zu protestieren.  Wegen der wochenlangen Überlastung der Krankenhäuser waren sie zu Beginn der Coronapandemie eingestellt worden. Jetzt will man sie nicht weiter beschäftigen.

Obwohl der Ausnahmezustand Mitte September auslief und damit eine Vielzahl von Einschränkungen, ist die Normalität in vielen Bereichen nicht zurückgekehrt. Die Zahl der Menschen, die auf den Straßen Ecuadors um Geld oder Essen betteln, ist erschreckend gestiegen. Darunter sind ältere Menschen, aber vor allem auch venezolanische, junge Familien.

Kirche hilft wo sie kann

Der Erzbischof von Guayaquil, Monsignore Luis Cabrera nutzte zu Beginn der Coronapandemie seine Kontakte zu staatlichen und privaten Institutionen und startete mithilfe der nationalen Diakonía Lebensmittel Bank Lebensmittelpakete für rund 1,5 Millionen Menschen. Dabei nutzte er die Infrastruktur der Pfarreien. Viele Ehrenamtliche verteilen Lebensmittelpakete an die Familien, die aufgrund der strengen Ausgangsbeschränkungen nicht mehr ihren Lebensunterhalt verdienen konnten. Der Transport wurde von verschiedenen Unternehmen organisiert und von Teilen der Armee begleitet. Mit diesem Hilfsangebot konnte er alle neun Regionen, rund um Guayaquil erreichen. Auch in anderen Diözesen Ecuadors wurden auf diese Weise Lebensmittelpakete verteilt.

Da die Kirchen mehrere Monate geschlossen waren, hat das Erzbistum Guayaquil damit begonnen, Gottesdienste und Sendungen über Internet und Radio anzubieten, hat aber auch Hotlines eingerichtet, um schnelle Hilfe für die Menschen zu organisieren.  

Seit der Pandemie haben die Schulen geschlossen und bis Ende Dezember gibt es keinen regulären Schulunterricht mehr. Da jedoch nicht alle Menschen im Amazonasgebiet über einen Internetanschluss und die notwendigen Computer verfügen, heißt das, dass viele Kinder nicht weiter am Unterricht teilnehmen können, kritisiert Markus Linsler, der für die Erzdiözese München und Freising in Ecuador soziale Projekte begleitet. „Hier wird langfristige Hilfe nötig sein, auch über die Coronapandemie hinaus, wobei das größte Problem ist, dass keiner weiß, wann sie endlich endet“.(Patrizia Wackers, Fachbereich Globales Lernen und Entwicklung im Erzbistum München und Freising)

Wer die Menschen in Ecuador mit einer Spende unterstützen will:
Kontoinhaber: Erzdiözese München und Freising
Liga-Konto:  DE87 7509 0300 0002 1700 00
Verwendungszweck: „Spende Corona-Hilfe Ecuador“

Die Spende wird beispielsweise für Lebensmittelbänke (eine Art Station, von wo aus Lebensmittelpakete zu den Haushalten gebracht werden) eingesetzt oder für die Ausstattung eines Computersaales für Schüler*innen.

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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