Bischof Kräutler Ein Leben für Amazonien

04.03.2016

Der Misereor-Gast Bischof Erwin Kräutler sprach in der Katholischen Akademie in München über seinen Einsatz für die Menschen in Amazonien. Selbst nach der Annahme seines Rücktritts aus Altersgründen, will der Amazonien Bischof bei den Menschen dort bleiben.

Amazonien: das Einsatzgebiet von Bischof Kräutler
Amazonien: das Einsatzgebiet von Bischof Kräutler (Bild: imago/bluegreen pictures)

München – Bischof Erwin Kräutler hat das, was man Charisma nennt. Durch seine bloße Präsenz verändert der freundliche und bescheidene Mann die Atmosphäre in einem Raum. Er zieht die Menschen an, weil er „echt“ ist, sich für sie interessiert und ihnen auch etwas zu sagen hat. Wenn er schildert, dass seine Diözese Xingú im nordbrasilianischen Amazonien mit 365.000 Quadratkilometern größer ist als die Bundesrepublik Deutschland und es dort trotzdem nur 31 Priester gibt, dann wird klar, dass sein Leben ganz anders ist als das eines Oberhirten hierzulande. „Als ich vor 35 Jahren zum Bischof geweiht wurde, haben sich die Menschen von mir gewünscht, dass ich das Bistum nicht nur vom Schreibtisch aus verwalten, sondern zu ihnen kommen soll“, berichtet er in der voll besetzten Katholischen Akademie in München. Genau das tut Dom Erwin bis heute, obwohl er bald sein 77. Lebensjahr vollendet.

Er reist auf Straßen, die im Sommer staubtrocken und in der Regenzeit schlammig sind. Oft sitzt er in kleinen Booten, die auf Flüssen die Gegenden erschließen, wo keine Straße mehr hinführt. Die Katholiken in seiner Diözese sind überwiegend Arbeiter und Indios. Wenn er eine Gemeinde zur Firmung besucht, dann nimmt er sich mehrere Tage Zeit dafür. „Am ersten Tag wollen mir die Menschen erst einmal erzählen, wie es ihnen geht. Da höre ich ihnen zu, das ist ganz wichtig“, beschreibt er seine Art des Kontakts auf Augenhöhe. Der nächste Tag ist für die Beichte der Firmlinge und die Firmung selbst reserviert. Erst danach spricht er zu ihnen und kann sich dabei auf interessierte Zuhörer verlassen.

Einsatz für die Indios

Als Erwin Kräutler als junger Priester vor mittlerweile 50 Jahren in Amazonien ankam, warnten ihn vermeintlich wohlmeinende Weiße davor, sich um die Indios zu kümmern. Sie würden ohnehin bald aussterben, so ihre zynische Logik. „Gott sei Dank, war das nicht der Fall!“, sagt Dom Erwin. Das haben die Ureinwohner auch ihm zu verdanken, denn Bischof Kräutler setzt sich bis heute entschieden für ihre Rechte ein. 1988 erreichte er als Präsident des indigenen Missionsrats der brasilianischen Bischofskonferenz, dass in die Verfassung des Landes zwei „Indioartikel“ eingearbeitet wurden. Sie garantieren seither, dass Indios das Recht auf ihr Land haben und das Recht auf ihre Kultur. „Das war damals fast ein Wunder, dass uns
das gelungen ist“, erinnert er sich dankbar. „Denn seither begeht jeder, der Indios vertreibt, einen Verfassungsbruch.“

Nicht immer führt sein Engagement zu solch positiven Ergebnissen. Den Bau des Staudamms Belo-Monte am Rio Xingú konnten er und seine Mitstreiter nicht verhindern, obwohl er dramatische Folgen für die Natur hat und die dort lebenden Indios bedroht. „Aber vielleicht können wir durch unsere Aktionen künftige Staudammprojekte verhindern. Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben“, lautet sein Credo.

„Ich weiß seither, wie sich das anfühlt, wenn man so gedemütigt wird“

Als einer, der für die Indios und für die Armen eintritt, legt sich Dom Erwin mit den großen Unternehmen an, die die Amazonasregion ausbeuten wollen. Baufirmen, Holzunternehmen, Großgrundbesitzer – sie alle sind nicht unbedingt gut auf ihn zu sprechen. 1983 wurde er bei einer Demonstration von Arbeitern, die keinen Lohn erhalten hatten, von der Polizei zu Boden geworfen und verprügelt. „Ich weiß seither, wie sich das anfühlt, wenn man so gedemütigt wird“, beschreibt er seine Empfindungen.
Bischof Kräutler erhielt immer wieder Todesdrohungen und wurde 1987 bei einem Attetat schwer verletzt. Die Umweltaktivistin Schwester Mary Stang, mit der er eng zusammenarbeitete, wurde 2005 ermordet. Doch er bleibt seiner Linie treu. „Ich kann nicht in der Waldkapelle Eucharistie feiern, wenn mein Volk auf der Straße ist“, sagt er mit Nachdruck und bekommt dafür spontan Applaus.

Das spirituelle Überleben der Katholiken

Bischof Kräutler liegt nicht nur das materielle Überleben der Menschen am Herzen, ihm geht es auch um das spirituelle Überleben der Katholiken in der Diözese Xingú. „Obwohl wir Priester so viel unterwegs sind, haben 70 Prozent der Pfarreien nur drei- bis viermal im Jahr eine Eucharistiefeier“, erklärt er. Das führt zu Erlebnissen wie jüngst, als er eine kleine katholische Kirche einweihen sollte, in der die Erbauer den Altar vergessen hatten, weil sie ihn so selten benutzen. „Da war ich echt erschrocken“, gesteht der Hirte. Deshalb wird in seinem Bistum viel dafür gebetet, dass Rom für Amazonien weitere Möglichkeiten zur Feier der Eucharistie zulässt. Diese müssten nicht gleich global gelten, „sondern für unsere eucharistielosen Gemeinden“, wie Kräutler betont. Diesen Wunsch habe er auch gegenüber Papst Franziskus geäußert, der daraufhin dazu ermutigte, dass die brasilianische Bischofskonferenz über dieses Problem „mutig nachdenken“ solle.

„Wer kommt, der ist aus Überzeugung dabei.“

Wie er denn die deutsche Kirche erlebe, wurde er in der Katholischen Akademie gefragt. „Sie ist durchaus lebendig, auch wenn die Zahl der Gläubigen zurückgegangen ist. Aber wer kommt, der ist aus Überzeugung dabei“, antwortete Bischof Kräutler. Nicht alles lasse sich aus Lateinamerika eins zu eins auf Mitteleuropa übertragen. Wichtig sei, dass die Katholiken mitbestimmen könnten, denn dann engagierten sie sich stärker.

Bischof Erwin Kräutler, der auch an der Vorlage zur Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus mitgeschrieben und soeben den bayerischen Naturschutzpreis erhalten hat, ist Gast der diesjährigen Misereor-Fastenaktion, die sich mit der Situation in Amazonien befasst. Auch vor der Deutschen Bischofskonferenz hat er gerade über die Lage in seiner Diözese sprechen können. Im Dezember vorigen Jahres hat der Papst seinen Rücktritt aus Altersgründen angenommen. „Aber ich bleibe natürlich drüben,“ betont der gebürtige Vorarlberger. „Ich will weiter mit den Menschen dort sein. Einen alten Baum verpflanzt man nicht.“ (Gabriele Riffert)


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