Film über Schauspieler Peter Radtke Ein Leben in tausend Brüchen

06.09.2013

"Body and Brain" - quasi "Körper und Kopf" - heißt eine Langzeitdokumentation über Peter Radtke, mit der in München die bundesweite Aktionswoche gegen Diskriminierung behinderter Menschen begonnen hat. "Schlimm und schön" hätte man sie auch nennen können.

Der Augsburger Weihbischof Anton Losinger im Gespräch mit Peter Radtke (Bild: Sankt Michaelsbund)

Denn genau das ist Radtkes Leben - wie wohl das jedes Menschen - und darum auch der Film. Das Zitat stammt von seiner Mutter Käte, der man nach der Geburt ihres Sohnes 1943 sagte, dass dieser wohl nur kurze Zeit leben werde - wenn er den Nazischergen überhaupt entkommen würde -, weil er mit der genetisch bedingten Glasknochenkrankheit zur Welt gekommen war. "Ein Leben in tausend Brüchen", lautet daher der Untertitel des Films von Thomas Koerner und Hermann Hoebel.

Brüche kennzeichnen auch diese Dokumentation: Immer wieder springt sie hin und her zwischen historischem Bildmaterial aus Peter Radtkes Jugend und später geführten Interviews, zwischen Theater- und Filmszenen, in denen er als Schauspieler mitwirkt, und Episoden aus seinem Alltag mit Frau Gertraud und Adoptivtochter Bao Lei. Auch inhaltlich könnten die Kontraste kaum größer sein: Einerseits wird ein weit gereister Künstler porträtiert - auf der Kino-Leinwand sieht man Peter Radtke immer wieder im Auto, in der Bahn, im Flugzeug oder auf einem Schiff - andererseits ein schwerstbehinderter Mann, der ins künstliche Koma versetzt werden muss und sich auf der Bühne ohne Rollstuhl lediglich vorwärtsrobben kann.

Im Theater dürfe er alles, was er im Leben nicht dürfe, meint Peter Radtke. Zum Beispiel darf er auf die Behauptung seiner Bühnenpartnerin "Wir sind alle behindert!" den Kopf schütteln, "Nicht alle!" antworten und "Dann sieh mich doch an!" schreien. "Er hält sich nicht für behindert, er hält sich für absolut gleichberechtigt", bestätigt sein Vater, der Schauspieler Ernst Radtke, und gibt offen zu: "Ich bin stolz, dass er mehr geschafft hat als ich." Gleichzeitig bekennt Sohn Peter: "Wenn ich nochmal leben würde, würde ich nicht ohne Behinderung leben wollen."

Schließlich sei er alles, was er geworden sei, durch seine Behinderung geworden: Leiter des Fachgebiets "Behindertenprogamm" an der Münchner Volkshochschule etwa, Geschäftsführer und Chefredakteur der "Arbeits-gemeinschaft Behinderung und Medien", Präsident der europäischen Vereinigung zur Förderung von Kreativität und Kunst behinderter Menschen, Darsteller an den Münchner Kammerspielen und am Wiener Burgtheater - obwohl ihm sein Vater gar keine Bühnenkarriere zugetraut hatte.

Zudem ist Radtke Mitglied im Nationalen Ethikrat. Der Augsburger Weihbischof Anton Losinger, der diesem Gremium ebenfalls angehört, zeigte sich nach der Filmpremiere beeindruckt und forderte im Gespräch mit der Münchner Kirchenzeitung: "Der Mensch mit Behinderung gehört in die Mitte unserer Gesellschaft."

Peter Radtke selbst verwahrt sich jedoch dagegen, dass dieser Film ausschließlich als Lebensbericht über einen Behinderten verstanden wird - statt über den Menschen allgemein. Er wünscht sich, dass die Zuschauer zwischen sich und dem Protagonisten Parallelen ziehen, beispielsweise weil auch sie sich manchmal allein oder heimatlos fühlen, und sich fragen: "Wie gehst du mit deinen Emotionen um? Wie gehst du auf andere Menschen zu?" Eine Frage, die sich nichtbehinderte oft im Umgang mit behinderten Menschen stellen - und die dieser Film anschaulich beantwortet. Karin Hammermaier

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