Obdachlosenhilfe in Sankt Bonifaz Ein Leben in zwei Tüten

06.11.2016

Selbstversuch in Sachen Barmherzigkeit: Kirchenzeitungs-Chefredakteurin Susanne Hornberger half bei der Essensausgabe für Obdachlose in St. Bonifaz in München mit.

MK-Chefredakteurin Susanne Hornberger packte in der Küche der Obdachlosenhilfe mit an. © Kiderle

München – Suppe dampft in zwei Trögen vor heruntergelassenen Jalousien, Kaffeetassen werden gewaschen und gestapelt. Als ich um kurz nach 7.30 Uhr an einem Montag in der Küche der Obdachlosenhilfe von Sankt Bonifaz in der Münchner Karlstraße 43 ankomme, haben Gelsomina, Frauke, Schorsch und Sepp das meiste bereits vorbereitet. Im Speisesaal sitzen und stehen schon dutzende Obdachlose und warten geduldig. Das Team gibt mir sofort eine Aufgabe: ich soll Tabletts mit Semmel oder Brot bestücken. Mein Selbstversuch in Sachen Barmherzigkeit beginnt. Wie fühlt es sich an, Hungrige zu speisen?

Knatternd ziehen sich um Punkt acht Uhr die Jalousien hoch. Ich blicke in müde, leere, traurige Augen, aber auch in Augen voller Schalk und Witz. Während ich jedem einzelnen einen guten Morgen wünsche und frage, ob Semmel, Schwarzbrot oder Baguette gewünscht wird, verteilt Gelsomina direkt neben mir heiße Suppe mit Gemüse, Maultaschen und Hülsenfrüchten – mit oder ohne Schweinefleisch, da auch viele Muslime mit knurrendem Magen hierherkommen. Von acht bis zehn Uhr gibt es Suppe – heute, an diesem winterlich kalten und verschneiten Apriltag, ist sie besonders begehrt. „Heute sind sehr viele da“, sagt Gelsomina und lässt den Blick schweifen, „das kalte Wetter zieht sie zu uns rein.“ Am Ende werden es 320 Teller Suppe sein, die wir verteilen, und 200 Teller Salat.

Keine Berührungsängste

Es sind deutlich mehr Männer als Frauen hier: Jung und alt, manche haben schlechte Zähne und wollen diese verbergen, indem sie kaum sprechen oder lächeln. Vielen, die an unserer Theke Schlange stehen, sieht man ihre Armut nicht an, sie haben keine zerschlissenen Hosen an, sie tragen Uhren am Handgelenk. Einige verstehen mich nicht, wenn ich nach ihrem Wunsch frage, deuten lediglich mit der Hand. Manche Männer, vor allem Muslime, können mir nicht in die Augen sehen. Ich suche jeden Blick, lächle und zeige ihnen, dass ich keine Berührungsängste und Respekt habe. Wie vor jedem Menschen. Dies wird ihnen draußen oft nicht entgegengebracht, wenn sie unter einer Brücke, in einem Hausflur übernachten. Andere Bedürftige wiederum grüßen, bedanken sich freundlich und lächeln, haben einen flotten Spruch auf den Lippen, scherzen charmant mit Gelsomina und mir. „Einige spielen immer den Charmeur, manche den Macho“, lächelt Gelsomina, „ich habe sogar schon verwelkte Blumen und eine Bibel geschenkt bekommen.“ Die 29jährige arbeitet seit drei Wochen ehrenamtlich in der Obdachlosenhilfe Sankt Bonifaz, nachdem sie hier ein Praktikum im Rahmen ihres Grundschulstudiums, Hauptfach Religion, absolviert hatte. Nun hilft Gelsomina jeden Montagmorgen mit. „Die Menschen brauchen mich und ich kann mich ehrenamtlich sinnvoll engagieren“, erklärt die Münchnerin.

Vereinzelt dringen nun Schnarchgeräusche zu uns. Einige Obdachlose nutzen die Öffnungszeiten von 7 bis 12.30 Uhr auch, um ein Nickerchen zu machen.

Susanne Hornberger bei der Essensausgabe © Kiderle

"Ich entscheide für mich"

Als ich zu den Männern in den Speisesaal gehe, begegnen mir stolze Menschen, die sich trotz Schicksalsschläge, Absturz und Einsamkeit ihre Würde erhalten wollen. Seit drei Jahren lebt Jürgen „von der Straße auf der Straße“, indem er Flaschen sammelt, „acht bis zehn Euro am Tag“ nehme er so ein. Der 61-Jährige hatte sich selbständig gemacht, jedoch erfolglos. In ein großes Loch sei er gefallen, erzählt der Münchner, aber „ich will mir nicht helfen lassen, ich entscheide für mich, ich bin eine Institution“. Neben ihm sitzt Thomas aus Prien. Vor drei Jahren hat der 48-Jährige einen Schlaganfall erlitten, seitdem „geht es rapide bergab“. Der gelernte Einzelhandelskaufmann tut sich schwer, einen Job zu finden, er ist zu 50 Prozent schwerbehindert. Bis Weihnachten bekommt er Hartz VI, dann könne er jedoch Erwerbsminderungsrente erhalten, immerhin habe er ja 30 Jahre einbezahlt, klärt ihn unser Fotograf auf. „Das wäre eine Chance für mich“, schöpft Thomas wieder Hoffnung. Gegenüber sitzt Dennis. Der 35-Jährige kommt in die Obdachlosenhilfe und zeltet im Park, um zu sparen. Nach einer Haftstrafe wegen Körperverletzung versucht er wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. „Ich will unbedingt Arbeit und eine Wohnung, dafür kämpfe ich“, sagt er bestimmt. Einen Wunsch hat Andreas, der kein Hartz VI bezieht: „Ich will, dass mehr getan wird für diejenigen, denen es schlecht geht und nicht nur für Ausländer und Flüchtlinge.“ Seine Tischnachbarn nicken zustimmend.

Ärztliche Versorgung

„Manchmal gibt es Schwierigkeiten unter den Männern verschiedener Nationalitäten“, erzählt Frater Prior Emmanuel Rotter OSB. 1991 habe jeder zweite hier sächsisch gesprochen, heute kämen sie aus Ungarn, Polen, Bulgarien oder Mali. Frater Emmanuel ist 1990 in Sankt Bonifaz eingetreten und hat kurz darauf die Obdachlosenspeisung gegründet, sein „Baby“. Mittlerweile gibt es hier Duschen, ärztliche Versorgung und eine Kleiderkammer, alles, was ihre Situation lindert, erklärt Frater Emmanuel.

Es ist ruhig geworden im Speisesaal. Viele schlafen, einige holen sich Kaffee und Kuchen. Bis sie wieder hinaus müssen in die Kälte. Wie fühlt es sich also an, barmherzig zu sein? Irgendwie fühle ich mich gut, irgendwie aber auch sehr hilflos. Es gibt so viele Bedürftige, nicht nur in München, da sind diese wenigen Stunden nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Aber immerhin. Und noch eines wird mir klar: In welcher Konsumgesellschaft wir leben. Hier geht es um etwas ganz anderes: Dass man würdevoll sein kann und lachen kann – auch wenn man seinen ganzen Besitz in zwei Plastiktüten mit sich trägt.

Küchenchefin Frauke © Kiderle

Küchenchefin Frauke

Frauke packt beherzt zu. Sie stapelt Teller, schleppt Kisten mit neuen, gespendeten Lebensmitteln in die Küche und schneidet Brot. Seit elf Jahren arbeitet sie als Küchenchefin in der Obdachlosenspeisung in Sankt Bonifaz und freut sich am Ende eines Arbeitstages schon wieder auf den nächsten. Man merkt es der 52-Jährigen an: Ihr Job macht ihr Spaß. Nicht nur, weil er barmherzig ist und Armen wirklich hilft.

Vor Sankt Bonifaz hat Frauke in einer ganz anderen Welt gearbeitet, in der Kantine der Bavaria-Filmstudios. „Die sind dort viel versnobbter und abgehobener“, blickt Frauke ernst zurück, „hier sind meine Kunden viel netter, freundlicher, geerdeter und authentischer.“ Wenn hier jemand lächle und sich bedanke für ein Stück Brot, einen Teller Suppe oder eine Tasse Kaffee, sei das etwas ganz anderes. „Das geht einem schon nah“, gibt Frauke zu, „das ist auch viel ehrlicher.“ Neben Frauke arbeiten Sepp und Schorsch fest in der Küche, Gelsomina ehrenamtlich montags. Von sieben bis 15 Uhr sind sie in Sankt Bonifaz, schneiden Brot, füllen Tassen- und Tellerregale auf, waschen ab, putzen und bereiten die Lebensmittel-Spenden vor. Diese bekommen sie unter anderem vom benachbarten Hotel, „einmal kam ein livrierter Kellner zu uns und hat uns Fingerfood gebracht“, erinnert sich Frauke lachend an die etwas skurrile Situation, eine Pizzeria in Bogenhausen habe Lasagne geschenkt. „Das ist wie eine Wundertüte“, freut sich die Münchnerin, „jeden Tag gibt es etwas Neues.“ Auch Privatleute spenden. Ein pensionierter Kinderarzt kocht Marmelade selbst und schenkt sie Sankt Bonifaz, einige andere bringen Lebensmittel mit, die sie übrig haben. „Glücklicherweise wird es kontinuierlich mehr, da wir bekannter werden.“

Ans Herz gewachsen

Für Frauke gibt es hier viele schöne Seiten. „Es sind die kleinen Sachen, die Freude machen.“ Die täglichen Begegnungen mit Bedürftigen hätten in ihr selbst ein Umdenken verursacht. „Ich hinterfrage nun vor jeder möglichen Anschaffung: Brauche ich das wirklich? Den neuen Fernseher oder diese Reise?“, erzählt die 52-Jährige. Denn hier seien auch viele zufrieden, mit den wenigen Dingen, die sie besitzen. Als Frauke vor elf Jahren in der Obdachlosenküche von Sankt Bonifaz anfing sei sie in einen Streit geraten zwischen zwei Kunden, einer ging auf den anderen los. Mit vereinten Kräften hätten sie die Streithähne auseinander getrieben. „Ich habe nach und nach gelernt, dass Hunde, die bellen, nicht beißen.“ Manche, die hier täglich zum Essen kommen, wachsen ihr ans Herz. „Da macht man sich schon Gedanken, wenn einer dann plötzlich nicht mehr kommt“, sagt sie leise. Manchmal erhielte sie dann die Nachricht, dass diese Person gestorben ist. „Nicht selten ist Frater Prior Emmanuel Rotter dann der einzige auf dieser Beerdigung, weil wir anderen ja arbeiten müssen“, meint Frauke. „Das ist sehr traurig.“

Es gibt auch einiges, was die emsige Frau ärgert. „Dass Obdachlose nicht in die Unterkünfte für Flüchtlinge dürfen.“ Seit der Flüchtlingskrise leide auch die Kleiderkammer von Sankt Bonifaz, verrät Frauke, die Obdachlosen bekämen seitdem deutlich weniger. Und für die Zukunft wünscht sie sich, dass Obdachlosenspeisungen nicht nur mitten in der Stadt möglich sind, sondern auch außerhalb des Mittleren Rings. „Die Bedürftigen, die mit einem Sozialticket des Öffentlichen Nahverkehrs unterwegs sind, dürfen erst ab neun Uhr fahren“, erklärt Frauke, „bis die bei uns ankommen, ist die warme Suppe weg.“

Frauke geht auf in ihrer barmherzigen Arbeit, die sie selbst gar nicht so sehen mag, sondern für sie eine Selbstverständlichkeit ist. Sie redet nicht, sondern macht einfach. Mit Humor, Hingabe und ganz viel Herz. (Susanne Hornberger)

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