Spendenaktion Ein Leben voller Schuldgefühle

06.12.2017

Als Petra schwanger war, hat sie erfahren, dass sie HIV-positiv ist. Ihr Sohn ist ebenfalls infiziert und kam mit einer Behinderung zur Welt. Seit 25 Jahren kämpfen die beiden nun schon gegen die Krankheit.

Es braucht den zweiten Blick. Und es braucht Zeit. Schnell mal im Vorübergehen lässt sich nämlich nicht erkennen, dass Petra (Name geändert) nicht die ist, die sie mit viel Mühe und noch mehr Erfahrung versucht zu sein. Eine nämlich, die alles im Griff hat, eine, die es alleine schafft, eine, die alles weglächelt. Petra hat viel Zeit gehabt, Sätze und Mimik so einzustudieren, dass ein Gegenüber sich einlullen lässt von ihren anfangs knappen Antworten, die keinen Widerspruch dulden und klar machen sollen: Mitleid ist hier fehl am Platz. Jahrzehntelang hat Petra ihre Maske nahezu perfektioniert. Wer weiß, vielleicht soll sie ja auch weniger den anderen täuschen, als vielmehr ein Panzer sein, um eine Frau zu schützen, deren Leid erst sichtbar wird, wenn man lange nachbohrt, nicht lockerlässt und aufdeckt, was hinter der krampfhaft präsentierten Fassade steckt.

Nahezu sicheres Todesurteil

Fakt ist nämlich: Petra ist Mitte Fünfzig und hat vor 25 Jahren erfahren, dass sie HIV-positiv ist. Überbringer der Botschaft war ihr Frauenarzt, zu dem sie gegangen war, weil sie schwanger war. Endlich, so dachte sie damals, würden sie und ihr Mann ein Kind bekommen, eine kleine Familie sein, die schlechten Zeiten wären zu Ende, die Zukunft hätte begonnen, Freude, Glück und Erleichterung, das waren Petras Gefühle an diesem Tag. Dann kam der Schock, und – nach einer kurzen Phase des Nichtbegreifens und der Leere – die Angst, die Verzweiflung, die Selbstvorwürfe, weil sie nicht hatte wahrhaben wollen, was jetzt so unumstößlich klar war. Ihr Mann, ein ehemaliger Junkie, hatte sie angesteckt mit diesem Virus, das in jener Zeit noch das nahezu sichere Todesurteil bedeutete.

Ihr Sohn, der in wenigen Wochen auf die Welt kommen würde, daran hatte Petra von Anfang an keinen Zweifel, würde die Krankheit ebenfalls in sich tragen. „Ich habe das gespürt“, sagt Petra mit einem eingefrorenen Blick aus dem Fenster. Und sie sollte Recht behalten: Leon kam zur Welt, und nicht genug damit, dass er wie seine Eltern HIV-positiv war, war er körperlich behindert. Petra hatte sich bereits zuvor von ihrem Mann getrennt, zu groß war der Vertrauensverlust und sie wusste, dass sie das Leben, das ihr nun bevorstand, wenn überhaupt, nur allein würde meistern können.

Hilfe durch die Münchner Caritas

Vom Tag seiner Geburt an hat Petra nur noch für ihren Sohn gelebt. Ihm sollte es so gut wie möglich gehen. „Wenn ich schon schuld war, dass er kein gesundes Kind sein konnte, wollte ich ihm doch zumindest alles ermöglichen“, erklärt sie. Sie hat ihr Vorhaben verwirklicht, und dank des medizinischen Fortschritts konnte bei Mutter und Sohn auch der ehemals todbringende Virus in Schach gehalten werden. Während Petra das erzählt, nestelt sie ihre Tablettendose aus dem Regal und zeigt auf eine Handvoll Tabletten, die jeden Tag genau dafür nötig sind. Ungeachtet aller Nebenwirkungen hat Petra lange gearbeitet,um für sich und ihren Sohn zu sorgen. „Knapp ist es immer gewesen“, berichtet die kleine, dünne Frau mit den kurzen Stoppelhaaren. Finanzielle Unterstützung gab es kaum, und als nach wenigen Jahren auch noch Leons Vater starb und der Unterhalt wegfiel, wurde es so richtig eng in der Haushaltskasse. Daraufhin hat Petra noch mehr gearbeitet, um ihrem Sohn die teuren Therapien bezahlen zu können, die ihm guttaten und ihm das Leben mit einer spastischen Halbseitenlähmung erleichterten. Damals hat Petra zum ersten Mal um Hilfe bei der Aids-Beratung der Münchner Caritas nachgesucht, von der sie bis heute betreut wird.

Depressionen setzen sie außer Gefecht

„Doch eines Tages“, fährt Petra fort, „war einfach Schicht im Schacht.“ Petras Körper hat seinen Dienst versagt und obwohl sie es immer wieder versucht hat, war an eine Berufstätigkeit einfach nicht mehr zu denken. Zu lange war die damals 40-Jährige über ihre Grenzen gegangen, hatte sich bei weitem zu viel zugemutet. „Ein Glück, dass es noch gereicht hat, dass Leon sein Abitur machen konnte“, sagt Petra und man merkt ihr ihre Erleichterung darüber an. Heute lebt ihr Sohn mit einer 24-Stunden-Assistenz in seiner eigenen kleinen Wohnung. Petra hingegen hat sich seit der Zeit, die sie „den Zusammenbruch“ nennt, nie mehr richtig erholt. Sie lebt heute von ihrer kleinen Rente und hat damit zu kämpfen, dass immer wieder lange Phasen von Depressionen sie buchstäblich außer Gefecht setzen.

„Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich schon in der Klinik war deswegen ...“, fängt sie an zu erzählen. Weiter kommt Petra allerdings nicht, weil sie jetzt endgültig ihre Fassung verliert und weint und weint und weint. Es dauert lange, bis sie sich wieder beruhigt hat. Sie holt eine Rolle Klopapier aus dem Bad und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. „Manchmal“, fährt sie fort, „mag ich einfach nicht mehr. Aber ich muss ja weitermachen, solang es geht. Leon braucht mich und ich werde ihn sicher nicht im Stich lassen.“

Adventrufe 2017

In der Vorfreude auf Weihnachten und in den besinnlichen Stunden wird besonders deutlich, dass Krankheit, Armut und Schicksalsschläge selbst vor der „staaden Zeit“ nicht Halt machen. Die Münchner Kirchenzeitung stellt auch heuer wieder Menschen vor, mit denen es das Leben nicht immer gut gemeint hat. Um Familien, Frauen, Männern und Kindern in großen Notlagen gezielt helfen zu können, bitten Caritas und Münchner Kirchenzeitung auch dieses Jahr wieder um Spenden für die Aktion „Adventrufe“. Wenn Sie helfen möchten, können Sie ihre Spende unter dem Stichwort „Adventruf 2017“ auf folgendes Konto des Caritasverbandes der Erzdiözese bei der Liga-Bank München überweisen: IBAN: DE 53 7509 0300 0002 2977 79 BIC: GENODEF1M05 Danke für ihre Hilfe!

Die Autorin
Susanne Holzapfel
Münchner Kirchenzeitung
s.holzapfel@st-michaelsbund.de


Das könnte Sie auch interessieren

© Caritas München

Spendenaufruf Schutzengel für Mutter in Not

Carina ist alleinerziehende Mutter. Während ihr Sohn gesund ist, leidet ihre fünfjährige Tochter an unheilbaren Fehlbildungen. Zum Glück hat Carina eine Freundin, die ihr zur Seite steht. Trotzdem ist...

08.12.2017

Pater Gerhard Lagleder setzt sich seit über 25 Jahren für Menschen ein, die sich mit HIV infiziert haben.

Pater Gerhard Lagleder 25 Jahre erfolgreich im Kampf gegen Aids in Südafrika

Pater Gerhard Lagleder hat vor 25 Jahren ein Hilfswerk in Südafrika gegründet. Dort hilft er Menschen, die an Aids erkrankt sind. Seine Arbeit ist eine Erfolgsstory. Mit uns hat er darüber gesprochen.

05.06.2017

© imago

Caritas-AIDS-Beratungsstelle ruft zur HIV-Testwoche auf „Test jetzt“

Zum vierten Mal findet dieses Jahr die landesweite HIV-Testwoche statt. Zusammen mit der Bayerischen Apothekenkammer ruft auch die Caritas-AIDS-Beratungsstelle dazu auf sich auf den tödlichen Virus...

09.05.2016

Neue Leitung der Caritas-Aids-Beratungsstelle Pionier der katholischen Aidsarbeit geht in Ruhestand

Nach 24 Jahren geht der bisherige Leiter der Aids-Beratungsstelle der Caritas im München, Walter Imhof, in den Ruhestand. Seine Nachfolgerin ab 1. März 2015 ist Regina Lange, die zuvor als...

03.03.2015

Auf WhatsApp teilen