Wanderschäferei in Gefahr Ein Schäfer mit Tablet

30.04.2018

Hermann Stadler ist Wanderschäfer. Mit den romantischen Vorstellungen des Schäfer-Seins räumt er auf. So gehört in der heutigen Zeit auch ein Tablet selbstverständlich zur Ausrüstung dazu.

Hermann Stadler ist Schäfer aus Leidenschaft.
Hermann Stadler ist Schäfer aus Leidenschaft. © SMB/Fleischmann

Vilsbiburg – Was muss das für ein Leben sein: Kein Chef sagt, was zu tun ist, keine Maschine gibt den Takt vor. Der Schäfer muss nur auf seine Schäfchen aufpassen und dabei hilft ihm auch noch sein treuester Freund: der Hund. Doch diese romantische Vorstellung stimmt nicht so ganz, sagt Hermann Stadler: „Unsere Chefs sitzen im Landwirtschaftsamt oder in der Unteren Naturschutzbehörde. Und die Regeln, denen wir folgen müssen, werden immer engmaschiger.“ Auch der immer dichter werdende Straßenverkehr und die intensive Landwirtschaft machen ihm sehr zu schaffen. „Da passen wir mit unserem jahrtausendealten System nicht mehr rein“. Und dann verkürzt auch noch der Klimawandel die Zeit, in der die Schafe auf der Wanderschaft sind, denn die Vegetation beginnt immer früher.

Die Herde ist nämlich nicht das ganze Jahr über unterwegs. Los geht’s im Herbst, wenn sie nach der Ernte die Nachbeweidung übernehmen. Das ist sinnvoll für die Bauern, weil neu aufkeimende Pflanzen abgebissen werden und dort nichts mehr wächst, was da nicht wachsen soll. Auf der Herbstweide bleiben die Tiere bis Allerheiligen. Dann geht die Herde richtig auf die Wanderschaft. Raus aus dem Landkreis München, Richtung Markt Schwaben, weiter in den Landkreis Ebersberg rein, dann über Wasserburg, Haag, Ampfing, durchs Isental am Fluss entlang Richtung Erding und zurück nach München, wo sie Mitte April in Fröttmaning ankommt. Dort, westlich der Autobahn ist die Sommerweide.

Programmhinweis

7 §§ Städterin trifft Wanderschäfer: Moderatorin Brigitte Strauß im Gespräch mit Hermann Stadler in der Sendung "Hauptsache Mensch" im Münchner Kirchenradio: §§ Montag (30. April), Mittwoch (2. Mai) und Freitag (4. Mai) jeweils um 10, 15 oder 22 Uhr.

Überall fressen sich die Schafe nicht nur ordentlich satt, sondern betreiben auch Landschaftspflege. Mit ihren Hufen zertreten sie zum Beispiel Maulswurfshügel und Wühlmausgänge. Für die Bauern gehört der Besuch der Schafherde zum Jahreslauf. Viele kennt Stadler schon seit Jahrzehnten. „Die kommen vorbei, reden ein bisschen, laden mich auf einen Kaffee oder eine Brotzeit bei sich daheim ein. Da gibt es schon so etwas wie ein Zusammengehörigkeitsgefühl.“ Und natürlich kommen Neugierige vorbei. „Die fragen dann immer zuerst, wie viele Schafe das sind,“ grinst Stadler. Er lässt nämlich immer schätzen. „Und egal, wie viele meiner 1500 Tiere da sind, alle sagen zuerst 300.“

Einer der größten Schäfer Niederbayerns

Hermann Stadler selbst schläft nur noch selten draußen bei der Herde. Das übernehmen seine Angestellten. Er ist meistens auf seinem Hof in Vilsbiburg. Dort kommen im Februar und März die Lämmer zur Welt, die erst ein paar Tage mit den Muttertieren in der Box stehen, damit er beobachten kann, ob alles in Ordnung ist. Und zu verwalten hat er auch Einiges. Der Wanderschäfer von heute hat neben Hirtenstab und Schäferhut ganz selbstverständlich auch ein Tablet dabei. Und eine Homepage hat er natürlich auch. Dort steht unter anderem, dass er einer der größten Schäfer Niederbayerns ist. Ein Rekord, der nicht so ganz schwer zu halten ist: Denn dort gibt es noch 15 Betriebe mit 200 bis 500 Tieren und insgesamt 20 mit mehr als 500 Schafen.

Wieviele Schafe sind es? Diese Frage wird Schäfer Stadler immer zuerst gestellt.
Wieviele Schafe sind es? Diese Frage wird Schäfer Stadler immer zuerst gestellt. © SMB

Mehr als 40 Prozent der Betriebe in Deutschland haben in den letzten zehn Jahren aufgegeben. Ein Grund ist die Umstellung der Subventionierung. Gerade haben Stadler und andere Wanderschäfer eine Petition gestartet. Darin fordern sie eine Weidetierprämie. Denn seit 2005 werden Subventionen nur über die landwirtschaftliche Fläche errechnet. Das hat zu einer Intensivierung der Landwirtschaft geführt. Aber Ertragssteigerung und Maststeigerung durch immer mehr chemische Hilfsmittel, Maschinen und Gülle funktioniert nicht im System Wanderschäferei.

Moderner Pflanzenschutz ist Gift für Tiere

Die Schäfer gehen mit ihren Schafen raus. Auf Wanderschaft gehen sie auch deshalb, weil die Tiere nur vom eigenen Land nicht satt werden. Das Produkt, das sie herstellen, ist hochwertig: „Wir sind zwar nicht Bio, arbeiten aber wie Bio,“ sagt Stadler. Seine Schafe haben nicht nur Auslauf, er benutzt auch keinen Liter Pflanzenschutz und kein Kilo Kunstdünger in seinem Betrieb. Allerdings kann er die Bio-Auflagen nicht garantieren. Denn dazu müsste er von Bio-Feld zu Bio-Feld ziehen. Die grenzen allerdings nicht unbedingt aneinander. Wobei er das gerne tun würde. Denn der moderne Pflanzenschutz ist Gift für seine Tiere. Wenn er übersieht, dass ein Feld frisch gespritzt ist und seine Schafe fressen davon, sterben sie. „Die Weidetierprämie würde den Schäfern zwar kein sorgloses Leben ermöglichen, aber sie würde die Zeit bis zur nächsten, hoffentlich ökologischeren Agrarreform überbrücken“, erklärt Stadler.

Der Herdenführer der Schafe

Und doch möchte der 51-Jährige mit Niemandem tauschen. Denn: auch wenn die Freiheit nicht grenzenlos ist, kann er entscheiden, wo die Herde langgeht. Er ist draußen in der Natur, immer an einem anderen Ort. Und er ist mit den Tieren zusammen und für sie verantwortlich. Mit dem biblischen Bild vom Hirten und seinen Schäfchen kann er deshalb auch durchaus etwas anfangen: „So wie Gott über uns steht als übergeordnetes Wesen, so sind auch wir für unsere Schafe zuständig. Das Wohl der Tiere hängt ganz maßgeblich davon ab, wie ich mich um sie kümmere. Für mich sind die Schafe Lebensinhalt. Für die Schafe bin ich der Herdenführer. Wenn ein anderer Hirte da ist, verhalten sie sich anders. Die Tiere kennen meine Regeln, wissen, wer ich bin und was von mir zu erwarten ist. Es sind Leitschafe dabei, die gehen nur bei mir vorne mit. Und bei anderen gehen halt andere vorne mit. Und bei Fremden gehen sie gar nicht mit.“ Hermann Stadler liebt seine Tiere: „Wenn die Lämmer auf der Weide herum springen und spielen, dann ist das ein richtiges Dankeschön“, sagt Stadler und dabei strahlen seine Augen.

Die Autorin
Brigitte Strauß-Richters
Radio-Redaktion
b.strauss-richters@st-michaelsbund.de

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Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Tiere

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