Oscar-Gewinner "Moonlight" Ein schwarzes Leben

10.03.2017

Seit Donnerstag läuft der hochgelobte Film "Moonlight" in den bayerischen Kinos. Warum der Streifen den Oscar als "Bester Film" zu Recht bekommen hat, lesen Sie hier.

Juan (Mahershala Ali) bringt dem jungen Chiron (Alex R. Hibbert) das Schwimmen bei.
Juan (Mahershala Ali) bringt dem jungen Chiron (Alex R. Hibbert) das Schwimmen bei. © A24/DCM

So einen Skandal hatte es in der langen Geschichte der Oscars noch nie gegeben: Der falsche Film wird zum Gewinner gekürt! Die polierten Goldstatuen waren schon überreicht, die emotionalen Dankesreden der vermeintlichen Preisträger fast verhallt, als den Verantwortlichen ihr Irrtum doch noch auffiel und hektisch der rechtmäßige Sieger „Moonlight“ als „Bester Film“ ausgerufen wurde. In der Folge wurde mehr über dieses bizarre Ende der Preisverleihung in Los Angeles diskutiert als über den Gewinner. Dass aber „Moonlight“, der Außenseiter mit dem Mini-Budget von 1,5 Millionen Dollar, das favorisierte Musical „La La Land“ ausstach, ist für sich genommen schon eine Sensation. Doch auch, wenn die Entscheidung der Oscar-Akademie überraschend ausfiel, so ist sie dennoch nachvollziehbar. Denn „Moonlight“ ist ein außergewöhnlicher Film über das Heranwachsen eines schwarzen Buben in den USA.

Gefangen im Drogenmilieu

Die Geschichte ist unterteilt in drei Kapitel, die unterschiedliche Abschnitte aus dem Leben der Hauptfigur Chiron zeigen. Der Zuschauer lernt ihn zu Beginn als Zehnjährigen kennen, der in einem ärmlichen Stadtteil von Miami bei seiner drogensüchtigen Mutter aufwächst. In dieser rauen Umgebung ist der introvertierte Chiron ein Außenseiter. Als ihn die anderen Kinder wieder einmal verprügeln wollen, flieht er zufällig in die Arme des Drogendealers Juan. Dieser vielschichtige Charakter wird zu einer Art Ziehvater und Beschützer für den Buben. Mahershala Ali gewann für seine nuancierte Darstellung dieser Figur verdientermaßen den Oscar.

Als Teenager wird Chiron (Ashton Sanders) an seiner Schule gemobbt.
Als Teenager wird Chiron (Ashton Sanders) an seiner Schule gemobbt. © A24/DCM

Suche nach sexueller Identität

Im zweiten Teil der Handlung verliebt sich Teenager Chiron in Kevin, der seit Kindertagen sein einziger Freund ist. Die Suche nach seiner sexuellen Identität wird durch die Konflikte mit seiner Mutter, die immer tiefer in den Drogensumpf abgleitet, erschwert. Da Chirons Mentor Juan bereits tot ist, ist er den brutalen Attacken seiner Altersgenossen schutzlos ausgeliefert und landet schließlich nach einem Gewaltausbruch im Jugendknast.

Im letzten Kapitel des Films kehrt der erwachsene Chiron nach Miami zurück. Er ist mittlerweile selbst ein Drogendealer in Atlanta und ähnelt vom Erscheinungsbild jetzt ganz seinem Ziehvater – inklusive Muskelberge und goldener Zahnreihe. In einer brillant geschriebenen Szene kommt es zu einem berührenden Wiedersehen zwischen Chiron und Kevin.

Der junge Chiron (Alex R. Hibbert)
Der junge Chiron (Alex R. Hibbert) © A24/DCM

Schubladen-Denken

Für das ebenfalls mit dem Oscar prämierte Drehbuch griff Regisseur Barry Jenkins teils auf seine eigenen Erfahrungen als heranwachsender Schwarzer in Miami zurück. Aufgrund seiner sozialen Herkunft scheint Chirons Lebensweg vorgezeichnet. Ihn erwarten eine Karriere im Drogenmilieu oder ein Leben in Armut. Seine Homosexualität macht ihn in diesem Umfeld zur Zielscheibe. „Seine Mitmenschen wollen ihn in eine Schublade stecken, bevor er überhaupt versteht, was das bedeutet. Das widerfährt uns allen, ob wir nun männlich, weiblich, schwarz, weiß, hetero- oder homosexuell sind“, sagt Autor Tarell Alvin McCraney auf dessen Theaterstück „Moonlight“ basiert. Dieses Motiv ist eindrucksvoll umgesetzt, wenn Chiron im Film immer wieder sekundenlang direkt in die Kamera blickt. Schweigend scheint er dabei den Zuschauer zu fragen, in welche Schublade dieser ihn wohl gerade stecken mag.

Poetische Bilder

Besonders macht den Streifen auch, wie die Geschichte für die große Leinwand umgesetzt wurde. Regisseur Jenkins wählte für dieses im Kern harte Sozialdrama keine düsteren neorealistischen Bilder. Zusammen mit seinem Kameramann James Laxton schuf er warme, fiebrige und beinahe poetische Einstellungen, die „Moonlight“ auch eine unerwartete Leichtigkeit geben. Ungewöhnlich für dieses Genre fällt auch die wunderbar traurig-schöne Klavier- und Cello-Musik von Komponist Nicholas Britell aus. Mutig war die Entscheidung, Chiron in allen drei Kapiteln von verschiedenen Schauspielern darstellen zu lassen. So setzt sich „Moonlight“ eigentlich aus drei Kurzfilmen zusammen, die für sich und die Schicksale ihrer afroamerikanischen Protagonisten stehen. (Klaus Schlaug)

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