Kloster Reutberg Ein Stück Heimat retten

11.07.2018

Der Konvent am Reutberg ist am Ende – Gläubige trauern, das Erzbistum will helfen.

Kloster Reutberg
Kloster Reutberg © Kiderle

Reutberg – Den kleinen Berg über dem Kirchsee muss der liebe Gott extra für eine Kirche und ein Kloster geschaffen haben. Die gelben Mauern und der Turm mit der grünen Haube sind aus der Landschaft gar nicht weg zu denken, sie stehen dort seit 400 Jahren. Auf den Wiesen weiden Kühe und dahinter geht der Blick ins Karwendel, auf das gerade die Morgensonne fällt.

Alles wie im Bilderbuch, leider trügt der Schein. Wo über Jahrhunderte eine lebendige Gemeinschaft von Franziskanerinnen in strenger Klausur betete und arbeitete, sind heute noch zwei Schwestern übrig geblieben. Eine von ihnen ist hochbetagt und ein Pflegefall, die andere, mit 50 Jahren, ist völlig auf sich allein gestellt – und will nicht fortziehen, weil sie am Reutberg hängt, der ihr wie vielen Menschen in den umliegenden Dörfern Heimat bedeutet. Sie hat ihr Gelübde für den Reutberg abgelegt. Aber eine Ordensschwester verpflichtet sich auch immer darauf, in einer frommen Gemeinschaft mit anderen zu leben – doch diese hat sich über viele Jahre hin aufgelöst. Alle Versuche, neue Schwestern zu gewinnen, sind gescheitert. Junge Frauen könnten am Reutberg ohnedies schon seit vielen Jahren nicht mehr aufgenommen werden, weil niemand mehr da ist, der sie an das anspruchsvolle klösterliche Leben in Armut, Keuschheit und Gehorsam heranführen könnte.

Harte Entscheidung

Der Vatikan hat deshalb eine harte, aber unabwendbare Entscheidung getroffen. Bereits im Jahr 2016 verfügte die in Rom für solche Fälle zuständige Religiosenkongregation die Auflösung des Konvents. Eine richtige Entscheidung, finden auch die obersten Vertreter der Ordensgemeinschaften in Deutschland. „Nach den Informationen, die mir vorliegen, halte ich es für unmöglich, den bestehenden Konvent weiterzuführen“, sagt die Franziskanerin Agnesita Dobler, Generalsekretärin der Deutschen Ordensobernkonferenz, im Interview auf der Homepage des Erzbistums München und Freising zum Kloster Reutberg. Grundsätzlich rät sie allen Ordensgemeinschaften, sich von „unrealistischen Hoffnungen frei zu machen“.

Bereits vor zehn Jahren ließ der Vatikan eine „päpstliche Untersuchung“ durchführen. In dem Bericht ist von der „faktisch nicht wahrgenommenen Berufungspastoral“ die Rede und davon, „dass die permanente spirituelle Weiterbildung auf einem Stand geblieben ist, der neuen Formen kaum eine Chance lässt“. Immer mehr Schwestern starben hochbetagt oder mussten in Altenheime umsiedeln, der Konvent schrumpfte zusammen, war nicht mehr in der Lage, wichtige Ämter wie das der Oberin oder einer Schwester, die sich als Ökonomin um die wirtschaftlichen Belange kümmert, zu besetzen.

Blick in einen Gang von Kloster Reutberg
Blick in einen Gang von Kloster Reutberg © Kiderle

Gläubige voller Sorgen

Die Glocke vom Reutberg läutet um sieben Uhr morgens zur Frühmesse. In der Kirche ist das sonst verschlossene Gitter aufgesperrt. Durch den Kerzenruß sind die Wände und Decken stark nachgedunkelt. Es fällt wenig Licht durch die Fenster. In den Bänken sitzen und knien fast 25 Gläubige, die meisten mögen zwischen 50 und 80 Jahre alt sein. Sabrina Bauer ist deutlich jünger und beginnt fast jeden Morgen in dieser Kirche, in der sie sich geborgen fühlt. Den Weg zur Arbeit unterbricht sie, um im Gottesdienst für ihre Angehörigen zu beten und sich innerlich auf den kommenden Tag vorzubereiten.

Doch die Gläubigen in der Frühmesse sind voller Sorgen, sie fürchten, dass der Reutberg sich grundlegend verändern wird, wenn die zwei letzten noch verbliebenen Ordensfrauen das Kloster verlassen. Die Verantwortlichen des Erzbistums können gut verstehen, dass sich die Menschen an diesen Ort klammern, der vielen von ihnen geistliche Heimat bedeutet. „Es geht um Geborgenheit, Identität, Zusammengehörigkeitsgefühl, Tradition und die eigene Lebensgeschichte“, sagt der Generalvikar des Erzbischofs Prälat Peter Beer. „Klöster sind unverzichtbar“, fügt er hinzu – im Wissen, dass vielerorts und seit langer Zeit sich immer weniger Menschen für ein Leben im Kloster entscheiden: „Wenn keine oder zu wenige Ordenschristen da sind, kann es auch keine funktionierende Ordensgemeinschaft geben.“ Prälat Beer ist deswegen angetrieben von der Frage, wie die Tradition der Klöster auf neue Weise fortgeführt werden kann, wie ihr ursprünglicher Zweck in einer Zeit weiterleben kann, in der an vielen Orten das Glaubensleben schwächer wird.

"Wie eine Familie"

Gottesdienstbesucherin Sabrina Bauer hat vor dem Ende des Ordenslebens über dem Kirchsee Angst, sagt sie: „Dann fällt die Gemeinschaft weg und das ist ja wie eine Familie hier.“ Auch Juliana Aigner drängt es danach, davon zu erzählen, was ihr dieser Ort bedeutet. Vor zehn Jahren hat sie ihren Mann verloren. Die Verzweiflung und die Ängste danach „habe ich alle hierher tragen können“. Die Schwestern hätten für sie gebetet, „und mir ist so viel geholfen worden“. Jetzt ist es für sie „das Schönste, sommers wie winters jeden Tag hier hinauf zu fahren“, Aufgaben im Gottesdienst zu übernehmen „und mit Jesus zusammenzukommen“. Das will sie keinesfalls verlieren, „dieses Heilige soll uns das Ordinariat bitte nicht nehmen“.

Diese Sorge ist verständlich, aber Gottesdienste wird es auf dem Reutberg selbstverständlich auch in Zukunft geben. Darüber hinaus wird viel nachgedacht und diskutiert, wie der Reutberg weiterhin als geistliches Zentrum in die Region hinein wirken kann. Dazu soll gehören, dass Patres auf dem Reutberg angesiedelt werden. Es sind Missionare von der Heiligen Familie, die ganz in der Nähe in Dietramszell schon in der Pfarrseelsorge tätig sind. Die Patres sollen nach den Plänen des Ordinariats in den Pfarreien der Umgebung mitarbeiten. Zusätzlich wird über ein Zentrum nachgedacht, dass sich seelsorglich vor allem um Familien kümmern soll. Auch Tagungsräume für die Pfarreien aus der Umgebung könnten am Reutberg eingerichtet werden.

Homepage zu Reutberg

Auf der neu eingerichteten Homepage www.reutberg-retten.de werden zahlreiche Fragen zur Zukunft des Reutbergs beantwortet. Die Gläubigen können sich zudem per E-Mail an Ordinariatsdirektorin Gabriele Rüttiger und Prälat Lorenz Kastenhofe wenden – beide sind im Erzbischöflichen Ordinariat in München für den Reutberg zuständig. Die Seite informiert außerdem detailliert über die Geschichte des Klosters und dokumentiert die Bemühungen um die Zukunft des Konvents. (pm)

Kurz nach der Frühmesse steigt auch Schwester Faustina ins Auto. Sie hat im Gottesdienst die Fürbitten vorgetragen. Sie lächelt und will ein paar Worte zum Reutberg sagen, wenn sie vom Einkaufen zurückgekehrt ist, verspricht sie. Zwei Stunden später möchte sie das nicht mehr und schließt die Tür zur Klausur. Seit längerem schon versucht das Erzbistum auf Anordnung des Vatikans hin mit Schwester Faustina zu klären, wie sie sich ihren weiteren Weg vorstellt.

Katholische Wutbürger?

Ein endgültiger Abschied aus der geliebten Heimat scheint ihr offenbar nur schwer vorstellbar, ebenso wie einer Gruppe von Unterstützern des Klosters, die sich „Sachsenkamer Gruppe“ nennt – nach dem Ort, auf dessen Gebiet das Kloster steht. Fleißig haben sie 6.000 Unterschriften gesammelt und diese dem Generalvikar überreicht. Sind sie katholische Wutbürger? „Wir sind doch engagierte Christen“, sagt Helmut Rührmair, der der „Sachsenkamer Gruppe“ wie dem „Verein der Freunde des Klosters Reutbergs“ angehört.

Hans Dondl nickt dazu eifrig. Der großgewachsene Mann mit dem grauen Schnurrbart und dem gepflegten Dialekt steht vor der Mauer des Klostergartens, die Bergkulisse im Hintergrund. Dondl fährt hin und zurück über 60 Kilometer, um am Reutberg den Gottesdienst mitfeiern zu können. Früher sei er ein reiner „Brauchtums-

katholik“ gewesen. Hier oben über dem Kirchsee spüre er seinen Glauben jetzt viel tiefer. Wie die anderen Gottesdienstbesucher sagt auch er, dass er „heimatlos“ würde, sollte das religiöse Leben auf dem Reutberg absterben. Am 19. Juli will er deshalb mit anderen Gläubigen nach München vor das Ordinariat ziehen, um „dort zu beten, zu singen und zu bitten, dass man eine Lösung findet und wieder Frieden einkehrt“. Denn es sei im Oberland wegen der Diskussion um das Kloster „schon ein bisserl was los“. Aber auch Dondl ist der Zwist mit dem Ordinariat zuwider, wie er mehrfach versichert.

"Kompromissvorschlag" durch Verein

Gerald Ohlbaum, erster Vorstand der „Freunde des Klosters Reutberg“, geht am Sprechfenster der Pforte und an der historischen Drehwinde vorbei, an der die Schwestern früher Briefe, Gebetsanliegen oder mildtätige Gaben entgegennahmen. Auf einer Zwischentür ist ein rotes Herz aufgemalt, aus dem eine Flamme in die Höhe schießt, darüber ein Kreuz. Das Herz ist von einer Dornenkrone eingefasst. Es könnte auch den Zustand der „Freunde des Klosters Reutberg“ beschreiben, die mit Feuereifer für den Erhalt dieses spirituell aufgeladenen „Kraftorts“, wie ihn Ohlbaum nennt, kämpfen. Wenn die Ordenstradition auf dem Reutberg abbräche, dann sei „hier tote Hose“, sagt er. Der Verein will jetzt einen eigenen „Kompromissvorschlag“ mit dem Ordinariat diskutieren. Der sieht einen Verbleib der Schwestern und des jetzigen Spirituals und gleichzeitig den Neuaufbau eines „Seelsorgezentrums“ vor.

Vielfach wird auch vorgeschlagen, einfach neue Schwestern auf dem Reutberg anzusiedeln. Agnesita Dobler von der Deutschen Ordensoberenkonferenz dagegen rät zur nüchternen Betrachtung. Die Gemeinschaften, deren Obere in der Deutschen Ordensoberenkonferenz vertreten sind, hätten zusammen nur noch rund 4.000 Schwestern und Brüder, die jünger als 65 sind. Die anderen 15.000 seien alt, viele krank oder pflegebedürftig. Auch Schwestern aus dem Ausland einzufliegen sei nicht unbedingt eine Lösung: „Wir haben bereits in mehreren Fällen gesehen, wie schwierig das ist.“

Unten im Biergarten des Bräustüberls sind mittlerweile die ersten Gäste eingetroffen. Einige haben sich schon die Kirche angeschaut und genießen versonnen den Blick aufs Gebirge. Es ist zum Weinen schön und die Zeit scheint still zu stehen. Doch auch auf dem Reutberg dreht sich die Uhr weiter und erfordert wie überall Veränderungen.

Der Autor
Alois Bierl
Radio-Redaktion
a.bierl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Zukunft Kloster Reutberg

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