20 Jahre "11. September" Ein Tag wie ein Albtraum

10.09.2021

20 Jahre sind seit den islamistischen Attentaten in New York vergangen. Donald Baker ist Pfarrer in Manhattan. Im Gespräch erzählt er, wie er den 11. September 2001 erlebt hat, und wie ihn der Tag verändert hat.

Blick auf Manhattan und das nach den Anschlägen errichtete One World Trade Center
Blick auf Manhattan und das nach den Anschlägen errichtete One World Trade Center © Klaus Schlaug

Wohl weltweit weiß jeder, wo er am 11. September 2001 war, als die Attentate unter anderem auf das World-Trade-Center in New York verübt wurden und allein dort 2606 Menschen starben. Wie haben Sie – als Bürger von New York City – den Tag erlebt?

Pfarrer Donald Baker: Ich war Priester in Manhattan, allerdings in einer Kirche etwas entfernt vom World-Trade-Center. Nach der Messe kam eine alte Dame in die Kirche und hat geschrien, ein Hubschrauber sei gegen das Empire State Building gekracht. Ich habe den Fernseher eingeschaltet und die Wahrheit erfahren. Der Rest des Tages war ein Albtraum. Wir hatten eine Grundschule, und viele Eltern haben im World-Trade-Center gearbeitet. Wir mussten für die Schüler die Zeit überbrücken, bis entweder ihre Eltern kamen, um sie zu holen – oder auch nicht. Gottseidank haben alle Eltern überlebt. Ich erinnere mich an leere Regale in geplünderten Supermärkten, aber auch an die vielen Überlebenden auf den Straßen, die mit Staub und Blut bedeckt wie betäubt in den Norden der Stadt zogen, weg vom Ort der Katastrophe, irgendwie nach Hause. Unsere Kirche war wegen des vielen Vandalismus in dem Viertel eigentlich immer geschlossen. Jetzt aber haben wir sie sofort geöffnet – und sie blieb es wochenlang, rund um die Uhr. Am Abend des 11. September war die Kirche rappelvoll für die ersten von vielen Gottesdiensten, die wir gefeiert haben, um den Menschen zu helfen, ihre Trauer und Angst aufzuarbeiten.

Wie hat „9/11“ New York verändert?

Baker: In den ersten Jahren hat sich vieles positiv entwickelt. Die Gegend um „Ground Zero“ war ursprünglich das Finanzzentrum der USA – Wall Street ist nur ein paar Blocks entfernt. Jetzt ist die Gegend voller neuer Wohnungen, Hochhäuser und Geschäfte. Das hat auch Auswirkungen auf andere Teile Manhattans. Manhattan ist in den letzten 20 Jahren bunter, multikultureller und auch viel dichter besiedelt geworden. Das hat direkt nach den Attentaten niemand erwartet. Andererseits wirkt die Polizei seit dem 11. September wie eine Militärpolizei. Wie Soldaten bewaffnete Polizisten prägen das Stadtbild. Das soll für Sicherheit und Frieden sorgen, aber vor allem nach den jüngsten Protesten gegen Polizeigewalt wird klar, dass diese Entwicklung zu weit gegangen ist. 

Wie haben die Anschläge Sie und Ihren Glauben verändert?

Baker: In den Jahren vor dem 11. September war ich optimistisch. New York hatte die Zeit der Finanzkrisen und Gesetzlosigkeit überstanden, und ich glaubte, meine Stadt und mein Land würden sich immer mehr zu einem Ort entwickeln, wo verschiedene Menschen, Glaubensüberzeugungen und Meinungen respektiert werden. Heute sage ich: „Freedom isn’t free“ – Freiheit ist nicht garantiert, auch nicht in einem angeblich demokratischen Rechtsstaat wie den USA. Als Gläubige können wir ohnehin nichts als selbstverständlich nehmen. Wir müssen immer noch für die Vision einer Welt kämpfen, die die Werte der Bergpredigt Jesu zu ihrem Anspruch macht. Eine Welt, in der Glaube, Hoffnung und Liebe gewinnen.

Pfarrer Donald Baker

Donald Baker ist Priester im Erzbistum New York. Seit 2003 war er Pfarrer einer Gemeinde in der Lower East Side, zu der viele Hispanics und Chinesen gehören. Seit 2015 leitet er die Pfarrei St. Monika und St. Elisabeth von Ungarn in der Upper East Side. Baker hat unter anderem in München studiert.

Wenige Tage nach den Anschlägen begann der längste Krieg der USA – gegen die Taliban in Afghanistan. Laut Uppsala Conflict Data Programm sind 240.000 Menschen in diesem Krieg gestorben, darunter 3.600 amerikanische und andere Nato-Soldaten. Was geht in einem friedliebenden katholischen Priester wie Ihnen angesichts dieser Zahlen voller Gewalt vor?

Baker: Ich war immer gegen den Krieg. Immer! Natürlich mussten wir Osama Bin Laden finden und ihn vor Gericht bringen. Aber die andauernde Besetzung Afghanistans und der sinnlose Krieg im Irak haben zu einem schwächeren Amerika geführt, zu einer Welt, in der das Ansehen der Demokratie verletzt ist, und mit einem Nahen Osten, in dem der Friede ein Traum bleibt. Hier in den USA hat der Krieg zu einer neuen Form des Patriotismus geführt, der nicht mehr auf unseren Werten, sondern auf unserer Macht basiert. Dadurch ist unser Land enger geworden: Wer gegen den Staat protestiert, ist nicht etwa ein Patriot, der sein Recht auf Meinungsfreiheit in Anspruch nimmt, sondern ein Verräter, der die Terroristen unterstützt. Auch nach dem Ende der Besetzung von Afghanistan geht der Krieg weiter – und nicht nur dort. Wir haben auch hier in Amerika viel zu tun, um die Folgen des Krieges, die vielen Toten, die Zerstörung unserer Werte aufzuarbeiten. Die Kirche sollte dabei eine Rolle spielen, aber da sie durch Skandale und Glaubensverlust so geschwächt ist, weiß ich nicht, ob das gelingen wird.

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie am Gedenkort Ground Zero sind?

Baker: Trotz der neuen Wolkenkratzer, des neuen Bahnhofs und der vielen Touristen bleibt der Ort ein Gedenkort. Das Museum ist jedoch mehr – es ist eine Zeitmaschine, die einen zurück zum 11. September 2001 bringt. Das ist so beeindruckend, dass ich nach jedem Besuch überrascht bin, draußen einen friedvolle Park statt brennender Ruinen vorzufinden. Doch noch immer wird am „Ground Zero“ gebaut. Die Stadt ist 20 Jahre Jahre danach nicht fertig mit dem 11. September. Und Amerika auch nicht. (Interview: Markus Nolte; Der Autor ist Chefredakteur des Online-Magazins Kirche und Leben des Bistums Münster)


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