Ein ungelöstes Rätsel

23.02.2015

Der Begriff "Weiße Rose" ist untrennbar mit den Geschwistern Scholl verknüpft. Doch es gab schon katholische Mädchenvereine, die sich lange vor der Münchner Widerstandsgruppe so genannt haben. Ob es allerdings eine Verbindung zu den Geschwistern Scholl gab, ist zweifelhaft.

Skulptur der Widerstandskämpferin der Weißen Rose Sophie Scholl im Artrium und Haupthalle der LMU München. (Bild: imago)

München - Die "Weiße Rose" ist heute untrennbar mit den Geschwistern Scholl und ihren Mitstreitern verknüpft. Die Frage, woher der Name eigentlich kommt, ist bis heute nicht geklärt. Heike Mayer will das ändern. Die Journalistin hat etwas ausgegraben, das weitgehend unbekannt ist: katholische Mädchenvereine, die sich lange vor der Münchner Widerstandsgruppe so nannten. In den frühen 1930er Jahren gab es in der Erzdiözese München und Freising rund 80 "Weiße Rose"-Vereine mit 4.600 Mitgliedern, wie Mayers Recherche ergab.

Begonnen hat alles mit den Erinnerungen des Teisendorfer Schriftstellers Karl Robel, der über die Mädchengruppe "Weiße Rose" in seiner Heimat schreibt. "Als ich das gelesen habe, war mein Interesse geweckt." Mayer, früher als wissenschaftliche Redakteurin tätig, beginnt zu recherchieren. Zunächst wird sie nicht fündig - vor allem im Internet findet sich nichts. Die Vereinszeitschrift "Weiße Rose" in der Bayerischen Staatsbibliothek bietet schließlich einen Anhaltspunkt. Gespräche mit Karl Robel und einer Zeitzeugin liefern weitere Hinweise.

Die vergessene "Weiße Rose"

"Das ist so ein spannendes Thema und trotzdem hat noch nie jemand dazu geforscht", sagt Mayer. Nach gut vier Monaten Recherche und zwölf Seiten Text gelingt es ihr nicht, den Artikel zu veröffentlichen. Ihre Entdeckungen sollen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. So nutzt sie die Online-Zeitung für den Chiemgau und Rupertiwinkel "gradraus", die sie mitgegründet hat, um die "vergessene Weiße Rose" bekannt zu machen.

Fürstin Sophie zu Oettingen-Spielberg führt unter dem Namen "Gute Freundin" 1906 einen Verein für junge katholische Arbeiterinnen in München ein. Das monatliche Verbandsblatt der katholischen Jungmädchenvereine in Süddeutschland heißt "Weiße Rose", daraus leitet sich später auch der Name der Organisation ab. Im Archiv des Erzbistums München und Freising ist wenig über diese vergessene "Weiße Rose" bekannt. In einigen Dokumenten, etwa Briefen an den damaligen Kardinal Michael Faulhaber finden sich jedoch Spuren des Vereins.

Nähkurse, Steno und Turnen

Die Mädchen und jungen Frauen hatten ein vielseitiges Programm. In einer Mitschrift von 1917 etwa werden soziale und religiöse Vorträge dokumentiert. Aber auch Nähkurse, Steno und Turnen standen bei der "Weißen Rose" auf dem Programm. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich jedoch für katholische Vereine die Situation. Ihre Aktivitäten wurden misstrauisch beäugt, viele Gruppen konnten irgendwann nicht mehr weitermachen. Im Dezember 1934 wurde die "Weiße Rose" in Pfaffenhofen etwa verboten, weil der Präses hinter verschlossenen Kirchentüren Heimatabende abgehalten hatte.

Die von Heike Mayer ausfindig gemachte Zeitzeugin hingegen berichtet von einem geistlichen Fokus. In Teisendorf gab es laut der heute 92-jährigen Kathi Schweiger eine Mädchengruppe "Weiße Rose", die sogar passende Kleider hatte. "Die weiße Rose ist ein Symbol für Reinheit. Es bedeutet ohne Sünde zu leben."

In Süddeutschland gänzlich unerforscht

Ein unbekannter Satz aus Hans Scholls Verhörprotokoll und eine örtliche Verbindung machen es für Mayer "höchst wahrscheinlich", dass Scholl die katholische "Weiße Rose" gekannt hat. Auf die Frage, ob es einen Zusammenhang mit dieser Organisation gebe, antwortete Hans Scholl: "Dass früher einmal eine Mädchenorganisation unter diesem Namen bestanden hat, wusste ich gar nicht." Die Wahrheit oder eine taktische Antwort? Scholls Interesse an katholischer Theologie und seine Arbeit in der Stiftsbibliothek Sankt Bonifaz in München, wo sich früher eine Gruppe der "Weißen Rose" traf, lassen Meyer letzteres vermuten.

Bei der Weiße Rose Stiftung ist man überzeugt, dass die katholische Namensvetterin zwar ein spannendes Thema ist, eine Verbindung zu Hans Scholl jedoch zweifelhaft. Schließlich habe er sehr viel und sehr genau dokumentiert, jedoch nie eine katholische "Weiße Rose" erwähnt. Tatsache ist, dass die Jungmädchenvereine in Süddeutschland fast gänzlich unerforscht sind. Dass sich das ändert, ist auch Heike Mayer ein Anliegen. Wer weiß, vielleicht schlummert doch irgendwo noch eine Verbindung von der einen zur anderen "Weißen Rose"? (Barbara Mayrhofer)


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