Glaube im Alltag Ein weiteres Jahr der Barmherzigkeit

05.01.2017

Der Theologe und Filmemacher Max Kronawitter plädiert für ein zweites Jahr der Barmherzigkeit. Warum, erläutert er hier.

Barmherzig werden wir, wenn wir, wie es Ezechiel ausdrückt, das Herz aus Stein zu einem Herz aus Fleisch formen. Wäre das nicht ein Vorsatz für das neue Jahr? © Fotolia/Creativa Images

Hinter uns liegen zwei Jahre. Eines, das der Kalender definiert, und ein weiteres, das uns der Papst zugedacht hat: das Jahr der Barmherzigkeit. Nach vielen geöffneten Pforten sind die Türen wieder ins Schloss gefallen. Viel ist über die Barmherzigkeit geredet worden, aber sind wir nach diesem einjährigen Crashkurs barmherziger?

Jenseits christlicher Erfolgsmodelle

Eines der sieben Werke der Barmherzigkeit ist im vergangenen Jahr ganz besonders zum Leuchten gekommen. Unzählige haben sich der Not von Fremden angenommen und dazu beigetragen, dass Kriegsflüchtlinge hier wieder aufatmen können. Ob das ohne den Beitrag der Christen in unserem Land ähnlich gelaufen wäre, darf durchaus gefragt werden. Auch was die übrigen Werke der Barmherzigkeit betrifft, so können wir mit Stolz auf Erfolgsmodelle verweisen: Gegen den Hunger in der Welt kämpfen Adveniat, Misereor, Missio und Renovabis, um die Nackten kümmert sich die Kleiderspende, in den Krankenhäusern gibt es Seelsorger und Besuchsdienste, in die Gefängnisse dürfen ohnehin nur „Spezialisierte“ und das Beerdigungswesen in unserem Land ist vorbildlich geregelt. Papst Franziskus kann mit uns zufrieden sein.

Max Kronawitter ist katholischer Theologe und Filmemacher. © privat

Anders sieht es freilich aus, wenn man die Werke der Barmherzigkeit nicht nur wörtlich versteht. Dann entdeckt man, dass „hungernd“, „nackt“, „fremd“, „krank“, „gefangen“ oder „tot“ sehr viel mehr bedeuten kann: Ausgehungert sind Menschen auch, weil sie keine Zärtlichkeit oder Anerkennung bekommen. Manche fühlen sich als Gefangene ihrer Firma, die Erreichbarkeit mit dem Handy wird zur Fußfessel. Andere sind sich und anderen fremd geworden, Paare, Kinder und Eltern leben aneinander vorbei. Jeder hat, ob er sie sehen will oder nicht, solche Menschen in seiner Umgebung. Dem Toten im Sarg steht der Arbeitslose gegenüber, der nur noch vor dem Fernseher hockt und wie abgestorben wirkt. Nackt kann man sich auch in Kleidern fühlen. Welche Scham überkommt manche Senioren, wenn sie ihr Leben lang gearbeitet haben und sich nun in die Schlange vor einer Essensausgabe einreihen müssen, um über die Runden zu kommen.

Ein Herz aus Fleisch statt eines Herzens aus Stein

Die sieben Werke der Barmherzigkeit stellen konkrete Situationen vor Augen, Barmherzigkeit aber meint mehr als ihre Erfüllung. Barmherzig werden wir, wenn wir, wie es Ezechiel ausdrückt, das Herz aus Stein zu einem Herz aus Fleisch formen. Dann bewegt uns, was Menschen in unserer Nähe das Leben verleidet. Wäre das nicht ein Vorsatz für das neue Jahr? Ich wünsche Ihnen deshalb ein weiteres Jahr der Barmherzigkeit. Mögen die Pforten dafür weit geöffnet bleiben. (Max Kronawitter)


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