Hilfsorganisation Solwodi Eine Dame im Angriffsmodus

12.05.2017

Annemarie Pitzl folgt Lea Ackermann als Leiterin der Frauen-Hilfsorganisation Solwodi. Und dabei hat die Neue ein Ziel: Sie will Stachel im Fleisch sein, wenn es darum geht Frauen zu helfen, die ihrer Rechte beraubt wurden.

Annemarie Pitzl vertraut auf das "denkende Herz", das Gott ihr gegeben hat. © Lehnen

Sie kämpft nicht gegen den Sex. Der sei ein wunderbares Geschenk an die Menschen, meint Schwester Annemarie Pitzl. Sie kämpft dagegen, dass Menschen wegen ihrer Sexualität kaputtgemacht werden. Dass Frauen vergewaltigt und misshandelt und zum Schweigen gebracht werden. „Früher wäre ich ja bis in die Haarspitzen errötet“, meint sie: Wenn sie so über Sex hätte reden müssen, wie sie es heute kann. Denn das gehört zu ihrer Aufgabe.

Annemarie Pitzl setzt sich für die verkauften Frauen in Deutschland ein, über die selten gesprochen wird, die es aber gibt, auch wenn keiner sie zählt. Frauen, die monatelang kein Tageslicht sehen, von einem Bordell ins nächste verschoben werden. Seit ein paar Monaten gehört die Ordensfrau bei der Frauenrechtsorganisation Solwodi (Solidarität mit Frauen in Not) zum Leitungsteam. Auf die Dauer soll sie Schwester Lea Ackermann dort nachfolgen.

Zuhören und klare Ansagen machen

Die zunächst zurückhaltend wirkende Dernbacher Schwester („Ich bin keine Rampensau“) möchte auf die ihrer Rechte beraubten Frauen aufmerksam machen. „Ein Stachel im Fleisch“ sein nennt sie das. Annemarie Pitzl kann beides: zuhören und klare Ansagen machen. Eine Mitarbeiterin – Solwodi beschäftigt mehr als 80 Menschen in Deutschland – beschreibt sie so: „Schwester Annemarie ist schon ruhig, aber mit Pfiff!“ Den kann sie gebrauchen. Denn um an der Seite der deutschlandweit bekannten Gründerin von Solwodi, Schwester Lea Ackermann, zu stehen, dazu braucht es Selbstbewusstsein. Die 80-jährige Lea und die bald 65-jährige Annemarie sind Damen im Angriffsmodus, höflich, aber deutlich. Beim Parlamentarischen Abend in Mainz fordern sie von den Politikern des rheinland-pfälzischen Landtags ein Sexkaufverbot und mehr finanzielle Unterstützung für ihre Organisation.

In der Solwodi-Zentrale in Boppard-Hirzenach muss sich das Frauen-Doppel erst noch finden, ohne gelegentliche Auseinandersetzungen geht das nicht ab. Aber die beiden Ordensfrauen beten auch zusammen und gehen mittags gemeinsam spazieren, wenn das Wetter es erlaubt. Gehen und beten kombiniert Pitzl auch gern. Sie ist stolz auf die Gründerin ihres Ordens, Katharina Kasper. So wie die Gründerin es getan hat, will auch sie sich für Menschen in Not und Elend einsetzen. Denn Katharina Kasper und die Frauen ihrer Zeit hätten Not gesehen und gehandelt – weit vor dem Aufwachen der Oberen in der Kirche: „Rerum Novarum“, die berühmte Sozialenzyklika Papst Leo XIII. zur sozialen Frage, da könne sie ja nur lachen: Das sei doch für die Ordensfrauen damals nicht Neues mehr gewesen!

"Herr, schleudre Blitze und zerstreue die Feinde!"

Aus dem bayrischen Mädchen aus dem frommen Pfaffenwinkel ist eine streitbare Frau geworden, die mit Psalm 144 auch mal zornig betet: Herr, „schleudre Blitze und zerstreue die Feinde“! Denn es bedrückt Pitzl, dass nicht alle Mitgefühl für die vielen geflüchteten Frauen empfinden, die auf ihrem monatelangen Weg vergewaltigt und misshandelt werden. Die vielgeschmähte Bezeichnung „Feministin“ nimmt die Sozialpädagogin für sich in Anspruch, mit dem leise ironischen Satz: „Als femina bin ich ja von Natur aus Feministin.“ Gibt es da nicht ein Problem mit dem Gehorsam, den sie als Ordensfrau versprochen hat, vor nunmehr 39 Jahren? Gehorsam in ihrer Gemeinschaft sei kein Kadavergehorsam: „Ich wurde gehört.“

Annemarie Pitzl ist Gott und ihren Oberen im Orden dankbar, weil sie ihren Weg gehen konnte, weil sie sich frei entscheiden konnte. Das hat sie auch anderen Frauen vorgelebt. In Nigeria, wo sie jahrelang einheimische Ordensschwestern ausgebildet hat, bekam sie von einer Frauengruppe des Dorfs einen Ehrennamen: „Mwaza: Du hast uns stolz gemacht“. Stolz im Sinne von: den aufrechten Gang zurückgegeben. Dieser Name war ihr größtes Geschenk.

Die Verbindung von Spiritualität und Tun fasst sie in ein Wort aus dem biblischen Buch Jesus Sirach: „das denkende Herz“. Nicht Verstand und Wissen allein, auch nicht Gefühl allein, leiten sie auf ihrem Weg. Es soll das „denkende Herz“ sein, das Gott ihr gegeben hat. (Ruth Lehnen)

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Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Frauen und Kirche

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