Abtreibung Eine junge Frau über ihren Schwangerschaftsabbruch

21.04.2018

Vor zwei Jahren hat die damals 27-Jährige ihr Kind abgetrieben. Es war für sie keine leichte Entscheidung. So geht sie heute damit um:

Im Garten von Lisas Elternhaus erinnert ein Engel an Niklas
Im Garten von Lisas Elternhaus erinnert ein Engel an Niklas © SMB/Rauch

Ein kleiner Engel lehnt sich auf einen Steinsockel. Drei eingravierte Worte sind darauf zu lesen: „Ich vermisse Dich.“ Fast könnte man die Figur im Schatten der dichten Blätter übersehen. Lisa (Name geändert) kniet auf der Erde und befreit den Engel ein wenig von dem Gestrüpp der über ihm emporrankenden Kletterpflanze. „Das ist das Grab“, sagt sie leise und bleibt eine Weile regungslos davor stehen, den Blick starr auf die orange leuchtenden Blüten der „Schwarzäugigen Susanne“ gerichtet. Genau hier, im Garten ihrer Eltern, hat Lisa nach der Abtreibung den Fötus begraben. Ihr Kind, wie sie sagt. Niklas. Den Namen wusste sie schon. An jenem Abend habe es stark geregnet und gewittert, erinnert sich die 29-Jährige. Am liebsten hätte sie sich damals neben das Grab gelegt. Als Mutter konnte sie ihr Kind bei so einem Unwetter doch nicht einfach alleine lassen, meint sie.

Die junge Frau ist Auszubildende in einer Pflegeeinrichtung und lebt seit einigen Monaten wieder im Haus ihrer Eltern, in einem kleinen Ort im Landkreis Rottweil. Sie ist sportlich, schlank und hat die schwarzen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.

Schwangerschaft war ein Schock

Im Frühjahr 2016 verändert sich das Leben der damals 27-Jährigen grundlegend. Nachdem ihre Beziehung in die Brüche geht, setzt sie die Pille ab und lernt bald darauf den zwei Jahre älteren Marco kennen. Auch er heißt in Wirklichkeit anders. Es sei bloß eine Affäre gewesen. Als dann aber ihre Periode ausbleibt, bringt ein Test die Gewissheit: Lisa ist schwanger. Ein Schock. Was werden nur die Freunde, Familie und Kollegen dazu sagen? Ihren Eltern verschweigt Lisa zunächst die Schwangerschaft. Marco reagiert empört und macht Lisa klar, dass er jetzt ganz bestimmt kein Kind haben möchte. Plötzlich steht die Frage nach einer Abtreibung im Raum – ein Thema, mit dem sich Lisa bis zu diesem Zeitpunkt nie bewusst auseinandergesetzt hat. „Man denkt ja immer: So etwas würde mir nie passieren“, sagt Lisa.

Über Wochen dreht sich in Lisas Kopf alles um die eine Frage: Jetzt ein Kind? Kann das gutgehen? „Einerseits habe ich gedacht, ich behalte es auf jeden Fall und hab mir schon überlegt, wie es heißen könnte und hab mit ihm geredet.“ Andererseits ist sie um die finanzielle Zukunft und um die Gesundheit ihres Kindes besorgt. Marco, der Vater, nimmt regelmäßig synthetische Drogen. Einige Ärzte gehen von einem Risiko für das Baby aus.

Mehr zu dem Thema Abtreibung lesen Sie in diesem Online-Dossier: Da finden Sie u.a. ein Interview mit einer Schwangerschaftsberaterin, einem Moraltheologen, einer Geschlechterforscherin und viele weitere Informationen und Grafiken.

Innerhalb von drei Monaten muss Lisa ihre Entscheidung fällen. So schreibt es im deutschen Strafgesetzbuch der Paragraph 218 vor. Demnach verstößt ein Schwangerschaftsabbruch grundsätzlich gegen das Gesetz, bleibt aber in den ersten zwölf Wochen straffrei, wenn sich die Schwangere zuvor beraten lässt. Lisa lässt sich schließlich bei einer Beratungsstelle den Schein zur Abtreibung ausstellen. Viel zu einfach sei es gewesen, an den Zettel zu kommen, meint sie heute. Das Beratungsgespräch habe ihr kaum geholfen. Weil Frauenärzte im Internet nicht für den „Service“ Abtreibung werben dürfen, telefoniert Lisa mehrere Gynäkologen in der Umgebung ab. Schließlich bestätigt ihr eine Ärztin, bei ihr sei ein Schwangerschaftsabbruch möglich, das koste dann knapp 500 Euro. Lisa macht einen Termin aus. Von der Schwangerschaft erzählt sie ihren Eltern erst am Tag vor dem Abbruchtermin. Es sei allein ihre Entscheidung und sie stünden hinter ihr, versichern sie. Lisa müsse sich nur sicher sein, dass sie hinterher damit klarkomme.

Große Zweifel

Doch Lisa ist alles andere als sicher. Zum Termin erscheint sie nicht. „Ich konnte es einfach nicht“, erklärt Lisa. Drei Wochen später steht der Nachholtermin an. Erneut kommen große Zweifel. Es sei die letzte Chance für eine Abtreibung, danach sei es zu spät, erklärt ihr die Ärztin. Lisa nimmt an jenem Abend die verschriebenen Hormone ein und kommt am nächsten Morgen pünktlich in die Praxis. Sie weiß noch genau, wie sie nach dem Narkosegespräch auf dem Frauenarztstuhl Platz genommen hat. Sonst erinnert sich Lisa nur noch daran, wie sie wieder aufgewacht ist – und an ihren ersten Gedanken: „Was habe ich getan?“ Erst dann sei ihr richtig bewusst geworden, was da gerade passiert ist: „Ich musste so losheulen. Man denkt, man geht zur Abtreibung und dann ist das Problem weg. Aber es fängt danach erst richtig an“, betont Lisa.

In den ersten zwei Wochen nach der Abtreibung sieht die junge Frau in ihrem Leben keinen Sinn mehr. Tagelang liegt sie im Bett und weint. Von ihren Freundinnen, die zu Besuch kommen, möchte Lisa nichts wissen. Sie will nur noch zu ihrem Kind: „Ich wollte einfach nur meine Ruhe haben und gar niemanden sehen – einfach nur sterben“, erinnert sich Lisa. Zur Arbeit kann sie damals nicht mehr gehen. In dieser Zeit wohnt Lisa bei ihrem Ex-Partner, von dem sie sich getrennt hatte, kurz bevor sie von Marco schwanger wurde. Trotzdem ist ihr Ex-Freund für sie da. Gemeinsam mit ihm begräbt sie den Fötus im Garten ihrer Eltern. Anfangs kommt sie jeden Tag an diese Stelle, inzwischen noch zweimal in der Woche.

Gott um Verzeihung bitten

Bis heute vergeht kein Tag, an dem Lisa nicht an ihr Kind denkt. Immer wieder wird sie von der Trauer eingeholt. Dass sie überhaupt aus der depressiven Phase herausgekommen ist, habe sie in erster Linie ihren Freunden, aber auch ihrer religiösen Überzeugung zu verdanken, betont Lisa. Man müsse einfach Gott um Verzeihung bitten. In einer WhatsApp- Gruppe schreibt Lisa regelmäßig mit Frauen aus ganz Deutschland, die nach ihrer Abtreibung ähnliches erlebt haben wie sie. Es helfe, sich mit anderen auszutauschen, erzählt sie.

Die Ultraschallbilder von damals hat Lisa aufbewahrt, irgendwo in einer Schublade. Seitdem hat sie sich nicht mehr getraut, sie noch einmal anzuschauen. Könnte Sie die Zeit zurückdrehen, wäre ihre Entscheidung klar: Ihr Kind, Niklas, würde heute leben, die ersten Schritte machen und „Mama“ sagen. Ob sie irgendwann Kinder bekommen möchte? „Ja! Ich hatte ja schon immer einen Kinderwunsch. Zwei oder drei hätte ich gern, weil ich ein Familienmensch bin und Kinder mag“, sagt Lisa. Niklas wird sie trotzdem nie vergessen.

Einen ausführlichen Beitrag hören Sie am Sonntag, 22. April, um 14 Uhr im Münchner Kirchenradio.

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Der Autor
Manuel Rauch
Radio-Redaktion
m.rauch@st-michaelsbund.de


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