Jüdisches Leben Eine Kippa für München

19.08.2019

Der jüdische Aktivist Terry Swartzberg hat eine München-Kippa entworfen. Damit will er ein Zeichen setzen.

Terry Swartzberg mit der München-Kippa
Terry Swartzberg mit der München-Kippa © SMB/Stöppler

München – Antisemitismus bleibt ein Problem in der deutschen Gesellschaft. Erst vor einer Woche wurde in München ein Rabbiner und seine Familie von gleich zwei Menschen angepöbelt und sogar bespuckt. Vergangenes Jahr gab es 86 Straftaten mit judenfeindlichem Hintergrund allein in München. Für Terry Swartzberg ist das allerdings kein Grund seine Wahlheimat zu hinterfragen. Der 66-Jährige trägt selbst seit nunmehr sieben Jahren jeden Tag Kippa in der Öffentlichkeit und ist somit für jeden als Jude erkennbar. Negative Erfahrungen hat er damit nicht gemacht: „Das zeigt, dass unsere deutsche Gesellschaft das völlig normal findet.“

Die Leute finden es völlig normal

Terry Swartzberg möchte jüdisches Leben in München zeigen, wie es ist: fröhlich und bunt. Und das auch öffentlich. Deswegen hat er eine Kippa entworfen, die er nun an alle, die eine haben möchten, verschenkt. Auf dem grauen Filz ist das Wort München eingestickt. Es wird von ein paar dunklen Rechtecken eingerahmt, die die Stolpersteine symbolisieren, für die sich der Journalist engagiert. Auf die Idee hat ihn seine Lebenspartnerin gebracht: Weil er immer wieder Kippot verschenkte, sagte sie ihm, er solle doch lieber eine München-Kippa entwerfen und verschenken.

Das Tragen der Kippa ist für Swartzberg ein Zeichen der Selbstermächtigung. Ein Ausbrechen aus der Opferrolle. Wobei er zugibt, dass er, als er anfing die Kippa in der Öffentlichkeit zu tragen, durchaus Angst hatte: „Ich habe mir dann gesagt: 'Terry, sei ein erwachsener Mann.' Und die Leute finden es völlig normal, sie schauen nicht mal hin.“ Wenn es doch Reaktionen gibt, dann sind die meistens positiv: Häufig freuen sich besonders Kinder über die bunten Kopfbedeckungen.

Bei Kaffee und Prosecco sich kennenlernen

Die jüngsten Übergriffe, findet Swartzberg zwar schrecklich, aber er möchte sie doch in einen anderen Kontext einordnen: „Wenn ein verrückter Mann mich oder andere Juden anpöbelt, ist das zwar bedauerlich, aber keine Aussage über den Standort Deutschland. Sondern es ist nur ein Verrückter.“ Swartzberg will damit natürlich nichts verharmlosen, aber klar machen: Juden leben in Deutschland in relativer Sicherheit.

Die München-Kippa wird in einer Behinderten-Werkstatt hergestellt. Die Kosten von etwa zwölf Euro pro Stück trägt Swartzberg selbst. Tragen kann die Kippa übrigens jeder. Man muss weder männlich noch jüdisch sein, um seine Unterstützung für jüdisches Leben auszudrücken. Das einzige, was man tun muss, um eine Kippa zu bekommen, ist Swartzberg eine Email schreiben und sie dann persönlich abholen: „Ich werde alle einladen und bei Kaffee oder Prosecco können wir uns dann kennenlernen und ein bisschen ratschen.“

Der Autor
Thomas Stöppler
Volontär
t.stoeppler@st-michaelsbund.de


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