25 Jahre "Wir sind Kirche" Eine Kirche der Gleichen

14.11.2020

Zum 25. Jubiläum von "Wir sind Kirche" spricht Christian Weisner vom Bundesteam der Reformbewegung über den Synodalen Weg und seine Hoffnungen und Wünsche in Bezug auf die katholische Kirche.

Christian Weisner
Christian Weisner war Mitinitiator des Kirchenvolksbegehrens 1995 in Deutschland und ist im Bundesteam von "Wir sind Kirche". © kna

mk online: Herr Weisner, darf man Ihnen jetzt eigentlich schon gratulieren? Es gibt keinen festen Stichtag für Ihr Jubiläum, oder?

Christian Weisner: Nein, wirklich zum Gratulieren gibt es nichts. Höchstens, dass wir 25 Jahre durchgehalten haben. Vor 25 Jahren ist das Kirchenvolksbegehren in Österreich gestartet worden. Anlass waren 1995 die Missbrauchsvorwürfe gegenüber dem damaligen Wiener Kardinal Hans Hermann Groër. In Österreich wurden dann mehr als 500.000 Unterschriften gesammelt – nicht nur gegen den Missbrauch, sondern für eine grundlegende Erneuerung der katholischen Kirche: Mehr Geschwisterlichkeit, Aufhebung des Pflichtzölibats, gleiche Rollen und Ämter der Frauen, eine positive Wertung der Sexualität und schließlich für eine Frohbotschaft und keine Drohbotschaft der Kirche.

In Deutschland haben wir dann vom 16. September bis zum 12. November 1995 mehr als 1,8 Millionen Unterschriften gesammelt. Interessant ist, dass genau diese Punkte nun die Punkte des Synodalen Weges geworden sind. Es sind genau diese Risikofaktoren, welche die MHG-Studie, die große Missbrauchsstudie im Auftrag der Bischofskonferenz, im September 2018 offengelegt hat.

Also kann man sagen, dass das, wofür Sie heute kämpfen, sich kaum von dem unterscheidet, was bereits vor einem Vierteljahrhundert Ihre Forderungen waren?

Weisner: Ja, das ist leider so. Man kann einerseits sagen, das ist eine lange Zeit, man kann aber auch sagen, in der Kirchengeschichte ist es eine kurze Zeit. Wenn man davon spricht, dass wir in einer Zeitenwende leben, dass es in der Kirche wie auch in anderen Organisationen einen Paradigmenwechsel braucht, dann sind 25 Jahre keine lange Zeit. Wir sind auch international vernetzt und spüren jetzt konkret am Synodalen Weg, wie dieser Weg auch in anderen Ländern, auf anderen Kontinenten auf große Zustimmung und großes Interesse stößt. Wir sind sehr froh, dass unsere Punkte mittlerweile auf der Agenda der deutschen Bischofskonferenz und des Synodalen Weges stehen. Das ist ein Erfolg. Aber umgesetzt ist bisher noch keine der Forderungen.

In den 1990er Jahren standen die Mitglieder von „Wir sind Kirche“ irgendwo auf der Skala zwischen Revoluzzern und Ungläubigen, wurden also durchaus diskreditiert. Wie ist denn heute das Verhältnis zur Amtskirche?

Weisner: Es hat sich da sicher eine Annäherung vollzogen. Es ist ja ganz offensichtlich, dass sexualisierte Gewalt und geistlicher Missbrauch gegenüber Ordensfrauen, Kindern und Jugendlichen nicht sein darf. Es ist natürlich enttäuschend, dass es so lange gedauert hat, bis der Skandal erkannt worden ist. Wir haben ja damals selbst nicht gedacht, dass es so viele Skandale gibt und dass das ein so tiefgreifendes Problem in der katholischen Kirche ist. Da hat sich bis heute im Bewusstsein einiges getan. Es gibt aber keine offiziellen Kontakte. Wir werden zum Beispiel nicht einbezogen in den Synodalen Weg, sind also in diesem Sinne immer noch „Outsider“. Es gibt aber gute indirekte Kontakte, vor allem zum Zentralkomitee der deutschen Katholiken.

Was erhoffen Sie sich vom Synodalen Weg?

Weisner: Das ist ein großes Wagnis, das aber dringend notwendig war. Der Skandal sexualisierter und geistlicher Gewalt und Machtmissbrauch muss beendet werden. Es ist wichtig, dass dieser Weg trotz Corona-Krise weitergegangen wird. Was wir jetzt erleben, ist eine intensive öffentliche Debatte. Dass Bischöfe unterschiedliche Positionen vertreten, das hat es bisher nicht gegeben. Und noch wichtiger: Es gibt Arbeitsgruppen zu den einzelnen Themen, wo wirklich fundiert gearbeitet wird, wo eine intensive theologische Debatte geführt wird.

Ich kann nur sehr hoffen, dass man sich nicht zerstreitet, sondern sich den Argumenten widmet und einander zuhört. Dann kann es auch für die Weltkirche ein Angebot sein, dass hier in Deutschland mit unserer starken Theologie an den theologischen Fakultäten der Universitäten neue Wege gefunden werden, die dann auch vom Vatikan nicht mehr ignoriert werden können.

Es gab zwei Querschläge aus Rom in der jüngsten Vergangenheit, die Instruktion im Sommer und die Äußerungen der Glaubenskongregation zum Abendmahl. Wie schätzen Sie diese Schreiben ein?

Weisner: Ich würde mir von Papst Franziskus ein noch deutlicheres Ja zum Synodalen Weg wünschen. Man muss klar sagen: Die deutsche Kirche will keine Nationalkirche sein, wir sind Teil der Weltkirche. Aber wir sind ein wesentlicher Teil, der auch theologisch etwas beisteuern kann. Was mich schon nachdenklich stimmt, ist, dass es anscheinend innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz einzelne Bischöfe gibt, die froh sind, wenn mal ein negatives Schreiben aus Rom kommt, und die möglicherweise sogar etwas dazu beigetragen haben.

Wenn ein Schreiben der Kleruskongregation aus Rom kommt, der der Kölner Kardinal Woelki angehört, dann darf es doch nicht sein, dass die anderen Bischöfe nichts davon gewusst haben. Da muss die Kirchenleitung mal die Kommunikationswege überdenken. Es wäre sehr ungut, wenn einzelne Bischöfe oder Kardinäle über Rom versuchen würden, den Synodalen Weg zu stören.

Welche Hoffnungen und Wünsche haben Sie für die nächsten 25 Jahre?

Weisner: Es geht uns letztendlich um das, was der biblischen Botschaft von einer Kirche der Gleichen und der verschiedenen Charismen entspricht. Darum, die Ständeunterschiede, die Kluft innerhalb der Kirche zwischen Klerikern, Priestern, Bischöfen, Diakonen und dem allgemeinen Kirchenvolk zu überwinden. Wenn man auf die Kirchengeschichte schaut, sieht man, dass die Tradition der klerikalen, zentralen, absolutistischen Kirche eine sehr junge Tradition ist, die eigentlich erst im 19. Jahrhundert, in der Zeit des Ersten Vatikanischen Konzils erfunden und installiert worden ist.

Die Kirche war in ihren Anfängen sehr viel frauenfreundlicher. Sie war eine Jesus-Bewegung, da gab es dieses Amtsverständnis nicht. Da ist viel Ungutes in den nachfolgenden Jahrhunderten hinzugekommen. Der Zölibat beispielsweise leitet sich nicht aus den Anfängen der Kirche ab. Die christliche Kirche hat tausend Jahre lang ohne den Pflichtzölibat gelebt. Wichtig ist doch: Wie können Gemeinden überleben und gemeinsam Gottesdienst feiern? Und da darf es nicht mehr diese große Rolle spielen, ob Mann, ob Frau, ob verheiratet oder nicht verheiratet – wie es ja auch am Anfang nicht diese große Rolle gespielt hat. 

Der Autor
Willi Witte
Radio-Redaktion
w.witte@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Synodaler Weg

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