Neue Pfarrkirche in Poing Eine Kirche wie eine "Sprungschanze"

05.06.2018

Am 10. Juni wird die neue Pfarrkirche „Seliger Rupert Mayer“ in Poing geweiht. Wir stellen Ihnen das neue Gotteshaus vor.

Die neue Kirche "Seliger Rupert Mayer" in Poing
Die neue Kirche "Seliger Rupert Mayer" in Poing © Kiderle

Poing – Von außen wirkt dieser Bau leicht unwirklich, vor allem wenn das helle Sonnenlicht direkt auf die 15.000 blendend weißen Keramik-Kacheln seiner Außenhülle trifft. Diese Kacheln, eigens angefertigt und in ihrer plastischen Form dem inneren Gewölbekreuz des Kirchenraums nachempfunden, bedecken die gesamte Außenfassade der neuen Pfarrkirche „Seliger Rupert Mayer“ sowie die Schrägen der Dachlandschaft. Deren einzelne Teile sind unterschiedlich geformt und verschieden hoch, sodass der ganze Bau wie eine überdimensionale Skulptur wirkt, wie eine kristalline „Stadtkrone“ der Gemeinde Poing (Dekanat Ebersberg).

Ingesamt 34 Meter ragt der Bau in die Höhe und wird bekrönt von einem sphärischen, vergoldeten Dachkreuz, auf dem ein ebenfalls goldener Hahn nach Osten blickt, zur aufgehenden Sonne, die mit Christus gleichgesetzt wird. Einen Spitznamen haben die Poinger für ihre neue Kirche auch schon gefunden: „Sprungschanze“ und „Bergkristall“ nennen sie diese. Was den ausführenden Architekten Andreas Meck des gleichnamigen Münchner Architekturbüros durchaus freut: „Spitznamen sind ein gutes Zeichen, denn sie beweisen, dass die Menschen sich mit dem Thema auseinandersetzen.“

Der Altar in der neuen Poinger Kirche
Der Altar in der neuen Poinger Kirche © Kiderle

"Draußen" im Neubaugebiet

Unumstritten war dieser nach zehn Jahren erste komplette Kirchenneubau im Erzbistum an neuem Ort (die neue Kirche in Holzkirchen, im März geweiht, ersetzt ja einen Vorgängerbau) durchaus nicht. Manch alteingesessener Poinger tat sich schwer mit der Vorstellung, dass die traditionsreiche Kirche St. Michael im bisherigen Ortskern zur Filialkirche zurückgestuft ist und die neue Kirche mit dem Patrozinium des Seligen Rupert Mayer „draußen“ im Neubaugebiet die Hauptpfarrkirche des Ortes wird. Dem voraus ging aber ein ungewöhnlicher und weitreichender politischer Entschluss der Gemeinde in den 1980er Jahren, ihr altes Zentrum aufzugeben und im neuen Siedlungsgebiet eine neue Ortsmitte zu errichten. Das war dem stetigen Zustrom aus der Großregion München geschuldet.

Das neue Kirchenzentrum im Ortsteil Bergfeld setzt dabei einen städtebaulich wichtigen Akzent in direkter Nähe zum Bürgerhaus, zum geplanten Rathaus-Standort und in unmittelbarer Nachbarschaft zur evangelischen Kirche. Die neue Ortsmitte fungiert hier als Bindeglied zwischen dem neuen nördlichen und dem alten südlichen Ortsteil. Unmittelbar an das Grundstück des markanten Kirchenbaus grenzt auch ein naturhaft gestalteter Weiher mit anschließendem Grüngürtel an.

Architekt Andreas Meck
Architekt Andreas Meck © Kiderle

Bauverzögerungen

Nach der Ausschreibung eines Architekturwettbewerbs mit 36 Teilnehmern setzte sich 2011 schließlich der Entwurf von Architekt Andreas Meck durch. Im November 2015 wurde der Grundstein für die neue Kirche gelegt, die schon im Oktober 2017 geweiht werden sollte. Wegen der Insolvenz eines Fassaden-Unternehmens kam es dann zu Bauverzögerungen (wir berichteten), der Kostenrahmen für den Neubau von 14,6 Millionen Euro wurde aber eingehalten. Der Neubau war auch nötig geworden, weil Poing in den vergangenen Jahrzehnten zur zweitgrößten Gemeinde im Landkreis Ebersberg gewachsen ist. Die Pfarrei konnte allein heuer 95 Erstkommunikanten verzeichnen.

Betritt man den leicht zum Altar abfallenden Kirchenraum, öffnet sich nach dem niedrigen Eingangsbereich ein zum Himmel strebender Raum aus Licht – wie im Barock, hier aber in asketisch nüchternen Formen. Drei große Lichtöffnungen prägen ihn: Die Öffnung über dem höchsten Punkt der Kirche trifft auf Altar und Tabernakel, ein Seitenlicht hoch oben rechts betont den Ort der Taufe mit dem Taufbecken und die dritte Fensteröffnung im Dach beleuchtet die Orgel auf der Empore. Speziell behandelte Wandoberflächen und das diffus gestreute Licht im Raum erzeugen eine Atmosphäre der Transparenz, verstärkt noch durch das reine Weiß der Wände und Decken, letztere in Form eines Kreuzes über quadratischem Grundriss. In stärkstem Helligkeitskontrast dazu steht der Nagelfluh, eine typische Gesteinsart der oberbayerischen Schotterebene, der Wandsockel, Boden und Altarinsel bedeckt, um deren liturgische Mitte die Bänke mit 356 Sitzplätzen in drei Blöcken gruppiert sind.

Zum Altar hin ist der Kirchenraum leicht abfallend.
Zum Altar hin ist der Kirchenraum leicht abfallend. © Kiderle

Archaische Wucht

Altar, Ambo, Tabernakelstele und Taufstein hat der bekannte Kölner Bildhauer Ulrich Rückriem zusammen mit Alfred Karner gestaltet. Dafür hat er ein Millionen Jahre altes Gestein, den grau-grünen, von Fossilien und urzeitlichen Ablagerungen durchsetzten westfälischen Anröchter Stein, verwendet und bei dessen Bearbeitung Kanten, Risse und Brüche stehen gelassen, was diesen skulpturalen Gebilden eine große archaische Wucht verleiht. Diese wird durch den ähnlichen Nagelfluh an der Wand dahinter relativiert, weil beide sich farblich wenig voneinander unterscheiden.

An einigen Stellen im Kircheninneren entdeckt man mehrere überzeugende Planungsideen, die in ihrer Ausführung eine ambivalente Wirkung zeigen. Großartig ist etwa das riesige Panorama-Fenster rechts vorne in der Ecke des Taufsteins. Der Blick auf den Teich (mit der Anspielung auf das Wasser der Taufe) und die grüne Natur ist so eindrucksvoll, dass die Aufmerksamkeit vom Kircheninneren abgezogen wird. Und das Fenster auf der linken Seite des Altars erzeugt zwar weich-diffuses Streulicht, wirkt aber wie mit einer halbtransparenten Folie beklebt.

Wie im Schaufenster

Im Eingangsbereich schließlich trennt ein abstraktes Gemälde des deutsch-amerikanischen Malers Jerry Zeniuk mit tanzenden Farbpunkten ein Stück Raum als Ort der persönlichen Andacht ab, in dem eine dunkle Marienstatue aus Nussbaum steht. Setzt man sich dort auf einen der Hocker, fühlt man sich wie in einem Schaufenster sitzend, denn dessen Außenwand ist bis zum Fußboden voll verglast und vom Kirchenvorplatz aus direkt einsehbar.

Auf die Rückseite seiner Leinwand, an der man beim Eintreten vorbeigeht, hat der Künstler einen Satz geschrieben, der das Wirken von Pater Rupert Mayer auf den Punkt bringt: „Ich bin die Brücke.“ Das ist der einzig sichtbare Hinweis auf den neuen Kirchenpatron, der 1987 im Münchner Olympiastadion von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen wurde. An seinem Grab in der Unterkirche des Münchner Bürgersaals beten täglich viele Gläubige zum „Apostel Münchens“ und zum „15. Nothelfer“. Die Poinger Kirche ist nun die erste mit seinem Patrozinium. Nur in Haspelmoor, einem Ortsteil von Hattenhofen im Landkreis Fürstenfeldbruck, gibt es schon eine kleine Kapelle, die ihm geweiht ist. (Karl Prestele)

Weihe in Poing

Kardinal Reinhard Marx weiht die neue Poinger Kirche bei einem Gottesdienst am Sonntag, 10. Juni, um 9.30 Uhr. Im Rahmen einer Novene in Vorbereitung auf die Weihe wird am Freitag, 8. Juni, um 19 Uhr eine Menschenkette von der Kirche St. Michael zur neuen Kirche gebildet.

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Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Neue Kirchen wurden gebaut

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