Kunst auf Glas Eine Künstlerin aus Afghanistan gestaltet Kirchenfenster

12.03.2020

Mahbuba Maqsoodi entwirft Fenster für Deutschlands älteste Klosterkirche in Tholey im Saarland. Die 63-Jährige Künstlerin lebt heute in München. Ihr Weg dorthin war weit und begann mit einer Parfümflasche in Afghanistan.

Die Künstlerin Mahbuba Maqsoodi arbeitet in einer Glaswerkstatt in München an einem Buntglasfenster für die Klosterkirche der Benediktinerabtei Tholey.
Kräftige Farben und ausdrucksstarke Gesichter prägen den Stil von Mahbuba Maqsoodi. © Dieter Mayr/KNA

München – Dort, wo sie aufwuchs, kannte sie keine Christen, weil es kaum welche gab. An den Wänden zuhause hing kein einziges Bild. Heute gestaltet Mahbuba Maqsoodi (63) Malerfenster für Deutschlands älteste Klosterkirche. Die afghanische Künstlerin mit russischem Doktortitel hat einen weiten Weg hinter sich. Dabei kommt es ihr so vor, als hätte sich ein "versteckter Wunsch, der in mein Herz gesät wurde", erfüllt. Ihre Augen blitzen bei diesem poetischen Satz, eine kaum gebändigte graue Mähne umspielt ihre runden Wangen.

Es war in der achten Klasse im Fach Geografie, Europa war an der Reihe. Im Schulbuch fand Mahbuba Schwarz-Weiß-Fotos gotischer Kathedralen: Chartres, Notre-Dame. Deren schwerelos elegante Verbindung von Himmel und Erde faszinierte das Mädchen. Dass es selbst einmal für einen solchen Raum künstlerisch tätig sein würde - undenkbar.

Mit Bildung das Tor zur Welt geöffnet

Maqsoodi entstammt der Familie eines liberalen muslimischen Lehrers, sie ist die mittlere von sieben Töchtern. "Er hat uns nie geschlagen und er hat keine von uns verkauft", das rechnet sie ihrem Vater hoch an. Und dass er, der selbst eine Mädchenschule gründete, ihr mit Bildung das Tor zur Welt aufstieß, wo sie ihre große Neugier stillen kann.

Eines Tages zeigte ihr eine Schulfreundin ein bemaltes blaues Parfümfläschchen. Ein Erweckungserlebnis: Ich will malen können. Ihre Eltern engagierten einen Lehrer. Fazl Maqsoodi unterwies sie in der persischen Miniaturmalerei. So begann eine Liebesgeschichte, die sich nicht auf die Kunst beschränkte.

Die beiden heirateten, ein erster Sohn kam zur Welt, gemeinsam erhielten sie ein Stipendium, das sie über Umwege nach Sankt Petersburg führte. Das Paar genoss ein breites Kunststudium, mit Malerei auf Glas kam es erst später in Deutschland intensiv in Berührung. Nach Jahren bangen Wartens auf einen Asylentscheid, während in ihrer Heimat ein von ausländischen Mächten befeuerter Bürgerkrieg tobte. Mahbubas Lieblingsschwester war der Kugel eines Attentäters zum Opfer gefallen. "Ich habe durch die Flucht vieles verloren, aber auch die schönsten Entdeckungen gewonnen", sagt sie heute.

Das Schöne und das Schwere zugleich

In einer Münchner Traditionswerkstatt erhielt sie die Möglichkeit, wieder mit Glas zu arbeiten. "Glas hat etwas Lebendiges, das Licht gibt den Farben eine Kraft." Je nach Lichteinfall verändert sich die Wirkung eines Bildes. "Das ist das Schöne und das Schwere zugleich." Vieles hat sich Maqsoodi in dieser Werkstatt aneignen können, das meiste durch Ausprobieren. Als Glaskünstlerin oder -malerin möchte sie aber nicht bezeichnet werden, das wäre für ihr künstlerisches Selbstverständnis zu eng.

Mit ihrem Mann bildete sie im Laufe der Jahre auch beruflich ein kongeniales Duo, das 2010 durch Fazls tödliche Krebserkrankung jäh gesprengt wurde. Seine Witwe füllte die seelische Lücke mit noch expressiverer Kreativität, wagte den Sprung in die Selbstständigkeit. Hatte sie in ihrer Anfangszeit in Deutschland vor der Jahrtausendwende zur Sicherung des Lebensunterhalts noch Entwürfe anderer ausführen müssen, konnte sie sich nun endlich frei entfalten, von der ersten Skizze bis zum letzten Pinselstrich.

Kräftige Farben, ausdrucksstarke Gesichter prägen ihren Stil. Und überall Hände: Fäuste, die sich ballen, Finger, die sich an die Stirn fassen. Gesten voller Dynamik laden den Betrachter ein, nach einer Verbindung zum eigenen Leben zu suchen.

Keine Mauern zwischen uns

Die Religionen sieht die 63-Jährige letztlich alle unterwegs zum selben Ziel, dem höchsten Licht, der grenzenlosen Güte. So hat sie es erfahren, als sie vor einigen Jahren mit Katholiken, aber auch Buddhisten und Atheisten 800 Kilometer auf dem Jakobsweg pilgerte. "Da gab es keine Mauern zwischen uns."

Bei Heiligen wie bei biblischen Motiven sucht sie stets einen neuen Zugang. In der "Geburt Christi" für die Abtei Tholey hat sie den Jesusknaben nicht Maria, sondern Josef in den Arm gelegt. Das sei doch das, was sich Mütter wünschten. Sie selber freue sich immer, wenn sie solchen Vätern auf der Straße begegne.

Die Liebe ihres Lebens ist für die Künstlerin bei allem Verlust ein bleibender Halt. Noch immer spürt sie die Gegenwart ihres Mannes. Mit einem Unterschied: "Fazl widerspricht mir nicht mehr." (kna)


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