Pilgern im Selbstversuch Eine Reise auf dem Münchner Jakobsweg

29.05.2018

Es ist eine Sehnsucht vieler Menschen: Einmal im Leben auf dem Jakobsweg pilgern. Das muss nicht einmal in Spanien sein, denn auch durch Bayern führen Jakobswege. Einer davon ist der Münchner Jakobsweg. Auf der ersten Etappe geht es zum Kloster Schäftlarn. Die Eindrücke einer besinnlichen Ablenkung.

Eindrücke einer Pilgerreise
Eindrücke einer Pilgerreise © SMB/Fleischmann

München/Schäftlarn – Der Rücken ist durchgeschwitzt, die Füße tun ein wenig weh, doch summa summarum bin ich hochzufrieden. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich mehr als 20 Kilometer am Stück gelaufen. Das ist mir erst gegen Ende meiner ersten Etappe auf dem Jakobsweg aufgefallen, als ich im schönen Biergarten gegenüber vom Kloster Schäftlarn sitze. Es ist 15 Uhr, um 9 Uhr bin ich in München losgelaufen.

München lange Jakobstradition

Der Beginn meiner kleinen Wanderung ist das Kloster der Armen Schulschwester am Unteren Anger in München. Ich treffe mich um 8.30 Uhr mit Schwester Theresina, die mir meinen Pilgerausweis aushändigt. Eigentlich hätte ich den drei Wochen vorher beantragen müssen, doch für mich macht die Klosterschwester eine Ausnahme. Mit dem offiziellen Pilgerbegleitbrief in der Tasche mache ich mich vom Kloster in Richtung Isar auf. Seit dem 12. Jahrhundert ist eine Jakobssäule am Anger überliefert, später kam eine Kirche dazu. Schon seit bald einem Jahrtausend zieht es also Menschen in Richtung Süden nach Spanien. Ich beginne mit der ersten Etappe. Ein schönes Gefühl.

Der Weg durch die Stadt

Bis es in die Natur geht, sind noch etliche Kilometer Münchner Innenstadt zu überwinden. Über den Gärtnerplatz und die Reichenbachbrücke gelange ich an die Isar. Der Trubel ist nicht zu übersehen und obwohl es erst 9.30 Uhr ist. Jogger, Radlfahrer, Sonnenanbeter – sie alle belagern schon die idyllischen Auen bis hinter Thalkirchen. An Besinnung oder innerer Einkehr ist noch lange nicht zu denken. Das ist aber nicht schlimm, denn der Weg hilft mir, mich aufzuwärmen.

Pilgerwege im Erzbistum München und Freising

Pilgern und Wallfahrten gehören seit jeher zum christlichen Glauben. In den letzten Jahren wurden im Erzbistum München und Freising viele neue Pilgerwege erschlossen und lang bestehende wieder entdeckt. Eine Übersicht bietet diese Landkarte, auf der auch der Münchner Jakobsweg dargestellt ist.

Dann geht’s Schlag auf Schlag und die Menschen sind weg. Auf dem Abschnitt zwischen dem Flaucher und der Großhesseloher Brücke sehe ich zwei Fliegenfischer und ein paar Menschen, die mit ihren Hunden Gassi gehen. Sonst ist da nichts – bis auf die Sonne, die langsam richtig warm wird. Verschwitzt bin ich schon längst, doch ich fühle mich pudelwohl.

Mein offizieller Pilgerausweis.
Mein offizieller Pilgerausweis. © SMB/Fleischmann

Von Brücke zu Brücke

Ich laufe über die Großhesseloher-Brücke und weiter am Ufer entlang. Ich werde immer ruhiger, und merke, dass ich aufmerksamer für die Geräusche meiner Umgebung werde. Das Plätschern des Flusses oder die Melodien von Singvögeln vereinigen sich zu einer angenehmen Hintergrundbeschallung. Voller innerer Harmonie gehe ich weiter und erreiche scheinbar mühelos den Brückenwirt bei der Grünwalder Burg. Ich schaue auf meine Karte und sehe, dass ich schon über 50 Prozent geschafft habe. Das ging ja einfach.

Der kanadische Goldschürfer-Fluss

Nach einem Schnitzel und einem Almdudler wandere ich weiter und merke, dass mir meine Beine wehtun. Außerdem wird es immer heißer in meinen Schuhen. Irgendwie geht’s nichtmehr so leichtfüßig weiter wie am Anfang. Ich ärgere mich, nicht einen leichten Salat, sondern die Kalorienbombe bestellt zu haben. Zu allem Überfluss zieht eine Karawane an Flößen auf der Isar an mir vorbei, deren Fahrgäste bereits um 13 Uhr ziemlich angetrunken sind und wild zu der Musik der Alleinunterhalter grölen, die sich auf jedem Floß befinden. Innere Einkehr und Achtsamkeit? Fehlanzeige. Ich bin genervt und habe keine Lust mehr. Dann verlaufe ich mich auch noch zu allem Überfluss und stehe vor einer Schleuse, die ich nicht passieren darf.

Ich wandere durch ein Gebüsch in Richtung Flussufer und die miese Laune ist vorüber. Vor mir zeigt sich eine kleine Furt. Mit dem Nadelwald im Hintergrund und den langen Steinbänken muss ich gleich an den Yukon in Kanada denken. Fehlen nur noch die Berge im Hintergrund, doch auch die sind ja bekanntlich nicht weit weg. Leider kann ich die Furt nicht passieren und so muss ich 1,5 Kilometer zurücklaufen, um auf die andere Flussseite zu kommen. Weitere drei Flöße und zwei Macarenas später sehe ich endlich wieder ein Straßenschild mit einer Jakobsmuschel und ich weiß, dass ich wieder richtig bin.

Die wunderschöne Isar südlich von München.
Die wunderschöne Isar südlich von München. © SMB/Fleischmann

Die Ruhe im Wald

Es geht kaum noch direkt am Ufer entlang. Ich wandere vielmehr durch Waldgebiete, die in der Hitze angenehm kühl sind. Da ist sie wieder, die Besinnlichkeit, die ich gesucht habe. Ich laufe so vor mich hin, und automatisch setze ich mich mit mir selbst auseinander und was mir so wichtig ist. Es ist ein schönes Gefühl, weil ich nicht ins Grübeln gerate, sondern irgendwie positiv denke. Die Kilometer ziehen vorbei und auf der Höhe des Georgensteins nähere ich mich wieder dem Fluss. Diesen Stein wollte ich schon immer einmal sehen, bin aber vorher noch nicht dazu gekommen. Auch so ein positiver Nebeneffekt meiner Reise.

Die letzten Kilometer

Ich nähere mich dem Kloster Schäftlarn und bin wieder im Wald unterwegs. Ich komm an einem kleinen Tümpel vorbei, wo ich sogar eine Ringelnatter sehe. Bevor ich meine Kamera zücken kann, ist die flinke Schlange in einem Erdloch verschwunden. Schade. Trotzdem motiviert mich der Anblick des schönen Tieres und die letzten zwei Kilometer laufen sich wie von selbst. Ich passiere das Ortschild und sehe schon die Kirche vor mir aufragen.

Ich betrete das wunderschöne Gotteshaus und habe die Kirche ganz für mich alleine. Die Sonne scheint durch die Fenster und ich setze mich andächtig auf eine Kirchenbank. Ich werde ruhig und bete ein wenig. Das geht gerade irgendwie ganz natürlich. Ich weiß einfach, was ich Gott anvertrauen möchte. Danach stemple ich ganz stolz meinen ersten Stempel in meinen Pilgerpass. Ich nehme mir fest vor, dass das nicht die letzte Etappe gewesen sein wird. Beschwingt gehe ich in Richtung Biergarten – denn ein wenig darf man sich nach so einer Wanderung dann doch gönnen. (Lukas Fleischmann)

In der Sendung "München am Mittag" im Münchner Kirchenradio hören Sie am 30. Mai zwischen 12 - 14 Uhr mehr über den Selbstversuch von Reporter Lukas Fleischmann. Hier geht es zum Podcast zur Sendung.

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Pilgern: Der Weg ist das Ziel

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