Reliquien der heiligen Munditia Eine Römerin in München

14.11.2018

Vor ihr bleiben fast alle Besucher in der Münchner Peterskirche stehen: Munidita ist eine sogenannte Katakombenheilige und ist über die Alpen in die bayerische Landeshauptstadt gekommen.

Die Heilige Munditia in Sankt Peter in München.
Die Heilige Munditia in Sankt Peter in München. © SMB/Bierl

München - Ein wenig befremdet blickt die ältere Dame aus Japan oder China auf das Knochengesicht der heiligen Munditia, das hinter einem dünnen Gazé-Schleier zu sehen ist. Die großen Augen sind aus Glas, die Lider aus Golddraht und Pailletten nachgebildet. Auf ihrem Haupt sitzt eine Krone aus silbernen Lorbeerblättern. Die Touristin wendet sich an ihre Begleiterin und zeigt auf die roten und blauen Steine, den reich bestickten Brokatstoff mit denen die Gebeine der Heiligen geschmückt sind, die in der Rechten einen gläsernen Pokal und in der Linken einen vergoldeten Palmzweig hält. Und letztlich scheint der Dame aus dem Fernen Osten die heilige Munditia doch zu gefallen, wenigstens nimmt sie noch eine Klappkarte mit, die vor dem Schrein für 20 Cent zu haben ist.

Ein Blickfang

„Man kann nicht vorbeigehen, ohne hinzuschauen und fast jeder Besucher bleibt stehen“, sagt Christian Thalhammer. Er muss es wissen. Seit 33 Jahren ist er Mesner und kommt fast täglich am Schrein der Heiligen vorbei. „Wir kennen uns ganz gut“, erzählt er und schmunzelt. Jedes Jahr schmückt er zum Gedenktag der heiligen Munditia am 17. November den Schrein. Oben hängt er eine grüne Girlande auf und er stellt weiße und rote Blumen davor. „Die Farbe Rot steht für ihr Martyrium“, erklärt Christian Thalhammer.

Aus den römischen Katakomben

Die heilige Munditia soll bei Christenverfolgungen in Rom den Tod gefunden haben, denn von dort kommen die Reliquien. Sie ist in einer der im 16. Jahrhunderten wiederentdeckten und nach und erschlossenen unterirdischen Grabanlagen gefunden worden, genauer in den Cyriaca-Katakomben. Im Heiligen Jahr 1675 hat sie der Münchner Ratsherr und Kaufmann Franz Benedikt Höger als Geschenk für die Münchner Peterskirche erhalten. Eine Seltenheit ist die Grabplatte, die Höger ebenfalls mitnehmen durfte. Die Inschrift ist aber nicht einfach zu entschlüsseln. Aus ihr geht hervor, dass es wohl tatsächlich die Gebeine einer Frau namens Munditia sind, die an einem 17. November gestorben ist. Die abschließende Abkürzung APC ist dagegen weniger eindeutig. Sie könnte für „Ascia Plexa Capita“ stehen, übersetzt „mit dem Beil enthauptet“. Die Buchstabenfolge könnte aber auch bedeuten: „Andronico Probo Consilibus“. Das bedeutet dann eine Zeitangabe: „unter dem Konuslat von Andronico und Probus“, die im Jahr 310 dieses Amt bekleideten.

Seit über 300 Jahren gehört sie fest zu Sankt Peter in München dazu: Die Katakombenheilige Munditia.
Seit über 300 Jahren gehört sie fest zu Sankt Peter in München dazu: Die Katakombenheilige Munditia. © SMB/Bierl

Würdiger Empfang in München

Allerdings soll die Verbindungsstelle vom Kopf zu den Haslwirbeln Gewaltspuren zeigen. So ist es auf der Homepage der Pfarrei zusammengefasst. Ein offizielles Selig- oder Heiligsprechungsverfahren hat es für Munditia nie gegeben. So wie die meisten Katakombenheiligen galt sie einfach aufgrund ihres möglichen Martyriums als verehrungswürdig, was die päpstlichen Behörden mit Brief und Siegel bestätigten. In München haben die Gläubigen die sogenannte Ganzkörperreliquie jedenfalls würdig empfangen. Von einem großen Fest begleitet, bekamen die zuvor von Klosterfrauen aufwändig verzierten Gebeine 1677 ihren Platz in Sankt Peter. Der kleine Glaspokal auf dessen Deckel das Christus-Monogramm zu sehen ist, enthält Erde aus der Cyriaca-Katakombe und der vergoldete Palmzweig in ihrer Linken, erinnert an das Martyrium, das für die barocken Gläubigen feststand.

Patronin der alleinstehenden Frauen

Als weibliche Heilige ist Munditia wohl vor allem von Frauen verehrt worden. Jedenfalls gilt sie als Patronin der Witwen und alleinstehenden Frauen. Vielleicht ist diese Zuschreibung aber erst im späten 19. Jahrhundert entstanden, nachdem der Staat die Zurschaustellung der Katakombenheiligen verboten hatte, Munditia in einem Holzkasten verschwand und die Verehrung unterbrochen war. Erst 1883 durfte sich die Heilige wieder öffentlich zeigen. Alleinstehende Frauen in Not gab es in München in jener Zeit jedenfalls genug. In Sankt Peter und seinem sozial engagierten Stadtpfarrer Anton Westermayer, der selbst in ärmlichen Verhältnissen als uneheliches Kind aufgewachsen war, hatten sie eine Anlaufstelle. Vielleicht hat er diese Frauen zur Munditia-Verehrung ermuntert, aber das ist Spekulation. Jedenfalls ist die Verehrung bis zum heutigen Tag nicht mehr abgerissen. Mesner Thalhammer zeigt auf ein Täfelchen, das unauffällig neben dem Glasschrein steht. „Der heiligen Munditia zum Dank für die große Hilfe in einer schwierigen Situation im Dezember 2017“, steht darauf. Normalerweise entfernt er solche Gegenstände, wenn sie einfach so abgestellt werden. Aber dieses Täfelchen hat ihn „gerührt und deshalb habe ich es stehen gelassen“.

Mesner Christian Thalhammer ist ein alter Bekannter der Heiligen Munditia und schmückt an ihrem Festtag den Schrein.
Mesner Christian Thalhammer ist ein alter Bekannter der Heiligen Munditia und schmückt an ihrem Festtag den Schrein. © SMB/Bierl

Gedenktag mit Lichterprozession

Vielleicht ist die Stifterin, oder auch der Stifter, ja am 17. November dabei, an dem die Pfarrei den Gedenktag der heiligen Munditia begeht. Nach einer feierlichen Messe mit Musik ziehen die Gläubigen in einer Lichterprozession zum Schrein. „Das ist dann richtig mystisch“, beschreibt Christian Thalhammer die Stimmung, wenn sich die brennenden Kerzen auf dem Glas widerspiegeln, die Goldfäden und die Ziersteine auf den Gebeinen das Licht brechen. Die Menschen können an diesem Tag sogar unmittelbar mit Munditia in Verbindung kommen. Ein kleines Knochenstück der Heiligenist nämlich in einem sogenannten Tafelreliquiar gefasst, das der Priester den Gläubigen kurz auf den Kopf legt und ihn damit segnet – eine Geste von großer Kraft.

Reliquienverehrung ist kreativ

Der Psychoanalytiker Klaus Röckerath hat die katholische Reliquienverehrung einmal als eine große „kreative Leistung“ gewürdigt. Denn in ihr verwandelt sich scheinbar totes Material in einem geistig-seelischen Prozess zu einem Zeichen der Hoffnung. Die Verehrung gibt dem vergangenen Leben Würde und verweist zugleich auf ein jenseitiges Leben, das sich in seinem vollen Schmuck offenbaren wird. In Sankt Peter lässt sich das mitten in einer modernen Großstadt noch heute erleben. Und ein bisschen etwas scheinen davon sogar die Touristen zu spüren, die verwundert vor der heiligen Munditia stehen bleiben.


Der Gottesdienst in Sankt Peter zum Gedenktag der hl. Munditia am Samstag, 17.11. beginnt um 18.00. Er wird von Musik für Oboe und Orgel begleitet. Der Messe schließt sich die Lichterprozession zur Ehren der hl. Munditia und vor dem Schrein die Einzelsegnung mit dem Tafelreliquiar an.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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