Virtuelle Kirchenführungen Eine Sache der Perspektive

21.05.2019

Der EDV-Experte Tibor Hlozanek fotografiert in Kirchen 360-Grad-Panoramen. Daraus erstellt er dann virtuelle Führungen. Zurzeit ist er nächtens in der Münchner Michaelskirche.

Der Roboter ist programmiert, Tibor Hlozanek prüft zum letzten Mal die Kamera.
Der Roboter ist programmiert, Tibor Hlozanek prüft zum letzten Mal die Kamera. © KIderle

München - Natürlich hat er seine Kamera im Gepäck, ein paar Lampen, und Stative. Aber auch zwei große Flaschen, eine mit Cola, die andere mit Multivitaminsaft. Tibor Hlozanek verbringt schließlich fast die ganze Nacht von Freitag auf Samstag in der Münchner Jesuiten-Kirche St. Michael und muss wachbleiben. Mitten in der Stadt lässt er sich in das berühmte Gotteshaus einsperren, um den kompletten Innenraum zu fotografieren.

5.500 Bilder sollen es am Ende sein, aus denen er am Computer eine virtuelle Kirchenführung aus verschiedenen 360-Grad-Panoramen der Kirche erstellt. Das heißt, in ein paar Wochen lässt sich die Kirche von jedermann am heimischen Rechner aus allen möglichen Perspektiven betrachten und „begehen“ – von links nach rechts oder von oben nach unten, inklusive Text und unterlegter Musik. Rund 40 Stunden sind nötig, um die riesige Kirche dafür abzulichten. Dabei hilft dem 52-Jährigen ein Roboter, den er bereits zuhause programmiert hat. Der ist ungefähr so groß wie ein Päckchen Kaffee. Hlozanek schraubt ihn auf das Stativ, das sich bis zu fünf Meter hoch ausfahren lässt, und befestigt den Fotoapparat an einer integrierten Klemme. Der Roboter dreht und wendet die Kamera automatisch. Alle paar Sekunden ist das Klicken des Auslösers zu hören.

Jeden Pinselstrich erkennen

Eine ruhige meditative Nacht ist es allerdings nicht, die der Panoramafotograf in St. Michael verbringt. In der nebenan gelegenen Alten Akademie, die an einen Investor verpachtet ist, steigt eine Party. Bis in die Morgenstunden sind die Bässe bis zum Anschlag aufgedreht, so dass die Fenster der Kirche vibrieren und immer wieder zu klirren beginnen. Hlozanek geht seiner Arbeit so konzentriert nach, dass ihn das kaum stört. Er beobachtet die Bewegungen der Kamera, die mit Belichtungszeiten zwischen 1,5 und 3,5 Sekunden arbeitet. Die Aufnahmen sind auf den bearbeiteten Bildern so scharf, „dass man beim Heranzoomen jeden Pinselstrich auf den Gemälden erkennt“, erklärt Hlozanek. Wie ihm das genau gelingt, verrät der Hobbyfotograf nicht, „das ist mein Betriebsgeheimnis“.

Mit der digitalen Welt kennt sich der EDV-Fachmann aus: Hauptberuflich arbeitet er als Netzwerkadministrator und an den Wochenenden ehrenamtlich an seinen Panoramen. Zunächst hat er die Idee auf seinen Urlaubsreisen ausprobiert, erzählt er gegen Mitternacht, als er eine Pause macht und nebenan immer noch die Bässe wummern. „Bei den üblichen Ferienfotos habe ich gemerkt, dass die Erinnerungen viel weniger stark sind als bei Panoramabildern, auf denen ich außerdem immer wieder etwas Neues entdecke.“

Kunst und Theologie

Vor rund fünf Jahren hat er Kirchen als Motive entdeckt. Nach einer schweren Herzoperation spazierte Hlozanek im Frühjahr durch den Nachbarort, schaute in die Kirche und war dort von einem Passionstuch mit aufgemaltem Kreuzweg so gebannt, „dass ich gedacht habe, das muss ich festhalten“. Seitdem hat er rund 30 virtuelle Kirchenführungen erstellt, 26 davon im Erzbistum München und Freising. „Da komme ich zur Ruhe“, sagt der Vater eines Sohnes und einer Tochter, die ihm bei den Nachtaufnahmen manchmal hilft. Ihn begeistert, wie Kunst und Theologie besonders in katholischen Barockkirchen sich treffen und aufeinander wirken.

„Ich habe dabei viel über Gott und die Kirche gelernt.“ Ob er dadurch ein gläubigerer Mensch geworden ist? „Ich bin so in einem Findungsprozess“, entgegnet er nachdenklich, Es sei schwer, „der klassische Gläubige zu sein, wenn es einem in der Kindheit verboten war, über Religion zu sprechen.“ Hlozaek ist in der Tschechoslowakei mit ihrer scharfen Kirchenverfolgung aufgewachsen, seine Eltern haben ihn heimlich von einem evangelischen Pfarrer taufen lassen. „Meiner Meinung nach hat Glaube viel mit Erziehung und Einübung zu tun, das habe ich nicht gehabt.“ Erst durch die Panoramafotografien habe er „Zugang dazu gekriegt“. Und diese pflegt er mit Leidenschaft.

Wackler verboten

An seinen Foto-Arbeiten, die auf der Internetseite des Erzbistums zu finden sind, verdient er keinen Cent, und er überlegt, ob er nicht in Zukunft eine kleine Aufwandsentschädigung verlangen kann, um die Technik zu finanzieren. Für Aufnahmen in Rottenbuch hat er sogar vier Tage Urlaub genommen. Dort sind Deckengemälde von Matthäus Günter zu finden, für die Hlozanek besonders schwärmt. Auch in Indersdorf und Rott am Inn hat er dessen Fresken in seinen 360-Grad -Panoramen dokumentiert. St. Michael fordert ihn aufgrund der schieren Größe und schwierigen Lichtverhältnisse in einer ganz neuen Weise heraus. Bevor er mit dem Fotografieren beginnt, braucht er schon allein eine halbe Stunde, um die Gitter der Seitenkapellen zu öffnen, die Kerzen anzuzünden und zu kontrollieren, ob wirklich alle elektrischen Lichter brennen. „Ich brauche jede Funzel, damit die Aufnahmen gut ausgeleuchtet sind“, erklärt Hlozanek, während er das Stativ neu aufstellt und mit dünnen Stahlseilen verzurrt und stabilisiert.

100 Stunden Arbeit

Gleich nach dem Frühstück will er die heutige Ausbeute bei sich daheim am Rechner ansehen, bearbeiten und ins Netz stellen. Das dauert noch einmal so lange wie das Fotografieren. Etwa 100 Stunden Arbeit werden am Schluss in der gesamten virtuellen Kirchenführung von St. Michael stecken. Dazu muss er sich auch noch drei oder vier Mal in der Kirche einschließen lassen. Für dieses Mal ist aber um 3 Uhr morgens Schluss. Die Bässe sind immer noch zu hören. Als er das Gepäck im Auto verstaut, muss er zwei Kilo weniger schleppen. Die Cola- und die Saftflasche sind bis auf den letzten Rest ausgetrunken. Aber wahrscheinlich hat seine Begeisterung Tibor Hlozanek viel besser wachgehalten als der Saft.

Die meisten Hlozanek-Panoramen sind auf der Homepage des Erzbistums München und Freising zu sehen.

Audio

Zum Nachhören

Beitrag über Tibor Hlozanek im Münchner Kirchenradio

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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