Missbrauchsbeauftragte im Interview „Eine wichtige und richtige Tätigkeit“

06.08.2019

Verdachtsfälle des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Kleriker, Ordensangehörige oder andere Mitarbeiter der Kirche werden im Erzbistum München und Freising durch die Missbrauchsbeauftragte Kirstin Dawin geprüft. Im Interview verrät sie, warum diese Aufgabe so wichtig ist.

Missbrauchsbeauftragte Kirstin Dawin
Missbrauchsbeauftragte Kirstin Dawin © KinderschutzZentrum

mk online: Frau Dawin, seit Mai haben Sie eine der zwei Stellen als Missbrauchsbeauftragte beim Erzbistum München und Freising, wie sind Sie zu dieser Position gekommen?

Kirstin Dawin: Ich arbeite seit 20 Jahren im KinderschutzZentrum und habe dort viel mit Familien zu tun, in denen Kinder Gewalt erleben, auch sexuelle Gewalt. Und ich fand die Ergänzung mit Menschen zu sprechen, die im kirchlichen Rahmen entweder betroffen oder beschuldigt sind, eine Bereicherung für meine Arbeit und wollte diese Aufgabe gerne übernehmen. Ich finde das auch sehr sinnstiftend, weil ich das für eine wichtige und richtige Tätigkeit halte.

mk online: Sie sind als Missbrauchsbeauftragte aber nicht direkt bei der Kirche angestellt?

Dawin: Nein, das ist ganz wichtig. Ich bin extern und das soll auch so sein. Denn wenn ich bei der Kirche angestellt bin, bin ich ja nicht mehr so frei in meinem Urteil oder meiner Haltung. Sowohl Herr Miebach [der zweite Missbrauchsbeauftragte des Erzbistums – Anm. d. Red.] als auch ich sind beide extern.

mk online: Was ist Ihre Aufgabe als Missbrauchsbeauftragte?

Dawin: Wir gehen Hinweisen auf sexuell übergriffiges Verhalten durch erwachsene kirchliche Mitarbeiter an Kindern und Jugendlichen nach. Diese Hinweise kommen von Leuten, die selber etwas erlebt haben, von Kollegen, von Leuten, die etwas beobachtet haben oder die ein ungutes Gefühl bei jemandem haben. Wir sprechen dann mit möglichen Betroffenen und untersuchen, wie schwer die Grenzüberschreitung war. Wir prüfen sehr gut, ob jemand in einer bestimmten Position bleiben kann, im Kontakt mit Kindern und Jugendlichen. Und immer, wenn wir nicht sicher ausschließen können, dass es strafrechtlich relevant ist, dann wird Strafanzeige erstattet.

mk online: Was ist denn mit Erwachsenen die sagen, dass ihnen als Kinder und Jugendliche etwas widerfahren ist?

Dawin: Auch für die sind wir zuständig. Sie waren ja Kinder und Jugendliche, als ihnen das widerfahren ist. Wir haben viele Fälle, bei denen sich jetzt Erwachsene oder auch schon ältere Menschen melden und sagen „mir ist in meiner Kindheit vor 30, 40 Jahren das und das durch diesen Menschen passiert“. Das ist dann zwar strafrechtlich verjährt, trotzdem ist es ganz wichtig, dass die Menschen uns das mitteilen. Erstens, dass wir das erfahren, dass die Kirche weiß, was in ihren Räumen und in ihrem Namen passiert ist und zweitens, dass die Betroffenen erleben, dass sie ernst genommen werden und dass das Gehör findet, was sie erdulden mussten. Und dann gibt es ja auch noch Zahlungen in Anerkennung des Leides. Das ist für manche auch ein wichtige Geste.

mk online: Wie werden die Betroffenen durch Sie als Missbrauchsbeauftragte unterstützt?

Dawin: Es gibt auch Fälle, in denen wir die Kosten für Einzel- und Paartherapie übernehmen können. Manchmal ist es, glaube ich, das Wichtigste, dass wir anerkennen, was gewesen ist, dass es gehört wird, dass es geglaubt wird und dass diese eigene Biographie mit jemandem geteilt werden kann. Auch mit jemand Offiziellem, der so ein Amt wie ich als Missbrauchsbeauftragte innehat. Und dann gibt es eben Menschen, die finanzielle Anerkennung ihres Leids beantragen, wobei das Zahlungen sind, die natürlich eher nur ein symbolischer Betrag sein können im Angesicht dessen, was die Menschen erlebt haben.

mk online: Wer gehört denn zum Kreis der Beschuldigten?

Dawin: Beschuldigt werden alle möglichen Erwachsenen, die im Kontakt mit Kindern und Jugendlichen stehen und im kirchlichen Dienst sind. Also das können Lehrer an katholischen Schulen sein, das können Diakone und Priester sein, Mesner im Dienst der Kirche, aber auch Angestellte in kirchlichen Einrichtungen.

mk online: Jetzt haben Sie ja schon etwas über die Arbeit mit den Betroffenen geschildert, der Kontakt mit den Beschuldigten dürfte ja der schwerere Teil Ihres Jobs sein?

Dawin: Ja mit Sicherheit ist es der schwierigere Teil. Ich denke, manche sind sich nicht bewusst, dass sie mit bestimmten Bemerkungen, die sexuell gefärbt sind Menschen zu nahetreten und diese wirklich sehr unangenehm berühren. Manche Menschen überschreiten aber auch ganz gezielt und gewollt Grenzen, weil es für sie ein Gewinn ist und machen das auch wiederholt. Und dann hat man viel mit Rechtfertigungen, Verleugnungen und Bagatellisierungsversuchen zu tun.

mk online: Wie versucht die Kirche sicherzustellen, dass es in Zukunft nicht mehr zu Übergriffen kommt?

Dawin: Sowohl die ehrenamtlichen als auch die hauptamtlichen Mitarbeiter müssen ein polizeiliches Führungszeugnis bringen, wenn sie einen Job neu antreten und das muss regelmäßig erneuert werden. So kann man ausschließen, dass jemand schon mit einer Verurteilung eine solche Position bekleidet. Dann gibt es Fortbildungen, für Ehrenamtliche und Hauptamtliche, die zum Thema Grenzen und Täterstrategien geschult werden. Es gibt da so ein Ampelsystem: was sind rote Situationen, das geht gar nicht. Was ist gelb, wo müssen wir wirklich sehr achtsam sein und was ist grün. Denn es ist ja auch wichtig, welche Form von Kontakt wir auch zwischen Erwachsenen und Kindern wollen. Wir möchten ja auch nicht alles, was mit Nähe und Kontakt zu tun hat, verteufeln, aber es muss angemessen und vor allem für das Kind angenehm sein.

mk online: Wie geht es Ihnen persönlich mit dieser Aufgabe, wie schaffen Sie es, den Job nicht mit nach Hause zu nehmen?

Dawin: Ich glaube, das ist eine ganz wichtige Fähigkeit für diese Aufgabe, genau wie im KinderschutzZentrum, in meinem anderen Beruf. Ich glaube, ich kann das Leid der Menschen gut an mich heranlassen, ich kann da sehr empathisch sein in dem Moment, in dem ich mit ihnen in Kontakt bin. Und wenn ich in meinem privaten Leben bin, dann kann ich das aber auch ganz gut wieder außen vorlassen. Und ich glaube, wenn man das nicht kann, kann man diese Arbeit auch nicht lange machen, weil man ja doch sehr viel Leid erfährt. Was man zum einen an sich ranlassen, zum anderen aber auch irgendwie abgrenzen muss, das ist eine ganz wichtige Balance, die man finden muss.

mk online: Was gibt Ihnen Ihre neue Aufgabe als Missbrauchsbeauftragte?

Dawin: Es gab schon Situationen, in denen ich den Eindruck hatte, wir haben etwas für betroffene Menschen verbessern können, weil sie zum Beispiel nicht mehr auf jemanden treffen mussten, in der Schule, in Ausbildungsstätten, wo sie das Gefühl hatten, der geht über ihre Grenzen hinweg. Und deshalb ist meine Aufgabe so wichtig.

Hilfe bei Missbrauch

Die Internetseiten des Erzbistums München und Freising zu "Missbrauch und Prävention" mit den Kontaktdaten der beiden Missbrauchsbeauftragten Kirstin Dawin und Martin Miebach finden Sie hier.

Die Autorin
Linda Burkhard
Radio-Redaktion
l.burkhard@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Kirche und Missbrauch

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