Minimalismus Einfachheit als spirituelle Aufgabe

07.10.2018

Warum ist manchmal weniger mehr? Was hat "simplify your life" mit Minimalismus zu tun? Bestseller-Autor Werner Tiki Küstenmacher erklärt es.

Wer an einem aufgeräumten Schreibtisch sitzt, ist innerlich strukturierter und hat seine Aufgaben besser im Griff.
Wer an einem aufgeräumten Schreibtisch sitzt, ist innerlich strukturierter und hat seine Aufgaben besser im Griff. © jackfrog - stock.adobe.com

Die Diskussion um das Thema Minimalismus stand schon an der Wiege von „simplify your life“. 20 Jahre ist es her, dass ich den englischsprachigen Begriff nach Deutschland gebracht habe. Ich hatte ihn 1998 auf dem Cover eines Buches in einer New Yorker Buchhandlung gesehen, und seitdem hat er mich nicht mehr losgelassen. Als ich einen Vortrag über dieses Schlagwort hielt, erfuhr der Bonner Verlag für die Deutsche Wirtschaft davon und bot mir an, Chef eines monatlich erscheinenden Beratungsbriefs zu diesem Thema zu werden – eine Aufgabe, die ich zusammen mit meiner Frau Marion Küstenmacher gern übernahm.
In welche Richtung die simplify- Reise gehen sollte, war bei unserem Start eine wichtige Frage. Schon damals gab es einzelne Befürworter eines minimalistischen Lebensstils: alles weglassen, was nicht unbedingt erforderlich ist.

Einfacher und glücklicher

Inspiriert wurden sie unter anderem durch den amerikanischen Schriftsteller Henry David Thoreau. „Simplify, simplify!“, hatte er Mitte des 19. Jahrhunderts gerufen und sich für zwei Jahre in die Einsamkeit der Wälder zurückgezogen. „Unser Leben verzettelt sich im Detail – vereinfacht, vereinfacht!“, lautete sein Aufruf. Eine Einladung zu einem Leben ohne Heizung und Wasseranschluss sollte „simplify“ aber nicht werden, diese Entscheidung haben wir recht bald getroffen. Manche der damaligen Minimalisten neigten dazu, sich selbst und ihren Mitmenschen gegenüber unbarmherzig und hart zu werden. Uns dagegen war die Richtung wichtig, die wir im Untertitel deutlich machten: „Einfacher und glücklicher leben“ – wohl wissend, dass es weder die perfekte Einfachheit noch das vollkommene Glück je geben würde.

Religiösität ist Thema von „simplify your life“

Sparsam und intelligent mit den Ressourcen des Planeten Erde umzugehen, war für uns selbstverständlich. Was wir vermeiden wollten, war der moralische Zeigefinger. Stattdessen lag uns am Herzen, konstruktiv und kreativ zu zeigen, wie man den Alltag einfacher gestalten kann – und damit menschen- und umweltfreundlicher. Meine Frau und ich haben beide Evangelische Theologie studiert. Uns war daher klar: Für ein sinnerfülltes, glückliches Leben braucht es mehr als einen guten Umgang mit unseren materiellen und zeitlichen Ressourcen. Deshalb haben wir auch das körperliche Wohlergehen, die zwischenmenschlichen Beziehungen und Religiosität zu Themen von „simplify your life“ gemacht – und immer wieder mal biblische Aufhänger gewählt: „Management à la Noah“, „Die Mose-Strategie“, „Lernen von der Jesus-AG“. „Simplify“ sahen wir als Chiffre für die Suche nach Werten im persönlichen Leben, in der Liebe, in der Arbeit und in der Gesellschaft.

Das heutige Team von "simplify your life": Chefredakteurin Ruth Drost-Hüttl und Herausgeber Werner Tiki Küstenmacher
Das heutige Team von "simplify your life": Chefredakteurin Ruth Drost-Hüttl und Herausgeber Werner Tiki Küstenmacher © simplify_Team

Anders als der Minimalismus, dem es primär um Konsumverzicht geht, umfasst „simplify“ daher alle Lebensbereiche. Dabei entdeckten wir verblüffende Wechselwirkungen zwischen den Bereichen. Wer an einem aufgeräumten Arbeitsplatz sitzt, ist auch innerlich strukturierter und hat seine vielen Aufgaben besser im Griff. Ein geregelter Tagesablauf mit Gebets- oder Mediationszeiten schützt vor innerlicher Leere und Ausbrennen. Ein achtsamer Umgang mit Dingen führt zu einer respektvolleren Partnerschaft – und umgekehrt. Als 2001 die Inhalte unserer ersten drei Redaktionsjahre in Buchform veröffentlicht wurden, wurde das ein durchschlagender Erfolg. Hatten wir damit einen gesellschaftlichen Trend getroffen oder nur zufällig einen Marketing-Erfolg provoziert?

Wunsch nach Einfachheit

Wir haben daraufhin eine Studie mit dem Zukunftsinstitut des Trendforschers Matthias Horx durchgeführt. Diese zeigte, dass hinter dem Phänomen „simplify“ ein substanzieller Trend steckt, mit gewaltigen Triebkräften in der Gesellschaft. Ein Trend, der immer noch anhält. Ich denke, man muss die simplify-Bewegung wie eine Grundwelle verstehen, auf der sich immer wieder neue Trends entwickeln. Der Wunsch nach Einfachheit ist ein menschliches Grundbedürfnis, das immer wieder neu interpretiert und befriedigt werden muss. Wir freuen uns daher, dass es heute immer mehr Menschen gibt, die auf Qualität statt auf Quantität setzen. Inzwischen ist „simplify“ sogar im Herzen der Kirche angekommen. Annekathrin Preidel, die Präsidentin der Landessynode der evangelischen Kirche in Bayern, eröffnete die diesjährige Frühjahrstagung mit dem Aufruf „simplify your church!“ (Werner Tiki Küstenmacher ist Pfarrer der Evangelisch- Lutherischen Kirche in Bayern im Ehrenamt)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Minimalismus

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