Katholikenrat diskutiert über Missbrauchsskandal "Emotionale Erschütterung" notwendig

03.12.2018

Der Katholikenrat der Region München hat eine Resolution zu Konsequenzen aus den Missbrauchsfällen innerhalb der katholischen Kirche verabschiedet. Was er darin von der Kirche fordert, lesen Sie hier.

Katholikenrats-Vorsitzende Hiltrud Schönheit (Mitte links) und Moderatorin Barbara Weiß mit den Referenten Pater Godehard Brüntrup SJ (links) und Heiner Keupp
Katholikenrats-Vorsitzende Hiltrud Schönheit (Mitte links) und Moderatorin Barbara Weiß mit den Referenten Pater Godehard Brüntrup SJ (links) und Heiner Keupp © Kiderle

München – Immer wieder schütteln die rund 60 Delegierten und Gäste der Vollversammlung des Katholikenrats der Region München fassungslos den Kopf. Auf der Bühne im Kolping-Ausbildungshotel St. Theresia berichtet Jesuitenpater Professor Godehard Brüntrup über die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen innerhalb seines Ordens: sachlich, ruhig, unüberhörbar.

Er zitiert aus Originalbriefen zu den im Berliner Canisius-Kolleg bekannt gewordenen Missbrauchsfällen, die im Jahr 2010 die Thematik ins Rollen brachten. Sie belegen, wie schwer sich Betroffene taten, das ihnen Widerfahrene zu benennen, wie Verantwortliche ihre leisen Hilferufe übersahen, wie sogar Schulleiter und Eltern nicht sehen wollten, was nicht sein durfte, und zu den Tätern hielten.

Und der Jesuit erläutert, dass viele Täter nicht aus pathologischer Neigung handelten, sondern weil sie selbst nie Gelegenheit hatten, ihre sexuelle Identität zu entwickeln. Weil der Priester als geschlechtsloses, „engelhaftes Wesen“, wie Brüntrup Papst Paul VI. zitiert, ohne jegliche sexuelle Erfahrung vor der Weihe, das Idealbild des Priesters war und noch häufig ist.

Betroffene auf Augenhöhe einbinden

Zuvor hat der Sozialpsychologe und emeritierte Professor Heiner Keupp die im September veröffentlichte, von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebene Missbrauchsstudie vorgestellt, in deren Beirat Keupp mitarbeitete. Einer seiner zentralen Befunde: Die Betroffenen müssen in der Aufarbeitung stärker und auf Augenhöhe mit eingebunden werden. Sie suchten oft den Dialog, wollten Prozesse mitgestalten – und, dass an ihr Leid erinnert werde. In Kloster Ettal etwa sei ein Ort dafür gestaltet worden. Der Sozialpsychologe spricht über den Zorn, den viele Betroffene verspüren, weil sie das „System“ haben versagen sehen. Keupp fordert auf, die Kirche von ihrem „institutionellen Narzissmus“ zu befreien, den auch von Pater Brüntrup genannten Klerikalismus sowie täterschützende Strukturen zu überwinden.

Dazu möchte der Katholikenrat beitragen. Deshalb widmet er seine Vollversammlung dem Thema „Macht-Missbrauch – und jetzt?“. Und deshalb verabschieden die Delegierten fast einstimmig eine Resolution (siehe Infokasten unten). Wie Katholikenrats-Vorsitzende Hiltrud Schönheit erläutert, wolle das Gremium damit die Bemühungen der Bistumsleitung in der weiteren Aufarbeitung der Missbrauchsfälle unterstützen und Pfarreien anregen, individuelle Präventionskonzepte zu entwickeln, ausgerichtet an personeller und räumlicher Ausstattung vor Ort.

Nicht nur auf Prävention setzen

Um weitere Konsequenzen aus den Missbrauchsfällen geht es auch bei der Podiumsdiskussion mit den beiden Referenten. Als Moderatorin Barbara Weiß vom Bayerischen Rundfunk die Frage stellt, was nun konkret in den Pfarreien zu tun sei, und aus dem Publikum häufig das Wort „Prävention“ fällt, warnt Pater Brüntrup davor, den Fokus zu schnell darauf zu verlegen. Prävention sei wichtig, „aber wir können sie nur leisten, wenn wir vorher die Vergangenheit anschauen und aus ihr lernen“. Und der Jesuit mahnt, dass es nicht ausreiche, in den Pfarreien nur zu informieren, „damit kann man nichts bewegen“. Vielmehr müsse „die Konfrontation mit Betroffenen und dem Geschehenen uns emotional erschüttern“. Die nötige „kopernikanische Wende“ zum Blick der Betroffenen hin sein noch nicht vollzogen. Dass dies alle Katholiken betrifft, unterstreicht Peter Benthues, Vorsitzender des Münchner Bildungswerks, mit seiner Wortmeldung: „Wir alle sind Kirche, wir alle müssen dieses Thema offen ansprechen, sonst werden wir zu Mittätern.“

In diesem Sinne geht auch Weihbischof Rupert Graf zu Stolberg in der Vesper, die er zum Auftakt der Vollversammlung mit den Teilnehmern in der Pfarrkirche St. Theresia feiert, auf die „Grundübel“ ein, aufgrund derer sich in der Kirche etwas ändern müsse. Er ruft dazu auf, nicht nur über zweifellos notwendige Strukturänderungen zu diskutieren, sondern es sich auch persönlich nicht gemütlich in einer Nische einzurichten, sich stattdessen „von der Größe Gottes berühren“ zu lassen. „Kehre du um!“, diese Aufforderung stehe am Beginn jeder Veränderung.

Die Resolution des Katholikenrats im Wortlaut

Auch der Katholikenrat der Region München musste mit Entsetzen und Scham die Zahlen zur Kenntnis nehmen, die mit der neuen Studie der Bischofskonferenz zum Umfang des sexuellen Machtmissbrauchs in der katholischen Kirche veröffentlicht wurden.

In der Folge dieser Veröffentlichung haben Erzbischof Reinhard Kardinal Marx und Generalvikar Peter Beer für das Erzbistum München und Freising angekündigt, dass jetzt alle Themen ohne jedes Tabu zu diskutieren seien. Dabei reiche es nicht mehr aus, über Strukturänderungen nachzudenken, sondern es müssten auch systemische Änderungen in den Blick genommen werden, wo immer es notwendig erscheint. Dafür sind wir im Katholikenrat dankbar.

Ausdrücklich unterstützen wir dieses Suchen nach dem dafür jetzt richtigen Weg. Wir erwarten ein Vorgehen, in dem wir gemeinsam, Klerus und Laien, Hauptamtliche und Ehrenamtliche, miteinander an einer Lösung dieser Probleme arbeiten.

Gleichzeitig halten wir Konsequenzen in den Pfarrgemeinden für unumgänglich. Wir fordern jede Pfarrgemeinde beziehungweise jeden Pfarrverband dazu auf, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um solche Missbrauchstaten in Zukunft verhindern zu können. Diese müssen jeweils individuell entwickelt werden. Dazu können zum Beispiel Strukturen für Schutzkonzepte geschaffen werden, die immer auch öffentlich gemacht werden müssen, um eine Schutzwirkung zu entfalten. Unterstützung bietet dabei die Handreichung des Erzbistums München und Freising „Miteinander achtsam leben – Prävention von sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen“ sowie die Koordinationsstelle zur Prävention von sexuellem Missbrauch im Erzbischöflichen Ordinariat.

Die Autorin
Karin Basso-Ricci
Münchner Kirchenzeitung
k.basso-ricci@st-michaelsbund.de


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