Jahrestag OEZ-Amoklauf „Emotionen der Tatzeugen haben uns stark bewegt“

21.07.2017

Am 22. Juli 2016 erschüttert der Amoklauf eines 18-jährigen ganz München. Franz Stegmann ist für den Malteser-Katastrophenschutz im Einsatz. Als sein Team ausrückt, ist die Lage völlig unklar.

Trauer vor dem OEZ am Tag nach dem Amoklauf © Imago

München - Der 22. Juli 2016 beginnt für Franz Stegmann als ganz normaler Freitag. Nach der Arbeit freut sich der Münchner schon auf das Wochenende. Auf dem Weg nach Hause geht er nur noch schnell einkaufen. Dabei wird er von der Einsatz-Zentrale der Malteser alarmiert. Stegmann gehört zum Katastrophenschutz-Team der Malteser und weiß sofort, was er zu tun hat. Hastig schmeißt er die Einkäufe in seine Wohnung, steigt ins Auto und fährt zum Katastrophenschutz-Zentrum. Dort zieht er sich mit den Kollegen um und steigt ins Einsatzfahrzeug.

„Könnte das ein Terroranschlag sein?“

Es ist eine Fahrt ins Ungewisse, die die Ersthelfer der Malteser antreten. Die Lage ist chaotisch. Es soll Schüsse beim McDonalds am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) gegeben haben. Mehr wissen die Helfer zu diesem Zeitpunkt noch nicht. „Könnte das jetzt tatsächlich ein Terroranschlag sein?“ Diese Frage schießt Gruppenführer Franz Stegmann sofort durch den Kopf. Mit einem „leichten Magengrimmen“ sei man Richtung OEZ gefahren. Als die Katastrophenschutz-Helfer am Tatort ankommen, hat die Polizei die Situation bereits unter Kontrolle. Die Malteser um Franz Stegmann gehören zur „Schnellen Einsatzgruppe Behandlung“ und sollen in ein Schnellrestaurant an der Hanauer Straße gehen. Dort ist eine Sammelstelle für Zeugen eingerichtet worden, die den Amoklauf unmittelbar erlebt haben. Stegmann und sein Team betreuen die Tatzeugen und Menschen, die nicht genau wissen, ob ihre Angehörigen zu den Opfern des Amoklaufes gehören. Nach der Befragung durch die Polizei habe man die Betroffenen in eine Notfallbetreuungsstelle gebracht oder nach Hause gefahren.

Todesnachrichten hinterlassen beklemmende Eindrücke

Bis drei Uhr nachts kümmert sich das Malteser-Team um die Zeugen des Amoklaufs. Was Stegmann in diesen Stunden gesehen hat, lässt ihn bis heute nicht los. Alles sei beklemmend gewesen. Als besonders schlimm hat es Stegmann empfunden, wenn die Polizei Angehörigen die Todesnachricht überbringen muss. „Diese Emotionen zu sehen, das hat uns auch sehr stark bewegt“.

„Wir fühlen mit jedem, der Angehörige verloren hat“

Ein Jahr später seien die Erinnerungen an den Einsatz nach dem Amoklauf zwar noch präsent, sein Team habe die Erlebnisse aber gut verarbeitet, meint Stegmann. Niemand habe psychologische Hilfe in Anspruch nehmen müssen. Mit etwas Abstand sei er heute dankbar, dass die erwartete Terrorlage ausgeblieben ist. „Trotzdem fühlen wir natürlich mit jedem einzelnen, der seine Angehörigen dort verloren hat.“ Für Franz Stegmann und sein Team wird der 22. Juli wahrscheinlich immer ein besonderer Tag bleiben, der sich nicht so einfach aus dem Gedächtnis streichen lässt.

Audio

Malteser betreuen Zeugen des Amoklaufs

Beitrag Münchner Kirchenradio

Der Autor
Paul Hasel
Radio-Redaktion
p.hasel@st-michaelsbund.de


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