Achtsamkeitstrainer gibt Tipps für erholsamen Urlaub Entspannung auf Knopfdruck?

30.07.2017

Endlich Urlaub – aber die letzten Wochen hat sich so viel angestaut, was noch vor der Abreise erledigt werden muss. Wie stellt sich Erholung wirklich ein? Ein paar Tipps...

Endlich Sommerferien - wo bleibt die Entspannung? © DOC RABE Media, fotolia.com

Bad Tölz – „Erholung und Entspannung auf Knopfdruck, das ist schwierig“, sagt der Achtsamkeitstrainer Florian Wiedemann. Er übt seit Langem – trotz drei kleiner Kinder - ein bisschen mehr Ruhe in seinen Alltag einzubauen, achtsamer mit sich selbst umzugehen. Und das empfiehlt er jedem.

Einfach etwas weglassen

Wer allerdings einen Crash-Kurs für den Urlaub braucht, für den hat Wiedemann ein paar konkrete Tipps. „Unser Alltag ist von Verpflichtungen, Terminen und Erwartungen geprägt – das sollte man im Urlaub einfach mal lassen – auch wenn man dabei vielleicht jemandem auf die Füße tritt“, empfiehlt Wiedemann. Die Tante muss nicht kurz vor der Abreise noch besucht werden, das Altglas kann während des Ibiza Urlaubs gut im Keller stehen und der Chef wird auch ein Jahr älter, obwohl wir ihn nicht aus Florida anrufen und gratulieren. Es sei sinnvoll im Urlaub einfach mal etwas auf einen zukommen zu lassen. Stau mache keinem Spaß, aber wenn schon der Tisch im Restaurant zum Abendessen am Gardasee gebucht sei, rege man sich weniger drüber auf.

Action oder Faulenzen – das ist individuell

„Generell entspannt natürlich jeder anders. Es gibt Menschen, die brauchen einen action-reichen Urlaub, die wollen klettern, Mountainbiken, oder jeden Tag eine andere Kirche besichtigen und die können dabei wunderbar abschalten und entspannen und den Alltag vergessen. Andere kommen nur zur Ruhe, wenn sie zwei Wochen auf dem Liegestuhl liegen. Ablenkung vom Alltag oder Reizreduktion - einen Königsweg gibt es da nicht, das muss jeder für sich herausfinden“, meint der Achtsamkeitstrainer.

Planloser Urlaub

Und selbst wer gerne viel unternehme, solle Raum für Spontanität lassen. „Hier sind Kinder ein guter Trainer“, meint der Vater dreier Kinder. „Wenn ich eine Bergwanderung machen will, meine Kinder aber nach wenig hundert Metern schon keine Lust mehr haben, ist es sinnvoller, das Ganze abzubrechen und vielleicht lieber einen Tag am Gebirgsbach zu planschen. Ein Ziel zu erzwingen führt immer zu Anspannung“, sagt Wiedemann.

Florian Wiedemann ist Achtsamkeitstrainer und gibt Kurse in Bad Tölz. © SMB/SSchmid

Die Frage sei jedoch, so der Achtsamkeitstrainer, wie man Entspannung „einlade“, dafür sorge, dass sie komme. „Es ist wie mit dem Vogel, der sich auf die Hand setzen soll“, erklärt Wiedemann, „wenn ich versuche, nach ihm zu greifen, dann fliegt er weg, wenn ich die Hand nur ausstrecke, setzt er sich drauf.“ Das heiße Entspannung kann man nicht erzwingen. Wer allerdings seine Erwartungen herunterschraube, sich weniger konkret Vorstellungen davon mache „wie Urlaub sein soll“, der habe eine gute Chance sich zu entspannen.

Anspannung und Entspannung

„Wir Menschen sind angewiesen auf Anspannung und Entspannung. So funktioniert unser ganzer Körper, unser Organismus und unser Geist. Wenn diese Balance nicht gegeben ist, dann entstehen Unwohlsein, Stress und Krankheit“, meint der Trainer.

Dauer und Ziel – die eigene Vorstellung zählt

Dabei sei es auch wichtig, dass Erholung keine Frage der Zeit sei. Zwar ginge es ihm, wie vielen Menschen so, dass sie erst nach einer freien Woche überhaupt beginnen abzuschalten, aber es gäbe auch Menschen, die lieber öfter mal ein paar Tage frei hätten und denen das sehr gut täte. Es gibt keine Beweise, dass das eine besser und das andere schlechter sei, da müsse jeder selbst in sich hineinspüren.

Das gleiche gilt für das Urlaubsziel. Gerade für Familien sei jedoch weniger oft mehr. „Gerade kleinen Kindern ist es ziemlich egal, ob man in Frankreich, Spanien oder der Karibik Urlaub macht“, meint er. Viel wichtiger sei es, dass die Eltern Zeit für sie hätten und der Tag nicht so straff geplant sei, dass Kinder keine Freiheit hätten das zu tun, was sie mögen.

Mit Schulkindern sei das schon etwas schwieriger. Die würden automatisch anfangen zu vergleichen – Freundin A fliegt aber weiter weg und Freundin B ist im Vier Sterne Hotel. Kinder wie Erwachsene müssten die Kunst erlenen, sich ein Stück weit unabhängig zu machen, in sich hineinzuspüren, was für einen Urlaub genau sie brauchen – egal ob die Umwelt den „Cool, spannend oder extravagant“ fände.

Entspannung nach dem Urlaub

Und, wenn das alles gelingt, bleibt die Frage: Wie kann man auch nach dem Urlaub möglichst lange entspannt bleiben. Und hier sieht Florian Wiedemann den eigentlichen Kernpunkt. Wir alle müssen im Alltag üben, achtsam mit uns umzugehen. Wir müssen lernen, Inseln im Alltag einzubauen, auch mal „Nein“ zu etwas zu sagen. Hilfreich sei es zum Beispiel, Wartezeiten beim Arzt oder am Bus aktiv für sich zu nutzen. Und das heißt nicht das Handy aus der Tasche ziehen und Emails checken, sondern einfach mal in sich reinfühlen, wie sitze ich da, wie fließt mein Atem und wie geht es mir. Denn dann wird der Urlaub kein „Muss“, sondern ein „Zuckerl“.

Die Autorin
Stefanie Schmid
Radio-Redaktion
s.schmid@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Entspannung

Das könnte Sie auch interessieren

Badespaß erwartet die Alleinerziehenden mit ihren Kindern.
© fotolia/Rawpixel.com

Urlaub mit Mama oder Papa Erzbistum hilft Alleinerziehenden

Für viele Familien geht es in diesen Tagen und Wochen in den wohlverdienten Urlaub. Doch nicht alle können es sich leisten, wegzufahren. Besonders betroffen sind Alleinerziehende. Das Erzbistum...

04.08.2017

© Victoria M - fotolia.com

Kita Radio Sendung vom 1. August: Abschied muss nicht weh tun..

Vielleicht sollte das Thema besser heißen: Abschied darf ein bisschen weh tun...

01.08.2017

© Fotolia

Tagung über Spiritualität der Zukunft Suchbewegungen

Religiöses Leben in Deutschland ist vielfältiger geworden. Viele Christen nutzen Spiritualitätsformen anderer Religionen. Die schließen sich aber nicht aus, sondern ergänzen sich.

24.05.2017

Anders ticken durch Achtsamkeit

Das eigene Tun mit einem Blick wie von außen betrachten und dadurch Belastungen besser stand zu halten – das ist möglich durch Achtsamkeitstraining.

19.04.2016

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren