Laudato si‘ Enzyklika hat Millionen Menschen aufgerüttelt

18.04.2018

Im Mai 2015 veröffentlichte Papst Franziskus seine „Umweltenzyklika“. Professor Markus Vogt erläutert die Rezeption des Schreibens.

Die Vogelpredigt des heiligen Franziskus – Fresko von Giotto in der Oberkirche der Basilika San Francesco in Assisi © imago/Leemage

Für Papst Franziskus ist die ökologische Krise ein Zeichen der Zeit, an deren existentiellen Herausforderungen sich die christliche Heilsbotschaft heute neu als eine Kraft, die Orientierung, Solidarität und Hoffnung stiftet, bewähren muss. In seiner Enzyklika „Laudato si“ wird die Herausforderung erstmals auf der Ebene der Katholischen Soziallehre in ihren umfassenden ökosozialen, ethisch-kulturellen, politisch-strukturellen und spirituellen Zusammenhängen wahrgenommen. Gefordert ist nichts Geringeres als eine Transformation der Konzepte von Entwicklung und Fortschritt.

Mutige kulturelle Revolution

In seiner im Januar 2018 veröffentlichten Apostolischen Konstitution über die kirchlichen Universitäten und Fakultäten, „Veritatis Gaudium“, leitet Franziskus daraus unter Bezugnahme auf „Laudato si“ weitreichende Aufgaben für das künftige Theologiestudium ab: „Das Problem ist, dass wir noch nicht über die Kultur verfügen, die es braucht, um dieser Krise entgegenzutreten. Es ist notwendig, leaderships zu bilden, die Wege aufzeigen. Diese beachtliche und unaufschiebbare Aufgabe verlangt auf der kulturellen Ebene akademischer Bildung und wissenschaftlicher Forschung die großherzige und gemeinsame Anstrengung hinsichtlich eines radikalen Paradigmenwechsels, ja mehr noch – ich erlaube mir zu sagen – hinsichtlich einer ,mutigen kulturellen Revolution.‘ (Nr. 3)

Große Erwartungen an die Kirchen

Über die innerkirchliche Rezeption hinaus hat die Enzyklika vor allem auch wissenschaftlich-interdisziplinär und gesellschaftlich große Resonanz gefunden. Exemplarisch hierfür ist der 2018er-Bericht an den „Club of Rome“ mit dem Titel „Wir sind dran. Der Weg zu einer neuen Aufklärung“. Hier werden unter Bezug auf „Laudato si“ große Erwartungen an die Kirchen als Katalysatoren des nötigen ökosozialen Wandels geweckt. Da alle naturwissenschaftlichen Erkenntnisse über planetary boundaries nicht zur nötigen radikalen Umkehr geführt haben, müsse die Problematisierung eine Stufe tiefer ansetzen: bei den Grundannahmen unseres Verständnisses von der Welt, was als „Aufklärung 2.0“ bezeichnet wird.

 

Markus Vogt ist Professor für Christliche Sozialethik an der LMU München.
Markus Vogt ist Professor für Christliche Sozialethik an der LMU München. © privat

Grundlage für nachhaltiges menschliches Leben

Für diese Suche finden die Autoren ein wichtiges Gegenüber in den Religionen, allen voran in Papst Franziskus und seiner Enzyklika „Laudato si“. Die spirituelle Dimension könne dabei helfen, für selbstverständlich gehaltene Hintergrundannahmen des rationalistischen Reduktionismus und insbesondere die Vorstellung einer „leeren Welt“ als endloser Raum unbegrenzter Ressourcen zu überwinden und so die Grundlage für nachhaltiges menschliches Leben auch in der „vollen Welt“ zu legen. Wo Religionen dieses Anliegen teilen, werden sie zu wichtigen Partnern auf diesem Weg. Dafür seien jedoch auch für die Religionen selbst grundlegende Lernprozesse nötig, beispielsweise für die Kirchen hinsichtlich des biblischen Herrschaftsauftrags, der noch in Vorstellungen der „leeren Welt“ wurzle.

Eine enorme Chance

Die spezifische Kompetenz der Kirchen liegt nicht darin, als „Moralagenturen“ sozialökologische Imperative mit dem Anspruch auf autoritäre Weisungsbefugnis theologisch zu unterfüttern. Ihre Aufgabe und Kompetenz im Bereich der Schöpfungsverantwortung besteht vielmehr darin, mit der Botschaft der Befreiung sowie dem Lobpreis der guten Schöpfung die Sehnsucht nach verlorener Integrität, Gerechtigkeit und Lebensfülle zur Sprache zu bringen. Genau dies leistet die Enzyklika auf eine Weise, die weltweit Millionen von Menschen erreicht und aufgerüttelt hat. Dies ist eine enorme Chance für eine Präsenz des christlichen Glaubens in modernen Diskursen. Es fehlt in der Kirche jedoch noch erheblich an strukturellen Konsequenzen, die der Dimension der Herausforderungen gerecht werden, kirchliche Kompetenzen aufbauen und im praktischen Alltag von Beschaffungswesen, Mobilitätsgestaltung, Geldanlagen, Bildung und persönlichen Lebensstilen entsprechende Konsequenzen ziehen. (Markus Vogt, der Autor ist Professor für Christliche Sozialethik an der Ludwig- Maximilians-Universität München und seit 1995 Berater der ökologischen Arbeitsgruppe der Deutschen Bischofskonferenz)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Umweltschutz

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