Georg Ratzinger wird 90 "Er ist ein strenger, aber gütiger Mensch"

14.01.2014

Am 15. Januar wird Georg Ratzinger 90 Jahre alt. Henrik Evers, Webmaster der Münchner Kirchennachrichten, war Anfang der 80er Jahre selbst als Sänger bei den Regensburger Domspatzen und hat ihn persönlich erlebt. Für ihn war Ratzinger eine Vaterfigur, streng aber gütig.

Henrik Evers war in den 80er Jahren unter Georg Ratzinger bei den Regensburger Domspatzen (Bild: Sankt Michaelsbund)

Papstbruder Georg Ratzinger wird 90. Henrik Evers ist der Webmaster der Münchner Kirchennachrichten und kennt Georg Ratzinger persönlich. Er war selbst bei den Regensburger Domspatzen und hat den Chorleiter so hautnah erlebt.

MKN: Henrik, wann warst du bei den Domspatzen?

Evers: 1980-1983, also in der fünften und sechsten Klasse war ich bei den Domspatzen.

MKN: Wie kam es dazu?

Evers: Meine Eltern hatten mir das vorgeschlagen. Mein Vater war selbst Kirchenmusiker und hat gesagt, dort ist eine gute Schule, möchtest du da nicht hingehen. Ich fand es sehr abenteuerlich, als so kleiner Junge schon von zuhause weg zu gehen und habe zugestimmt. Meine Eltern haben mir gesagt, dass ich natürlich jederzeit wieder nachhause kommen könne, wenn mir das nicht passen würde. Dann machte ich dort ein Vorsingen, direkt bei Georg Ratzinger. Ich wurde genommen und ab da ging ich dort ins Gymnasium.

MKN: Wie sind deine Erinnerungen an diese Zeit?

Evers: Sehr positiv. Einerseits war es toll mit soviel Gleichaltrigen im Internat zu sein - ein Internat, das auch mit sehr guten sportlichen Möglichkeiten und so weiter ausgestattet ist. Andererseits ist es natürlich musikalisch etwas ganz besonderes, bei den Domspatzen zu singen. Es gab sehr viele Proben – zu der Zeit drei am Tag – und es hat einfach Spaß gemacht, etwas tolles mit einem sehr guten Chor zu singen.

MKN: Georg Ratzinger als Chorleiter – wie war er?

Evers: Georg Ratzinger war auf der einen Seite streng, auf der anderen aber auch sehr gütig. Er wusste, dass seine Chorknaben auch das Kapital des Chores sind, er war auf der einen Seite ein strenger Chormeister, auf der anderen auch ein gütiger Mensch. Das hat sich auch im täglichen Umgang gezeigt, er hat zum Beispiel alle seine Chorsänger bei der Abendprobe mit Handschlag verabschiedet und zu jedem noch ein persönliches Wort gesagt. Das war sehr herzlich. Ich kann mich noch erinnern, dass von einem Mitschüler innerhalb kurzer Zeit beide Elternteile verstorben waren und Georg Ratzinger hat sich in vorbildlicher Weise um ihn gekümmert. Zum Beispiel hat er mitgeholfen, für ihn eine Pflegefamilie zu finden, das war sehr, sehr rührend. So habe ich ihn in Erinnerung. Was mir noch in Erinnerung ist, sind die Gottesdienste. Die Domspatzen sind eine Kaderschmiede und so hatte man zumindest früher die Möglichkeit, morgens in die Studierzeit oder in den Gottesdienst zu gehen. Als Schüler haben wir natürlich oft den Gottesdienst genommen, um nicht noch mal eine Studierzeit haben zu müssen und diese Gottesdienste wurden meist wechselnd von Georg Ratzinger und dem Schuldirektor gehalten. Ratzingers Art Gottesdienste zu halten war für mich vom Glauben her sehr überzeugend. Er war jemand dem man das, was er über Jesus Christus und das Evangelium erzählt hat, abgenommen hat. Das fand ich beeindruckend.

MKN: Hast Du ihn später, nach Deiner Domspatzen-Zeit, nochmal wieder getroffen?

Evers: Ja, ich habe ihn regelmäßig wieder getroffen. Entweder ich bin zu Konzerten gegangen, zu Studienzeiten 1994 war er mal in Leipzig, wo ich studiert habe, oder ich war mal mit einem Organisten-Kolloquium zu einer Hospitanz bei den Domspatzen und habe so als Erwachsener nochmal eine Probe mit Georg Ratzinger mitgemacht und hab das so noch mal aus der „Erwachsenen-Perspektive“ gesehen. Man ist schon den Domspatzen noch verbunden, auch wenn sie jetzt einen ganz anderen Chorleiter haben.

MKN: Konnte sich Georg Ratzinger an Dich erinnern?

Evers: Ja, er kennt mich erstaunlicherweise sogar mit Namen. Er kennt meine ganze Geschichte. Wenn ich sage, wer ich bin, dann weiß er sofort Bescheid und ich bekomme sogar, wenn die Kollegen aus dem Haus zu einem Interview zu ihm gehen, immer noch Grüße ausgerichtet.

MKN: Du hast erzählt, es war ziemlich streng bei den Regensburger Domspatzen. Gab es auch lustige Erlebnisse?

Evers: Natürlich war das auch immer wieder lustig. Ich kann nicht alle lustigen Sachen erzählen, das wäre einfach zu viel, aber was wir besonders gerne in Chorproben gemacht haben, sind Textverstümmelungen. Natürlich war es gotteslästernd, wenn wir statt „Großer Gott wir loben dich“, „Grober Klotz wir hobeln dich“ gesungen haben. Aber, das dann so zu machen, dass es niemand außer uns merkt, war eine Herausforderung. Wir haben uns immer neue Sachen einfallen lassen.

MKN: Aber das durfte der große Ratzinger nicht mitbekommen...

Evers: Wenn er es mitbekommen hat, dann hat man einen starken Tadel bekommen und das Schlimmste war eigentlich, dass man dann den Chorraum verlassen und vor der Türe warten musste. Wie ein Aussätziger. Das war schon eine große Strafe.

MKN: Aber generell hast Du es nicht als „überautoritär“ empfunden?

Evers: Man muss schon sagen, dass es sehr autoritär war, aber nicht mehr so schlimm wie in den Jahrzehnten zuvor. Was damals über die Autorität bei den Domspatzen in den 50er und 60er Jahren erzählt wurde, war schon etwas anderes. Wobei das sicherlich mit der damaligen Zeit zusammenhing und vermutlichen in allen Internaten und Erziehungseinrichtungen der 50er und 60er Jahre so war. Bei uns war es schon relativ liberal und auch aus heutiger Sicht kann ich sagen, es ist keiner zu Schaden gekommen. Erst neulich war ich bei einem Klassentreffen und die Menschen dort sind alle gut auf die Domspatzen zu sprechen und es war schon in Ordnung, so wie es war.

MKN: War Georg Ratzinger für Euch jungen Menschen weit weg von zuhause auch so eine Art Vaterfigur?

Evers: Ja, Georg Ratzinger war eigentlich die Vaterfigur schlechthin und das ist er sogar heute noch. Und als damals Joseph Ratzinger, der ihm ja nicht ganz unähnlich sieht, zum Papst gewählt wurde, war das für mich auch etwas sehr familiäres – vom Gefühl her zumindest. Auch wenn das natürlich ein ganz anderer Mensch mit ganz anderem Studium und Lebensweg ist. Aber ganz klar: Georg Ratzinger war für mich eine Vaterfigur.

MKN: Was wünscht Du ihm zu diesem Geburtstag? Was wünscht man einem 90-Jährigen?

Evers: Gute Gesundheit, weiterhin Freude an der Musik, dass der Chor, für den er so viele Jahre gearbeitet hat, weiterhin besteht, viel Glück und Gottes Segen.

Interview: Stefanie Schmid


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