Obdachlose im Winter Erfrierungen und Hoffnungslosigkeit

18.01.2017

Die große Winterkälte setzt derzeit besonders Obdachlosen zu. Wir haben mit einer Sozialpädagogin und einem Arzt vom Katholischen Männerfürsorgeverein in München darüber gesprochen.

Oft besteht für Obdachlose bei diesen Temperaturen Gefahr für Leib und Leben. © imago

MK: Wie viele Menschen leben in München aktuell auf der Straße und leiden daher unter der Kälte?

Eisele: Die Landeshauptstadt München geht aktuell von 550 Personen aus, die auf der Straße leben (340 im Dezember 2011). Es ist allerdings zu befürchten, dass die tatsächliche Anzahl aufgrund des Zuzugs süd- und osteuropäischer Arbeitsuchender höher ist. Leider liegen keine validen und aktuellen Daten diesbezüglich vor.

MK: Wo halten sich diese Menschen im Winter vorzugsweise auf?

Eisele: Obdachlose Menschen übernachten ganzjährig bevorzugt an wetter- und windgeschützten Orten, wie zum Beispiel in Durchgängen, Nischen, unter Brücken, in Rohbauten, Garagen oder auf überdachten Bänken. Etliche schlafen auch im Zelt. Es gibt unzählige Orte, an denen obdachlose Menschen nachts anzutreffen sind. Tagsüber gibt es verschiedene Treffpunkte. Hierzu gehören mitunter Tagesaufenthalte der freien Träger der Wohlfahrtspflege, Suppenküchen, öffentliche Plätze und Verkehrsmittel, Bibliotheken sowie Einkaufszentren.

Dr. Thomas Beutner ist Facharzt für Allgemeinmedizin in der Arztpraxis für wohnungslose Menschen im Haus an der Pilgersheimer Straße des KMFV München. © KMFV

MK: Worunter leiden Obdachlose bei der Kälte besonders? Was für Krankheitsbilder sind am verbreitetsten? 

Beutner: Obdachlose leiden aufgrund ihrer Lebensumstände sehr häufig an Erkrankungen der Gefäße, an Herz- und Kreislauferkrankungen sowie – aufgrund der hygienischen Bedingungen – an Hauterkrankungen. Wenn die Außentemperatur fällt und das Thermometer null Grad oder darunter anzeigt, sind sie vor allem
gefährdet, Erfrierungen an den exponierten Körperstellen zu erleiden. Aber auch Herzanfälle, Angina pectoris genannt, bis hin zu ausgedehnten Herzinfarkten nehmen in ihrer Häufigkeit zu. Aktuelle Studien haben hierzu eindeutig einen Zusammenhang der Häufigkeit eines Herzinfarktes und niedriger Außentemperaturen nachgewiesen. Bei nächtlichen Aufenthalten im Freien sorgt oft der Alkohol für ein vorübergehendes Wärmegefühl. Aufgrund der Erweiterung der Hautporen kommt es jedoch faktisch zu einem schnelleren Auskühlen des Organismus und einem erhöhten Risiko für eine starke Unterkühlung, die im Ex-
trem-Fall zum Tode führen kann. Aufgrund der kalten Temperaturen kommt es zudem oft zu einer stärkeren Vernachlässigung der Körperhygiene, sodass sich die bereits bestehenden Hauterkrankungen oft verschlimmern.

MK: Was belastet obdachlose Menschen im Winter zudem?

Beutner: Abgesehen von den körperlichen Leiden kommt in den Wintermonaten die seelische Belastung durch Mut- und Hoffnungslosigkeit stark zum Tragen. Für einen Außenstehenden ist es kaum zu ermessen, wie groß das Leiden dieser Menschen, gerade in der kalten, dunklen Jahreszeit ist.

Claudia Eisele ist Abteilungsleiterin Ambulante Dienste und Fachreferentin für Grundsatzthemen der Wohnungslosenhilfe beim KMFV München. © KMFV

MK: Wie kommen Sie vom KMFV an diese Menschen heran? Was können Sie ihnen anbieten, wie ihnen helfen?

Beutner: Über die Straßen-
ambulanz, die wir in Kooperation mit den Barmherzigen Brüdern betreiben, haben wir die Möglichkeit, nicht nur erste medizinische Basishilfe zu leisten. Zudem können wir zum Beispiel auch über das Münchner Kälteschutzprogramm informieren und die notleidenden Menschen ohne Obdach noch am selben Abend in die entsprechenden Kälteschutzräume, wie etwa die Bayernkaserne, lotsen. Darüber hinaus versuchen wir, die Menschen zum Besuch der Arztpraxis für Wohnungslose in der Pilgersheimer Straße zu bewegen, um sie dort sowohl medizinisch weiterzuversorgen als auch Sozialarbeitern anzuvertrauen, die mit viel Engagement und Professionalität den Betroffenen Wege aus der prekären Situation aufzeigen und dabei tatkräftig Unterstützung leisten.  

MK: Was können Passanten tun, wenn Sie einen Obdachlosen bei großer Kälte im Freien antreffen? 

Eisele: Wenn Passanten einen Obdachlosen in einer akuten Notlage auf der Straße antreffen und möglicherweise Gefahr für Leib und Leben besteht, ist es ratsam, die Polizei zu rufen. Wenn Bürgern obdachlose Personen auffallen, die sich noch gut selbst versorgen und schützen können, und der Handlungsbedarf nicht akut ist, sollte man sich an die Streetworker der Teestube „Komm“ des Evangelischen Hilfswerks in der Zenettistraße wenden, die betroffene Personen aufsuchen und ihnen Unterstützung anbieten (Telefon: 089/771084).

MK: Wie kann man Ihre Arbeit unterstützen? 

Eisele: Um ein qualifiziertes medizinisches Hilfeangebot sicherzustellen, benötigt die Allgemeinärztliche Praxis im Haus an der Pilgersheimer Straße laufend Geld- und Sachspenden. Finanzielle Mittel sind notwendig, um die technische Ausstattung der Praxis zu verbessern und somit die Diagnose-
erstellung direkt vor Ort zu erleichtern. Hierdurch können unseren Patienten Wege zu Fachärzten erspart werden. Sachspenden wie Medikamente und Verbandsmaterial sind ebenfalls stets willkommen und kommen direkt unseren Patienten zugute. Auch die Arbeit der anderen Bereiche des Hauses an der Pilgersheimer Straße kann durch Geldspenden unterstützt werden. Der Bedarf an Unterstützung in Einzelfällen (etwa Zu-
zahlung für notwendige medizinische Hilfsmittel, Zuzahlung bei Passbeschaffungskosten oder Freizeitaktivitäten) ist groß.Interview: (Florian Ertl)

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