Nationalsozialistisches Unrecht Erinnerung an Bücherverbrennung in München

08.05.2020

Jedes Jahr erinnert eine Marathon-Lesung in der bayerischen Landeshauptstadt an die nationalsozialistische Bücherverbrennung. Das katholische Medienhaus Sankt Michaelsbund wirkt an dieser Lesung mit, die heuer nur im Netz stattfinden kann.

Künstler Wolfram P. Kastner brennt einen Kreis an die Stelle an der 1933 Bücher verbrannt wurden.
Jedes Jahr brennt Künstler Wolfram P. Kastner eine Brandspur in die Rasenfläche an der Stelle der Bücherverbrennung 1933. © imago images / HRSchulz

10. Mai 1933 in München: Langsam fängt das Feuer auf dem Münchner Königsplatz an zu knistern. Unzählige Bücher sind herangeschleppt worden. Von Autoren geschrieben, die von den Nationalsozialisten unterdrückt, vertrieben und oft auch ermordet wurden. Und tausende Menschen schauen dem Spektakel in der Nacht zu. „Das waren zumeist hochgebildete Menschen, die sich damals bei strömenden Regen versammelt und sich an der Vernichtung von Büchern ergötzt haben.“ Stefan Eß erschüttert diese Untat auch noch 87 Jahre danach. Er ist Direktor des Sankt Michaelsbunds, der als Fachverband rund 1100 katholische öffentliche Büchereien in Bayern betreut.

Kein Gras darüber wachsen lassen

Schon seit Jahren nimmt Stefan Eß an der Erinnerungsveranstaltung auf dem Münchner Königsplatz teil und liest aus einem der verbrannten Bücher. Der Aktionskünstler Wolfram Kastner hat sie 1995 ins Leben gerufen. Mit einem kleinen Flammenwerfer brennt er an jedem 10. Mai ein schwarzes Loch in den Rasen auf dem Königsplatz. An der Stelle, wo der Scheiterhaufen für die Bücher der vielen Autoren stand, die dem nationalsozialistischen Zerstörungswillen zum Opfer fielen. Wolfram Kastner will damit augenfällig zeigen, dass über diese Vernichtungsaktion kein Gras wachsen darf.  

Viele Dichter und Schriftsteller sind durch die Bücherverbrennungen 1933 tatsächlich in Vergessenheit geraten. Stefan Eß sucht deshalb vor allem nach unbekannteren Autoren, die dieses Schicksal getroffen hat. In diesem Jahr liest er deshalb aus einem Buch von Franz Blei. Unter dem Pseudonym Dr. Peregrin Steinhövel hat er 1920 ein satirisches Buch mit dem Titel „Bestiarium Literaricum, das ist Genaue Beschreibung derer Tiere des literarischen Deutschlands“ geschrieben. Der 1942 in der amerikanischen Emigration verstorbene Blei war einer der großen Förderer, Kritiker und Übersetzer moderner Literatur im Kaiserreich und in der Weimarer Republik.  

Normalerweise liest Stefan Eß, wie alle anderen am 10. Mai live auf dem Münchner Königsplatz vor. Aufgrund der Coronakrise sind dieses Mal aber nur digitale Lesungen möglich. Das ist aber nicht nur von Nachteil, „weil online viel mehr Menschen die Gelegenheit haben, die Lesungen anzuschauen und anzuhören.“  

Meinungsfreiheit verteidigen

Mit der Beteiligung an dem Lesemarathon will der katholische Büchereifachverband auch dazu ermutigen, die Meinungsfreiheit heute zu verteidigen. Das liegt Hildegard Kronawitter vom Vorstand des Sankt Michaelsbundes besonders am Herzen. Sie ist auch die 1. Vorsitzende der Weißen-Rose-Stiftung, die das Gedächtnis an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus lebendig erhält. „Jede Generation muss für sich neu aus der Geschichte lernen“, sagt die ehemalige Landtagsabgeordnete, „auch um einzuschätzen, was für ein Glück wir haben, Meinungsfreiheit erfahren und leben zu können.“

Daran zu erinnern, sei gerade für einen Büchereiverband immer wieder wichtig: „Er muss sich dafür einsetzen, dass der Zugang zu Büchern stattfinden kann und Bücher gelesen werden können, deren Meinung man nicht teilt.“ Nur so könne ein demokratischer Diskurs stattfinden.

Lebendige Geschichte

1933 haben die Nationalsozialisten den Vorläufer des heutigen Sankt Michaelsbundes schnell ins Visier genommen. Er betrieb damals sogenannte Volksbüchereien, die für jedermann zugänglich waren. Das Gewaltregime zwang den katholischen Büchereifachverband, sich auf geistliche Literatur zu konzentrieren, die nur innerhalb der Pfarreien verliehen werden durfte. Und natürlich mussten seine Mitarbeiter unliebsame Autoren aussortieren und die Bücher zur Vernichtung abliefern.  

In der Münchner Zentrale des Sankt Michaelsbund haben die Mitarbeiter und die Besucher dieses historische Geschehen jeden Tag vor Augen. Vor einigen Monaten hat Stefan Eß ein großes Transparent in Auftrag gegeben, das gut sichtbar und dauerhaft im Treppenhaus hängt. Die Namen vieler verfolgter Autoren sind darauf gedruckt und darunter ein berühmtes Zitat von Heinrich Heine: „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“ 

Audio

 

 

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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