München gedenkt Erinnerungszeichen für Opfer des NS-Regimes

24.07.2018

In anderen Städten gibt es Stolpersteine, in München wird nun mit Stelen und Tafeln an die Opfer des Nationalsozialismus gedacht.

Statt Stolpersteinen, gibt es in München nun Stelen und Tafeln.
Statt Stolpersteinen, gibt es in München nun Stelen und Tafeln. © stauss processform München

München – Die Stadt München will mit Erinnerungszeichen auf die Geschichten von Opfern des NS-Regimes aufmerksam machen. Die ersten sollen am 26. und 27. Juli sowie am 5. August aufgestellt werden, wie die Rathaus-Umschau am Montag mitteilte. Zwischen 1933 und 1945 wurden demnach in München etwa 10.000 Frauen, Kinder und Männer aus politischen und rassistischen Motiven verfolgt und ermordet. Auch die sexuelle Orientierung, der Glaube, eine unangepasste Lebensweise, eine psychische Erkrankung oder eine Behinderung waren dafür Gründe. Doch viele dieser Menschen gerieten in den Jahrzehnten nach Kriegsende in Vergessenheit.

'Nie wieder!'

An den einstigen Wohnorten der Betreffenden sollen Tafeln angebracht werde, wie es heißt. Dies geschieht auf Anregung von Angehörigen oder der Stadtgesellschaft. Die Zeichen werden, falls vorhanden, ein gerastertes Bild der Person zeigen und wesentliche Lebens- und Verfolgungsdaten. Stelen werden vor jenem Haus angebracht, in dem die Betroffenen gelebt oder gearbeitet haben. Die Stadt habe 150.000 Euro bereitgestellt, um in den kommenden zwei Jahren solche Erinnerungszeichen zu realisieren, hieß es.

Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) sagte, ihm sei wichtig, „dass wir in München Formen des individuellen Gedenkens an die Opfer der NS-Zeit finden". Mit den Erinnerungsstelen und -tafeln werde das in angemessener Weise gelingen. Nun mögen diese auch ihrem Namen gerecht werden: „Sie sollen an die Ermordeten erinnern und ein Zeichen setzen - 'Nie wieder!'". Reiter sprach von einem „breiten Schulterschluss" nach einer langen Diskussion.

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Erinnerungszeichen an Franz und Tilly Landauer.
Erinnerungszeichen an Franz und Tilly Landauer. © stauss processform München

Erinnerungstafeln für Katholiken Klingenbeck

Hintergrund ist, dass in vielen Städten der NS-Opfer mit „Stolpersteinen" gedacht wird. Diese wurden jedoch von der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, stets abgelehnt. Begründung: Man trete auf die Steine und gehe achtlos über sie hinweg.

Unter den ersten sechs Erinnerungstafeln ist auch eine für den Katholiken Walter Klingenbeck, Mitglied der Jungschar in der Pfarrei Sankt Ludwig. Die Nazis richteten den 19-Jährigen im August vor 75 Jahren hin, weil er zum Sturz des Regimes aufgerufen hatte. Eine Stele informiert über die ebenfalls im Widerstand aktive Therese Kühner. Die Zeugin Jehovas wurde 1944 ermordet.

Wer war Walter Klingenbeck?

Der am 30. März 1924 in München geborene Klingenbeck wuchs in der Pfarrei Sankt Ludwig auf und gehörte dort der Jungschar an. Seine christliche Überzeugung brachte ihn zum Widerstand gegen das NS-Regime. Zur Anklage führte letztlich das Anbringen von Victory-Zeichen im öffentlichen Raum, das Schwarzhören ausländischer Radiosender und die Arbeit an einem eigenen Widerstandsradio mit drei Freunden gleichen Alters. Zwei von ihnen wurden ebenfalls zum Tod verurteilt, später jedoch begnadigt. Ein weiteres Mitglied der Gruppe erhielt eine mehrjährige Gefängnisstrafe. Klingenbeck wurde am 5. August 1943 hingerichtet.

Die erste Tafel wird der Oberbürgermeister in Erinnerung an Franz und Tilly Landauer übergeben. Der jüdische Kaufmann wurde in Folge der Pogromnacht 1938 in das KZ Dachau verschleppt. Seines Eigentums beraubt, gelang dem Ehepaar ein Jahr später die Flucht nach Amsterdam. Dort wurde es 1942 verhaftet und im Kamp Westerbork interniert. Franz Landauer starb dort 1943. Tilly wurde 1944 in das KZ Theresienstadt und dann nach Auschwitz deportiert, wo man sie ermordete. (kna)


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