Zölibats-Debatte Ersatzloser Verzicht wäre kein Fortschritt

21.09.2016

Wieder ist die Diskussion über den Zölibat entbrannt. Daran festhalten, lockern oder abschaffen - das sind die Möglichkeiten. Wir haben den Liturgiewissenschaftler Professor Haunerland gefragt.

Winfried Haunerland ist Professor für Liturgiewissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Direktor des Herzoglichen Georgianums. © privat

MK: Gibt es theologische Gründe dafür, dass Priester nicht heiraten dürfen?

HAUNERLAND: Im Laufe der Geschichte hat es sicher unterschiedliche Motivationen für die Ehelosigkeit der Priester gegeben. Theologisch ist mir wichtig, dass die Ehelosigkeit der Priester nicht auf einer Geringschätzung von Ehe und Sexualität beruht. Vielmehr zeigt der Verzicht auf etwas Gutes und Wertvolles, dass diese Welt nicht alles ist und wir, die Kirche, aber auch der einzelne Christ, uns nicht so in dieser Welt einrichten sollen, als wenn es keine Zukunft bei Gott gibt. Daran erinnert die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen, von der Jesus im Evangelium spricht (Mt 19,12) und die von den Ordensleuten und von den unverheirateten Männern versprochen wird, die sich zum Diakon und Priester weihen lassen.

MK: Gehört der Zölibat unabdingbar zur priesterlichen Identität?

HAUNERLAND: Wie an der Praxis der Ostkirchen, auch der katholischen Ostkirchen zu sehen ist, kann es auch verheiratete Priester geben. Insofern ist der Zölibat nicht theologisch zwingend für das katholische Priestertum. Allerdings ist die Bereitschaft zur zölibatären Lebensform ein wichtiges Indiz dafür, dass ein Mann nicht nur einen angesehenen Beruf anstrebt, sondern sich mit seiner ganzen Person in den Dienst Christi und der Kirche zu stellen versucht. Die Entscheidung zu lebenslanger Ehelosigkeit und sexueller Enthaltsamkeit macht sehr konkret, dass mit der Priesterweihe nicht nur eine beschränkte Dienstbereitschaft des Kandidaten und eine Beauftragung mit gegenseitigem Kündigungsrecht verbunden ist, sondern eine Person sich an Christus und die Kirche bindet und durch das übertragene Amt endgültig und auf Dauer gebunden wird.

MK: Wäre die Lockerung des Zölibats ein probates Mittel, um den Priestermangel einzudämmen?

HAUNERLAND: Sicherlich würde es in einer ersten Phase mehr Männer geben, die bereit wären, sich zum Priester weihen zu lassen. Aber die Ursache für die geringere Zahl der Priester ist umfassender. Lebenslange Entscheidungen, Bindungen an Institutionen wie die Kirche und ein öffentliches Glaubensleben sind heute schwieriger geworden, zumal eine solidarische Unterstützung, die früher im Allgemeinen durch Gesellschaft, die Familien und unsere Pfarrgemeinden geleistet wurde, heute oftmals nicht mehr erfahren wird. So ist die Zahl der jungen Menschen, die mit Selbstverständlichkeit am Leben der Kirche und am sonntäglichen Gottesdienst teilnehmen, im Laufe der letzten Jahrzehnte ebenso rapide zurückgegangen. Im Verhältnis dazu haben wir nach meiner festen Überzeugung nicht weniger Priesterkandidaten als früher. Ein Indiz dafür, dass mit der Veränderung der Zulassungsbedingungen zum Amt der sogenannte Priestermangel auf Dauer nicht behoben sein würde, zeigt sich in den evangelischen Kirchen in Deutschland, die sich – anders als noch vor wenigen Jahren – mittlerweile auch auf einen Pfarrermangel ab dem Jahr 2020 einstellen.

MK: Wie sehen Sie die Chance, dass sich in absehbarer Zeit etwas am Pflichtzölibat ändert?

HAUNERLAND: Grundsätzlich glaube ich, dass die katholische Kirche auch in unserer Zeit weltweit an der Ehelosigkeit der Priester festhalten wird. In vielen Ländern Asiens und Afrikas gibt es ja überhaupt keinen Priestermangel. Es handelt sich insofern nicht um eine weltweite Diskussion. Allerdings vermag ich nicht einzuschätzen, ob ortskirchliche Vorschläge, zu denen Papst Franziskus die Bischöfe immer wieder ermutigt, auch in diesem Bereich willkommen wären und Aussicht auf Realisierung hätten. Schon vor Jahren hat es aus Ländern der jungen Kirche den Vorschlag gegeben, Männer, die sich in Kirche und Gesellschaft, Ehe und Beruf bewährt haben, als Priester für eine konkrete Pfarrei zu weihen und damit Priester eines neuen Typs zu entwickeln. Ob das dort hilfreich ist, wage ich nicht zu beurteilen. Aber ich glaube, dass solche Überlegungen in unserer Situation, in der die Geschlossenheit der klassischen Pfarrgemeinden geringer wird, vermutlich nicht zielführend wären. Bei einem solchen Vorschlag würde man ja nicht nur auf den Zölibat verzichten, sondern auch auf das Theologiestudium und auf die grundsätzliche Bereitschaft zum Dienst dort, wo der Bischof den Einzelnen hinsendet. Darüber hinaus glaube ich, dass in unserer kirchlichen Situation Differenzierungen in unterschiedliche Priester-Typen schnell als diskriminierend kritisiert und deshalb nicht ertragen würden.

MK: Was ist Ihre persönliche Meinung zu diesem Thema?

HAUNERLAND: Der priesterliche Zölibat lebt wesentlich davon, dass er die gemeinsame Lebensform einer Gruppe ist. Wenn der Einzelne seine Ehelosigkeit immer wieder rechtfertigen muss, würde der Freiheit zur Eheschließung sehr bald die Erwartung folgen, dass ein Priester, der kein Sonderling sein will, verheiratet ist. Auch hier ist die Geschichte des Protestantismus lehrreich. Vor allem aber müssen sich alle klar sein, dass ein Verzicht auf den Zölibat als die verbindliche Lebensform der katholischen Priester notwendige Auswirkungen auf die Sozialgestalt des priesterlichen Amtes hätte. Die Verfügbarkeit für den Dienst an den Menschen muss der verheiratete Priester immer wieder in Balance bringen mit seiner Verantwortung für die eigene Familie. Natürlich müssen sich dieser Aufgabe auch manche Frauen und Männer in anderen Berufen stellen. Sie schützen sich nicht selten durch eine starke Trennung von beruflichem und außerberuflichem Leben. Priester darf aber nicht nur ein Beruf sein, der mich eine begrenzte Zeit in Beschlag nimmt, sondern soll den ganzen Menschen prägen. Die Bereitschaft, sich zum Priester weihen zu lassen, schließt den Willen ein, nicht nur meine Arbeitszeit und Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen, sondern mich selbst in Dienst nehmen zu lassen. Das aber muss in irgendeiner Weise auch konkret im Leben erfahrbar werden. An diesen großen Anspruch erinnert die zölibatäre Lebensform sehr deutlich und mahnt von daher immer wieder, sich umfassend in Dienst nehmen zu lassen. Ein ersatzloser Verzicht auf den Zölibat wäre für mich deshalb kein Fortschritt.

(Interview: Susanne Holzapfel)


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