Die Geschichte von Okut aus Uganda Erst Kindersoldat, dann Psychologe

12.02.2019

Am 12. Februar ist der Internationale Tag gegen den Einsatz von Kindersoldaten. Okot wurde mit 14 Jahren von einer ugandischen Terrormiliz entführt und zum Töten gezwungen. Nach seiner Flucht entdeckte er Gott – und die Psychologie.

Eines Tages setzte sich Okot in eine Kirche. Eigentlich wollte er nur der Musik zuhören, aber die Lesung aus der Bibel berührte ihn tief. © Bräuer

München – Uganda, 1997. Mitten in der Nacht hämmern fremde Männer an die Tür. Okot (Name geändert), damals 14, weiß sofort: Das sind Rebellen der Lord’s Resistance Army (LRA) – der christlichen Terrormiliz, die den Norden des Landes zu der Zeit im Griff hat. Sie verschleppen den Buben aus seinem Elternhaus in die Wildnis. Der Anführer Joseph Kony setzt massiv auf Kindersoldaten. Sie sind einfach zu entführen und leicht zu manipulieren. Okot sieht schnell, was mit denen passiert, die versuchen zu fliehen: Sie werden erschossen oder totgetreten. Gemeinsam mit anderen Kindersoldaten muss Okot Dörfer überfallen, plündern, töten. „Es tat mir so leid, dass ich Menschen umbringen musste, einfach so, grundlos“, sagt er heute. Aber er passt sich an, um zu überleben. Irgendwann begeht er auch freiwillig Verbrechen, entführt sogar selbst Kinder.

Schreckliche Albträume

Mit 16, im Chaos eines Gefechts, kann Okot fliehen. Doch nach seiner Rückkehr findet er nur schwer in die zivile Gesellschaft zurück. Ihn plagen Schmerzen in der Brust, Flashbacks, schreckliche Albträume. Die Ärzte können keine Ursache finden. Endlich stellt einer die Diagnose: PTSD, Posttraumatische Belastungsstörung. Okot ist misstrauisch: Gehen nicht nur Verrückte zum Psychologen? Aber der Leidensdruck ist so groß, dass er nachgibt. Seine Therapie kommt ihm zuerst banal vor. „Die einzige Behandlung war, dass er mit mir über das sprach, was passiert war.“ Aber das Reden verändert Okots Leben. Zum ersten Mal spricht er über die Dinge, zu denen er bei der LRA gezwungen wurde. Bald geht es ihm besser, zum ersten Mal seit Jahren schläft er wieder durch. Die Erfolgsquote der Therapien ist hoch, sagt die deutsche Psychologin Anett Pfeiffer, die bei der Hilfsorganisation „vivo“ in Norduganda arbeitet: Bei 90 Prozent ihrer Patienten sind die Symptome schon nach zwölf Sitzungen deutlich geringer oder ganz verschwunden.

Okot plagen Schuldgefühle. Im Glauben sucht er anfangs keinen Halt – schließlich hat der LRA-Anführer Joseph Kony das Christentum missbraucht, um seine Anhänger zu indoktrinieren. Kony behauptete, ein Prophet zu sein. Seine Kindersoldaten schickte er mit einem Gebet in den Kampf.

Der christliche Glaube hilft Okot, mit seiner Schuld umzugehen.
Der christliche Glaube hilft Okot, mit seiner Schuld umzugehen. © Bräuer

Im Kugelhagel beschützt

Aber eines Tages setzt sich Okot in eine Kirche. Eigentlich will er nur der Musik zuhören, aber die Lesung aus der Bibel berührt ihn tief: „Wenn du durchs Wasser schreitest, bin ich bei dir, wenn durch Ströme, dann reißen sie dich nicht fort. Wenn du durchs Feuer gehst, wirst du nicht versengt, keine Flamme wird dich verbrennen.“ (Jes 43,2) „Ich habe die Stelle sofort mit dem verbunden, was ich im Busch durchgemacht habe“, erzählt er. Gott hat ihn im Kugelhagel beschützt. Während andere im Krieg Arme und Beine verloren, hat er selbst nur eine Brandnarbe davongetragen.

Plötzlich ergibt für Okot alles Sinn. Das Christentum hilft ihm, mit seiner Schuld umzugehen. Er nimmt an Bibelstunden teil, geht beichten. Heute ist er aktiv in der Kirche. Ein fröhlicher Mann, ständig unterwegs und gut vernetzt. Er singt im Kirchenchor, moderiert in einem kirchlichen Radiosender, ist aktiv als Jugendgruppenleiter. Den Erzbischof von Gulu (Uganda) kennt er sogar persönlich, erzählt er stolz.

Kostenlose Beratungen

Durch seine Gemeinde lernt Okot viele andere ehemalige Kindersoldaten kennen. Viele trinken, sind depressiv oder aggressiv, leiden unter dem Trauma. Okot beschäftigt das. Er beginnt eine Ausbildung zum Laientherapeuten. Neben seiner Arbeit als Ingenieur studiert er später sogar Psychologie. Heute bietet er gemeinsam mit anderen ehemaligen Kindersoldaten kostenlose psychologische Beratungen an.

Seine eigene Geschichte verschweigt er nicht: Dass er selbst Kindersoldat war, macht ihn zu einem besseren Therapeuten, sagt er. „Ich weiß genau, wovon ihr redet“, sagt er seinen Patienten. Er will ihnen zeigen, dass es besser wird. „Ich bin von meinen Erinnerungen geheilt. Ich vergesse sie nicht, aber heute fühle ich den Schmerz nicht mehr.“ (Elsbeth Bräuer und Minh Thu Tran)

Missio München unterstützt in dem Projekt Tushirikiane in Kenias Hauptstadt Nairobi Flüchtlinge aus den umliegenden Ländern. Unter den Menschen, die vor Gewalt und Konflikten in ihrer Heimat fliehen, sind auch ehemalige Kindersoldaten. Wer helfen will, findet hier weitere Informationen.


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