Gedenken zum 70. Jahrestag Erstmals Bundeskanzlerin bei Gedenkfeier im ehemaligen KZ-Dachau

03.05.2015

Charlotte Knobloch sagt, sie könne die Formel „nie wieder!“ kaum mehr hören; Kardinal Marx bezeichnet die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten als „wichtig für Europa“.

Bundeskanzlerin Merkel bei der Gedenkfeier im Zelt auf dem ehemaligen Appellplatz. (Foto: SMB)

Dachau – Strömender Regen, überfüllte Zelte, viele hochbetagte Menschen – teils in Rollstühlen, gepanzerte Limousinen, Sicherheitsbeamte, hochdekorierte Kriegsveteranen, polnische Fahnen, umgenähte Bestandteile von Häftlingskleidung und an die 100 Kränze: die Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau war wegen des miserablen Wetters eine Herausforderung für Gäste und Veranstalter, vor allem aber eine gemeinsame Feier vieler Nationen und aller Generationen.

Gekommen waren auch mehr als 260 ehemalige Häftlinge. Schon bei der Feier zum 75. Jahrtag und spätestens in zehn Jahren werden kaum noch Menschen am Leben sein, die zwischen 1933 und 1945 in Dachau gefangen waren und dort gequält wurden. Einer von ihnen, Abba Naor, der heute in Israel lebt, hat mit einer hochemotionalen Rede deutlich gemacht, wie unersetzlich Zeitzeugen sind. Er erinnerte vor allem an die vielen Kinder und 1,5 Millionen jungen Menschen, die damals ermordet wurden. Wer die Shoa verstehen wolle, der müsse das Flehen der Kinder hören. „Statt Geschenke - Hunger. Statt Spielzeug - Angst. Die Nazis zerstörten Millionen von Welten.“ Naor stand eingerahmt von zwei seiner acht Urenkel auf dem Podium und wünschte, ehe er vom Applaus unterbrochen wurde, dass „sie solche Verbrechen nie erleben müssen.“

Mit Angela Merkel war erstmals die Spitze des Staates anwesend. Keiner ihrer Vorgänger hatte die Einladung zu der jährlich stattfindenden Befreiungsfeier angenommen. Der KZ-Überlebende Max Mannheimer redete sich im Interview mit den Münchner Kirchennachrichten darüber förmlich in Rage. Helmut Kohl zum Beispiel habe den amerikanischen Präsidenten, als dieser ein ehemaliges Konzentrationslager besuchen wollte, zu einem ehemaligen Lager und Stützpunkt der US-Army in Rheinland-Pfalz gelotst. „Dort gab es nur Gräber von SS-Soldaten zu sehen,“ schimpfte Mannheimer. Er freue sich nun wirklich sehr, dass die Bundeskanzlerin nach Dachau gekommen sei. Merkel dankte in ihrer Rede vor allem den Überlebenden: es sei "ein großes Glück, dass Menschen wie Sie bereit sind, uns Ihre Lebensgeschichte zu erzählen". Das große Leid in den Konzentrationslagern entziehe sich dem Vorstellungsvermögen. Schilderungen von betroffenen Menschen ermöglichten es gerade jungen Menschen, Daten und Zahlen mit Namen und Lebenswegen zu verbinden. Sie selbst hat diese Gelegenheit kaum genutzt: noch während die letzten Kränze niedergelegt wurden, entschwebte sie per Hubschrauber Richtung Flughafen.

Vor der live im TV übertragenen Gedenkfeier am ehemaligen Apellplatz fanden weitere Gedenkstunden statt. Den Auftakt bildete eine Eucharistiefeier im Karmel Heilig Blut. Kardinal Marx, der immer wieder in kleinstem Kreis Gottesdienste im Karmel feiert, war es ein Anliegen, diesen Tag der Erinnerung auch vor dem Hintergrund des Todes und der Auferstehung Jesu Christi zu begehen. Erst der Blick auf den Gekreuzigten mache es möglich, die ganze Wahrheit anzuschauen, auch wenn man diese nicht verstehen könne. Beim ökumenischen Gottesdienst mit Landesbischöfin Susanne Breit-Keßler und Metropolit Augoustinos Labardakis bezeichnete Kardinal Reinhard Marx die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten und die Befreiung des Konzentrationslagers als „wichtig für Europa und den Aufbau einer humanen Zivilisation“. Mit dem zeitlichen Abstand von den Ereignissen habe die Intensität der Erinnerung nicht ab-, sondern eher noch zugenommen.

Unmissverständliche Worte fand Charlotte Knobloch bei der Gedenkveranstaltung der jüdischen Gemeinde. Sie könne die Formel ‚nie wieder!‘ kaum mehr hören, angesichts des vielfach gegenwärtigen Antisemitismus in Deutschland. „Machen wir uns nicht länger etwas vor: Wir haben ein Problem“, so die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeine von München und Oberbayern. Wer ihr entgegenhalte, dass es nur wenige seien wie jetzt wieder in Weimar, dem sage sie: „Das habe ich schon einmal gehört!“. Knobloch plädierte dafür, "den Heutigen unsere Geschichte nicht als Last, sondern als Chance näherzubringen – als Motivation zu Mündigkeit, Wehrhaftigkeit und Menschlichkeit". Zu Bundeskanzlerin Merkel und Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer gewandt dankte Knobloch für deren Kommen und schloss mit den Worten: "Sie geben mir den Mut, meine Zweifel beiseite zu schieben und stärken mich in meiner Gewissheit, dass es gut war zu bleiben, dass es richtig ist, zu vertrauen." (gw)


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