Missbrauchsskandal "Es braucht eine solidarische Anstrengung der gesamten Kirche"

14.01.2020

Im Gespräch erklärt Matthias Katsch, Sprecher der Opferinitiative "Eckiger Tisch", was seit der Aufdeckung des Missbrauchsskandals bereits ereicht wurde und was alles noch passieren muss.

Matthias Katsch ist Sprecher der Betroffeneninitiative „Eckiger Tisch“
Matthias Katsch ist Sprecher der Betroffeneninitiative „Eckiger Tisch“ © imago/Future Image

Herr Katsch, in Ihrem Buch beschreiben Sie die Szene, als sie in ihrer alten Schule waren und mit Pater Mertes über den Missbrauch sprachen, den zwei Patres der Schule Ihnen und vielen anderen angetan haben. Was haben Sie und andere Betroffene seitdem erreicht?

Positiv verändert hat sich gesamtgesellschaftlich sicher, dass die Sichtbarkeit der Betroffenen zugenommen hat sowie die Bereitschaft ihnen zuzuhören. Das ist natürlich ein gewisser Erfolg. Durch die Einrichtungen des Missbrauchsbeauftragten und anderer Gremien haben wir es als Betroffene geschafft, dass das Thema nicht wieder von der Agenda gerutscht ist. Niemand kann damit zufrieden sein, was bislang erreicht wurde. Wir sind auf dem Weg, aber es muss weitergehen.

Speziell in der katholischen Kirche ist viel passiert: Es gibt die Präventionsanstrengungen, die große Studie über Missbrauch (MHG-Studie) und Aufarbeitungsprojekte in einzelnen Bistümern, aber leider nicht in der Fläche. Es gibt eine Kakophonie an Stellungnahmen, aber ich hoffe, dass es am Ende etwa bei den Standards für die Aufarbeitung nicht 27 Konzepte gibt, sondern eine gemeinsame Grundlage für die Bistümer in Deutschland. Bislang fehlt mir ein gemeinsames Vorgehen der Bischöfe.

Was ist für Sie die größte Enttäuschung?

Trotz aller Betroffenheit ist es nicht gelungen, das Thema so in den Fokus zu nehmen, dass es eine zivilgesellschaftliche und staatliche Anstrengung gibt, Missbrauch einzudämmen und möglichst zu verbannen. Die Zahlen sind nach wie vor erschreckend hoch. Dabei könnten wir beispielhaft von der katholischen Kirche und den bereits von ihr unternommenen Schritten lernen, wo wir in anderen Bereichen - nehmen wir etwa den Sport - genau hinschauen müssen.

Die große Mehrheit in Politik und Gesellschaft sieht sexuelle Gewalt immer noch als gruseliges Spezialistenthema, mit dem sie möglichst wenig zu tun haben will. Wir brauchen aber eine gemeinsame Kraftanstrengung, um Kinder und Jugendliche besser zu schützen.

In Ihrem Buch beschreiben Sie auch Ihre Erfahrungen, vom Anti-Missbrauchsgipfel, der im vergangenen Jahr in Rom stattfand, und Sie kritisieren die Rede von Papst Franziskus am Ende des Gipfels.

In seiner Rede verwies Papst Franziskus unter anderem darauf, dass Missbrauch in anderen Kontexten vorkommt und am häufigsten in Familien. Das ist natürlich richtig, aber ich hätte von ihm in einer so krisenhaften Situation mehr Selbstkritik und ein stärkeres Eingehen auf die Forderungen von Betroffenen erwartet.

Doch der Papst hat nachgeliefert: Er hat zunächst nur für den Vatikan, inzwischen aber auch weltweit, neue Regeln des Reportings von Missbrauch veranlasst, und er hat endlich für die Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch durch Priester das sogenannte päpstliche Geheimnis aufgehoben. Leider gibt es bisher keine Pflicht zur Anzeige bei den Behörden.

Ende des Monats beginnt für die katholische Kirche in Deutschland der Reformprozess der katholischen Kirche, der sogenannte Synodale Weg. Was erwarten Sie davon?

Ich bin froh darüber, dass ein solches Format zustande kommt, aber es darf natürlich nicht bei unverbindlichem Gerede bleiben. Grund für das Aufsetzen des Reformprozesses waren ja nicht zuletzt die Ergebnisse der großen Missbrauchsstudie, die vor mehr als einem Jahr veröffentlicht wurde und in der die Wissenschaftler auf systemische Ursachen für den Missbrauch in der katholischen Kirche hinwiesen.

Der Betroffenenbeirat, den die Bischofskonferenz einrichten will, ist so ein Zeichen, dass etwas in Bewegung gekommen ist. Man wird sehen, wie sich das entwickelt, es ist ein vorsichtiges Aneinanderherantasten. Die Frage bleibt aber im Raum, ob jemand der amtierenden Bischöfe bereit ist, eine politische Gesamtverantwortung zu übernehmen. Bislang haben das in Deutschland nur diejenigen getan, die nicht mehr im Amt sind. In Chile haben fast alle Bischöfe ihren Rücktritt angeboten, und der Papst hat einige Gesuche angenommen.

Sie kritisieren in Ihrem Buch auch eine bislang noch nicht erfolgte Aufarbeitung an den Schulen der Jesuiten, speziell am Canisius-Kolleg.

Es gibt generell Diskrepanzen zwischen Orden und Bischöfen. Für mich drängt sich nicht nur bei den Jesuiten der Eindruck auf, dass sie sich darauf ausruhen, nicht den Bischöfen, sondern unmittelbar dem Papst unterstellt zu sein. Es gibt einen erheblichen Widerstand der Orden etwa in der Entschädigungsfrage, aber auch sie müssen akzeptieren, dass es zu ihrer Verantwortung gehört, sich einer unabhängigen Aufarbeitung zu stellen und sich darum zu kümmern, wie Opfer entschädigt werden.

Im Auftrag der Bischofskonferenz wurden dazu im letzten Jahr Empfehlungen in einem partizipativen Prozess erarbeitet, und ich konnte das Dokument bei der Vollversammlung in Fulda den Bischöfen mit vorstellen. Jetzt muss das konkretisiert werden.

Eine Möglichkeit für eine Entschädigung könnte etwa ein gemeinsamer Fonds sein, an dem sich alle Bistümer und Orden beteiligen, so dass weniger wohlhabende Diözesen und kleinere Ordensgemeinschaften nicht überfordert werden. Es darf in der Frage der Entschädigung nicht zu einer weiteren Verschleppung kommen, weil sich die Verantwortlichen nicht auf das Verfahren und nicht auf eine Höhe einigen können. Die Opfer haben lange genug gewartet. Es braucht jetzt eine solidarische Anstrengung der gesamten Kirche in Deutschland.

Was sind mit Blick auf die Bekämpfung von Missbrauch Ihre Hoffnungen für die nächsten zehn Jahre?

Die Vereinten Nationen wollen bis 2030 bei der Bekämpfung von Missbrauch einen großen Schritt vorankommen und ihn möglichst völlig verbannen - ich bezweifle, dass das bis dahin gelingt, wenn ich mir die Anstrengungen auch in Deutschland ansehe.

Aber es wäre wichtig, dass wir weiter vorankommen und die katholische Kirche und die von ihr getroffenen Maßnahmen dann möglichst ein Teil der Lösung sind. Voraussetzung dafür ist, dass Staat und Gesellschaft begreifen, dass sie viel aktiver sein müssen. Notwendig sind auch weitere strukturelle Maßnahmen. Es sollte in allen Bundesländern Missbrauchsbeauftragte geben, es braucht mehr Beratungsstellen, die nicht von der Kassenlage der Kommunen abhängen. Alle sind gefordert, damit es weniger wird, damit es aufhört und Kinder sicher vor sexueller Gewalt sind. (kna)


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